Bergpartie auf die Teufelskanzel – mit Theodor Storm im Mittelgebirge

Theodor Storm, einer der großen Erzähler des 19. Jahrhunderts, verbindet man mit Novellen wie „Immensee“ und „Der Schimmelreiter“ und mit eindrücklichen Schilderungen der nordfriesischen Küstenlandschaft. Seine besondere Begabung, eine Landschaft mit wenigen Worten dem Leser bildhaft vor Augen zu führen, beschränkte sich aber nicht auf seine friesische Heimat: In der Novelle „Eine Malerarbeit“ schildert Storm in der ihm eigenen, prägnanten Form mit wenigen Federstrichen eine Landschaft des Mittelgebirges und skizziert Ablauf und Stimmung einer für das 19. Jahrhundert typischen Landpartie in einer Weise, dass der Leser meinen könnte, er sei selbst dabei.

Landschaft Weitblick - Katrin von Mengden-Breucker

Landschaft Weitblick – Katrin von Mengden-Breucker

Im Mittelpunkt der Novelle steht der körperlich beeinträchtigte Maler Edde Brunken. Er ist gemeinsam mit anderen Freunden des Hauses vom Vater der jungen Getrud, die ihm Modell saß, zu einer Landpartie auf die Teufelskanzel im Brocken-Gebirge eingeladen. Munter und beschwingt geht es – zunächst im Wagen, dann zu Fuß – nach oben. Ebenso leicht fließen die Worte in Storms Schilderung der Szenerie:

Am andern Tage leuchtete der hellste Sonnenschein. Zu Leiterwagen, in denen man sich auf langen Brettern gegenübersaß, ging es die erste Meile durch den Wald; alle Altersklassen waren vertreten, Gertrud hatte sogar ein ganzes Rudel Kinder mit zu verpacken gewußt. Unter der Direktion des lebenslustigen Onkels ging dergleichen immer vortrefflich, und so war denn auch heute alles guter Dinge, und die Drosseln im Tannicht sangen nicht heller, als das junge Volk auf den Leiterwagen. Zumal mein kleiner Brunken war heiterer, als ich ihn lange gesehen; wenn die anderen schwiegen, sang er mit seiner starken, aber freilich etwas scharfen Tenorstimme holländische Volkslieder, die er von der Antwerpener Akademie mitgebracht hatte. Er war in solchen Dingen unerschöpflich. Endlich langte man in einem Dorfe unterhalb des Gebirges an, von wo aus es zu Fuße nach der Teufelskanzel hinaufgehen sollte, einem breiten Felsenvorsprung, zu dem ein ziemlich steiler Weg etwa eine Stunde lang durch niedriges Gebüsch hinaufführte. Die Sonne brannte, und da ich das Bergsteigen unter solchen Umständen für meinen Freund nicht rätlich hielt, so bestieg er eines unserer Wagenpferde, einen alten mageren Urhengst, und diesen Reiter in der Mitte, zog nun die lustige Schar in der Bergschlucht aufwärts; zwei Bauerburschen folgten mit wohlgepackten Körben, die ein gutes Frühstück am Ziele alles Mühsales verhießen.“ (Theodor Storm, Eine Malerarbeit, Erstdruck in „Westermanns Illustrierte deutsche Monatshefte“ Nr. 23, 1867/1868, Seiten 1 bis 17; Neuausgabe mit Biografie, herausgegeben von Karl-Maria Guth, Sammlung Hofenberg, Berlin 2013, Seite 56 f.; der Text folgt: Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden, herausgegeben von Peter Goldammer, 4. Auflage, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1967).

Nach kurzem Halt mit erquickender Trinkpause erreicht die Gesellschaft das Ziel:

Endlich war die Teufelskanzel erreicht. Sie war nicht unbefugt, diesen Namen zu führen; lotrecht schoß der Fels über hundert Klafter in die Tiefe, wo sich unten im Sonnenglanz die lachendste Landschaft ausbreitete. Durch grüne Wiesen, an Dörfern und Wäldern vorbei, floß in vielen Krümmungen ein glänzender Strom, dessen Rauschen in der Mittagsstille zu uns heraufklang, und drüber her, in gleicher Höhe mit uns, standen die Lerchen flügelschlagend in der Luft und mischten ihren Gesang in die Musik der Wellen. Wer dessen noch fähig war, der mußte hier von Lebens- und Liebeslust bestürmt werden. Brunken, dessen Mähre einem der Bauerburschen zur Obhut übergeben war, stand neben mir und starrte wie verzaubert in die Tiefe.

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Von Zivi06 aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5664135

»Arnold«, sagte er und drückte mir die Hand, »das Leben ist doch schön!«

Nach dem Frühstück stieg der Assessor mit einigen anderen Herren auf einem Umwege den Berg hinab, um eine von unten heraufschimmernde Marmorader zu untersuchen; die übrigen blieben noch auf der Lagerstelle; Brunken und ich schlenderten in den Wald hinein. Während ich mich hier an einer freien Stelle ins Moos warf, befiel ihn die Kletterlust seiner Jugend; ich sah ihn über mir an einer jungen Buche wie eine große Spinne von Ast zu Ast hinaufrücken, und nicht lange, so schaukelte er sich im höchsten Wipfel und sang laut über den Wald hinaus.“

(Theodor Storm, Eine Malerarbeit, herausgegeben von Karl-Maria Guth, aaO, Seite 57).

Eine Malerarbeit“ – Leben und Leiden des Malers Edde Brunken

Die beschriebene Land- und Bergpartie markiert den Höhe- und Wendepunkt in Storms Novelle „Eine Malerarbeit“: Der körperlich beeinträchtigte, lebensmutige und tatendurstige Maler Edde Brunken verliebt sich in die ebenso hübsche wie unbeschwert leichtlebige Gertrud, während diese für ihn Modell sitzt. Schmerzlich verspürt er, dass seine Liebe nicht zuletzt aufgrund seiner Behinderung unerwidert bleiben wird und bringt dies in einer „Studie zur Selbsterkenntnis“ bildlich zum Ausdruck: In einem sonnigen altfranzösischen Park steht ein „verkrüppelter Mann[es]“ vor einer Marmorstatue der Liebesgöttin Venus und betrachtet diese sinnierend, während sich auf einem sonnigen Laubweg im Hintergrund „im traulichsten Behagen ein Liebespaar entfernt[e]“. Das Paar steht sinnbildlich für die für ihn unerreichbare Gertrud und deren Verehrer, einem vom Maler wenig geschätzten Assessor, mit dem er sich unlängst sogar wegen eines Wortgefechtes ein – glimpflich ausgegangenes – Pistolenduell geliefert hatte. Nach und trotz dieser „Selbsterkenntnis“ fasst der Maler Hoffnung, als der Vater Gertruds „eines Tags in der schönen Junizeit auf Gertruds Antrieb eine Wald- und Bergpartie veranstaltete“.

Theodor Storm Eine Malerarbeit - Katrin von Mengden-Breucker

Theodor Storm Eine Malerarbeit – © Katrin von Mengden-Breucker

Mit jedem Schritt des Aufstiegs, den der Maler hoch zu Ross absolviert, steigt die Gemüts- und Stimmungslage. Der auf der zwischenzeitlichen Rast genossene Rotwein befeuert die Hochstimmung:

Aber wer konnte so lange dursten! Auf der Mitte des Weges wurde Halt kommandiert; die Mädchen schenkten Wein, alles trank, und auch dem Maler wurde von Getrud ein großer Humpen hinaufgereicht. – Man mußte es sehen, wie die kleine Gestalt mit dem rauhen, mächtigen Kopf auf der hochbeinigen Mähre huckte, wie er das Glas emporhob, daß die Sonne durch den roten Wein funkelte, und mit den scharfen schwarzen Augen danach hinblinzte. »Flüssiger Rubin!« rief er. »Auf das Wohl aller schönen Erdenkinder!« Und dabei goß er den roten Wein hinab.

»Seht da, der Herr des Gebirges!« rief Gertrud.

»Nur der Kobold, schöne Dame!« entgegnete der Maler und setzte seinem Hengst die Fersen in die Weichen.

(Theodor Storm, Eine Malerarbeit, herausgegeben von Karl-Maria Guth, aaO, Seite 57).

Auf der Teufelskanzel – Euphorie und Ernüchterung

Oben auf der „Teufelskanzel“ angekommen, ist der Maler eins mit sich und der Natur: Der Aufstieg ist geschafft, die verehrte Gertrud dabei, der Wein wirkt und die ringsum sich entfaltende Landschaft lässt ihn seine körperlichen Gebrechen und die Unerfüllbarkeit seiner Liebe vergessen: „Das Leben ist doch schön!“.

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Von 79.214erEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36518319

Noch auf der Teufelskanzel jedoch beginnt die Wendung: Auf einer schönen bemoosten Lichtung erzählt der Maler den Umstehenden, darunter Gertrud, eine mystische Geschichte von einem ungeschlachten Ungeheuer, welches ein reizendes Fräulein raubt. Je weiter die Geschichte gedeiht und je konkreter sich Gertrud im Entführungsopfer wiederfindet, desto unangenehmer wird ihr die Situation, der sie schließlich entflieht. Im anschließend vom Maler belauschten Gespräch zwischen Gertrud und ihrem Cousin – dem fiktiven Erzähler der Geschichte – kommt es zum Bruch: Gertrud entdeckt dem Cousin, dass sie sich von der offenbar gewordenen Zuneigung des Malers bedrängt fühlt und sich – trotz moralischer Bedenken – nicht in der Lage sieht, diese Gefühle zu erwidern:

Sie sah mich eine Weile unentschlossen an, dann mit einer raschen Bewegung zu mir tretend, brachte sie den Mund dicht an mein Ohr und rief mit einem Ton des Abscheues: »Der Bucklige!«

»Mein armer Freund!« Ich wußte weiter nichts zu sagen, obgleich es mir seit der letzten halben Stunde nichts Neues war, was ich erfuhr.

Gertrud nickte. »Er hat so gute Augen!« sagte sie. »Oh, ich weiß es ja, es ist so schlecht von mir!« und dabei fing sie bitterlich zu weinen an.

Nachdem ich sie etwas beruhigt hatte, bat ich sie noch ein paar Augenblicke hier zu verweilen; ich wollte, ehe sie dorthin zurückkehrte, den kleinen Maler aus dem Kinderkreise zu entfernen suchen. Gertrud war damit einverstanden. Als ich aber kaum ein paar Schritte in die Bäume hinein getan hatte, sah ich nicht weit von mir eine arme gebrechliche Gestalt an einen Baum gelehnt.“

(Theodor Storm, Eine Malerarbeit, herausgegeben von Karl-Maria Guth aaO, Seiten 60 f.).

Damit endet der Aufenthalt auf der Teufelskanzel und es beginnt – auch im übertragenen Sinne – der Abstieg. Der Maler entzieht sich der für ihn unerträglichen Situation und verlässt die Stadt. Erst nach Jahren entdeckt ihn der Erzähler wieder. Im gemeinsamen Haushalt mit seiner Schwester und deren Tochter hat er in neuem, doch vertrautem Umfeld Ruhe und darüber hinaus Erfüllung gefunden: Er darf dem Sohn des Nachbarn, einem vierschrötigen Bauern, dessen Talent er erkannt und dem zunächst widerwilligen Vater vor Augen geführt hat, Malunterricht erteilen. Er hat nun gleichsam einen geistig-künstlerischen Ziehsohn gefunden und kann so in familiärer Atmosphäre ganz seiner Kunst leben und sein Talent weitergeben.

Storms Erzähltechnik – „Geschichte in der Geschichte“

Storm wählt für seine „Malerarbeit“ die Technik einer fiktiven Erzählung innerhalb der Novelle:

Wir saßen am Kamin, Männer und Frauen, eine behagliche Plaudergesellschaft. Der Mensch gab wie immer den besten Unterhaltungsstoff, und endlich waren wir bei einem abwesenden Bekannten angelangt, der aus Mißfallen an seiner übrigens frei gewählten Gattin sein Familienleben fast eigensinnig zu zerstören schien. Es wurde hin und wider gesprochen und Partei genommen. »Mit der ist nicht zu leben«, riefen einige, »man kann’s ihm nicht verdenken!«

Der bisher schweigsame Hausarzt, der sich erst seit einigen Jahren in unserem Städtchen niedergelassen, räusperte sich und nahm eine Prise. »Man muß sein Leben aus dem Holze schnitzen, das man hat«, sagte er, »und damit basta!«

»Wenn’s aber nichts taugt?« wurde dagegengesprochen.

»Und wenn es krumm und knorrig wäre!« erwiderte er.“

Mit dieser Einleitung holt Storm – ähnlich wie im „Schimmelreiter“, in dem er diese Technik noch um eine weitere Stufe ergänzt – gleichsam mit in die „Plaudergesellschaft“. Man wähnt sich als Teilnehmer, der nun ebenfalls gespannt ist, welche Geschichte der Hausarzt erzählen wird:

»Doktor«, rief die jugendliche Hausfrau, »ich merke schon, dahinter steckt wieder eine Geschichte, aber die Contes moraux sind aus der Mode gekommen.«

»Nun«, versetzte er, »Sie wissen, wir Ärzte liegen oft im Streite mit dieser Göttin.«

»Laßt unsern Doktor erzählen«, entschied eine junge Dame. »Wenn’s nur eine Geschichte ist; es kommt auf die Moral nicht an!«

»Erst ein paar Scheite noch in den Kamin!« sagte der Doktor. »So! – und nun – ich weiß nicht, ob einer der verehrten Anwesenden den kleinen Maler Edde Brunken kennt?«“

Wie kaum einem anderen gelingt es Storm, den Leser in die erzählte Situation und die umgebende Landschaft hinein zu nehmen. In wenigen Worten lässt er dem Leser die Szenerie bildhaft vor Augen treten. Lautmalerisch vermittelt Storm Atmosphäre: Der körperlich beeinträchtigte Brunken sitzt nicht und hockt auch nicht auf seinem Pferd, sondern er „huckt“ auf der „hochbeinigen Mähre“. Storm lässt den Maler auch nicht einfach durch das Weinglas in die Sonne blicken oder blinzeln: „Man mußte es sehen, wie […] er das Glas emporhob, daß die Sonne durch den roten Wein funkelte, und mit den scharfen schwarzen Augen danach hinblinzte.“ Thomas Man schrieb 1930 in seinem Essay über Storm: „Er ist ein Meister, er bleibt.“ (Karl Ernst Laage, An’s Haff nun fliegt die Möwe, Auf Theodor Storms Spuren, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2010, Seite 7.)

Der Dichterjurist Theodor Storm – Anwalt, Richter und Erzähler

Theodor Storm wurde am 14. September 1817 in Husum geboren, die durch ihn als „graue Stadt am Meer“ literarische Berühmtheit erlangte. Als Sohn eines Rechtsanwaltes oder – eines wie Storm selbst schreibt „Advokaten und Notar[s]“ sollte Storm später selbst Jura studieren und damit zu einem der vielen „Dichterjuristen“ werden. Seine Liebe und sein Talent für das Erzählen wurde früh geweckt: Regelmäßig hörte er als Junge in Husum der Bäckerstochter Lena Wies zu, die ihn, wie er selbst sagte, in die „Kunst des Erzählens“ einführte. Offenbar war sie eine begnadete Erzählerin, die den Kindern die Atmosphäre, nicht zuletzt die feierliche, mystische-gespenstische Stimmung einer nebligen oder nächtlichen Küstenlandschaft, einer heraufkommenden Sturmflut oder eines sonst bevorstehendes Unglücks eindrücklich vermittelte und erlebbar machte. Eine mystisch-düstere, latent unheilvolle Atmosphäre ist vielen Novellen Storms spürbar.

Theodor Storm Straße - Katrin von Mengden-Breucker

Theodor Storm Straße – © Katrin von Mengden-Breucker

Nach Besuch des berühmten Gymnasiums Katharineum in Lübeck studierte Storm Jura in Kiel und Berlin. Von seiner Berliner Studentenzeit erzählt er in der Novelle „Auf der Universität“. Zurückgekehrt an die Universität Kiel schloss Storm Freundschaft unter anderem mit dem späteren Historiker Theodor Mommsen (1817 – 1903) und dessen Bruder, dem späteren Alt-Philologen Tycho Mommsen. Dieser Kreis entdeckte und verehrte Eduard Mörike als „lyrisches Genie“. Nach Aufnahme eines Briefwechsels besuchte Theodor Storm Mörike 1855 in Stuttgart und erhielt dabei wertvolle Anregungen für seine weitere Tätigkeit. Die Begegnung mit Mörike in Stuttgart beeindruckte Storm so stark, dass er noch auf der Rückfahrt Mitte August im Eisenbahnwagen von Stuttgart nach Heidelberg seine wesentlichen Eindrücke notierte. Hierauf konnte er zurückgreifen, als nach Mörikes Tod aufgefordert worden war, einen Nachruf zu schreiben, den er schließlich im Januar 1877 in Westermanns Monatsheften veröffentlichte.

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Von Unbekannt – uploader was Hajotthu at de.wikipedia, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38491941

Rechtsanwalt in Husum

Zwischenzeitlich hatte Storm nach Abschluss seines Studiums in seiner Heimatstadt Husums in der Kanzlei seines Vaters den Beruf des Rechtsanwalts aufgenommen. Bald eröffnete er eine eigene Anwaltspraxis, wobei er zur Unterscheidung von der Kanzlei seines Vaters seinen zweiten Vornamen „Woldsen“ dem Nachnamen „Storm“ hinzufügte. So firmierte er als Anwalt unter „Woldsen Storm“. Neben seiner Anwaltstätigkeit war Storm erzählerisch und lyrisch tätig. Im berühmten Gedicht „Die Stadt“ beschreibt er seine Heimatstadt Husum und die Atmosphäre der schleswig-holsteinischen Westküstenlandschaft (Karl Ernst Laage, An’s Haff nun fliegt die Möwe, Auf Theodor Storms Spuren, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2010, Seiten 39 f.):

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer

Und seitab liegt die Stadt;

Der Nebel drückt die Dächer schwer,

Und durch die Stille braust das Meer

Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai

Kein Vogel ohn Unterlaß;

Die Wandergans mit hartem Schrei

Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,

Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,

Du graue Stadt am Meer;

Der Jugend Zauber für und für

Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,

Du graue Stadt am Meer.

Bekannt wurde Storm vor allem durch seine Novellen, namentlich durch die zu seinen Lebzeiten populäre Erzählung „Immensee“, die 1849 in erster Fassung erschien. Bis heute bekannt ist das Kindermärchen „Der kleine Häwelmann“ aus dem gleichen Jahr.

Amtsrichter und Landvogt

Nachdem die von Storm unterstützte schleswig-holsteinische Freiheitsbewegung gescheitert und er sich Repressalien des dänischen Königs ausgesetzt sah, wurde Storm 1853 Gerichtsassessor in Potsdam und damit preußischer Beamter. Nach drei Jahren wechselte er als Kreisrichter – vergleichbar dem heutigen Amtsrichter – nach Heiligenstadt. Dort lernte er das Mittelgebirge kennen, was ihn sicherlich zur Landschaftsschilderung in der „Malerarbeit“ inspirierte. Nachdem die dänische Herrschaft in Schleswig Holstein beendet war, wurde Storm zum Landvogt gewählt und trat aus Pflichtgefühl dieses Amt und zugleich das Amt des Amtsrichters in Husum an. So war er von 1864 bis 1880 wieder als Richter, dieses Mal am Amtsgericht in seiner Heimatstadt tätig. Er versah seine Ämter mit Fleiß und Umsicht, immer auch das Recht und die Sorgen der „kleinen Leute“ im Auge, mit deren Milieu er trotz seiner bürgerlichen Herkunft von klein auf vertraut war.

Nach seiner Pensionierung siedelte Storm auf seinen Alterssitz in Hademarschen über, wo er sich eine Villa mit Garten bauen ließ. Dort schrieb er sein letztes und vielleicht größtes Werk, die 1888 erschienene Novelle „Der Schimmelreiter“. Am 4. Juli 1888 starb er in Hademarschen. Auch in seinem berühmten „Schimmelreiter“ beschreibt Storm Berge – allerdings anderer Natur:

„ – Nur Berge von Wasser sah er vor sich, die dräuend gegen den nächtlichen Himmel stiegen, die in der furchtbaren Dämmerung sich übereinanderzutürmen suchten und übereinander gegen das feste Land schlugen. Mit weißen Kronen kamen sie daher, heulend, als sei in ihnen der Schrei alles furchtbaren Raubgetiers der Wildnis. Der Schimmel schlug mit den Vorderhufen und schnob mit seinen Nüstern in den Lärm hinaus; den Reiter aber wollte es überfallen, als sei hier alle Menschenmacht zu Ende; als müsse jetzt die Nacht, der Tod, das Nichts hereinbrechen.“

Wellen Gischt Nordsee - Katrin von Mengden-Breucker

Wellen Gischt Nordsee – © Katrin von Mengden-Breucker

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

„In dem dunkeln Bergwald eine Lichte“ – Johannes Trojans wandernde Betrachtungen

Die Liebe zur Natur führte Johannes Trojan (1837 – 1915) auf ausgedehnte Fußwanderungen unter anderem durch die Schweiz, Oberitalien und den Harz. Im Ton des umherstreifenden Wanderers hielt Trojan seine Eindrücke dichterisch fest. Er bewegt sich in der literarischen Tradition des 19. Jahrhunderts, des Biedermeier und des Realismus, und lehnte den aufkommenden Naturalismus ebenso ab wie die harmlosen und verharmlosenden zeitgenössischen Werke, die er als „Butzenscheibenliteratur“ karikierte. Bekannt wurde Trojan als Chefredakteur der bissig-humoristischen Berliner Satire-Zeitschrift „Kladderadatsch“. Seine Dichtungen illustrieren den Blick des Wanderers auf Berge und Natur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die erste Ausgabe des Kladderadatsch (Mai 1848)
Von David Kalisch verfasste die erste Ausgabe vollständig – Kladderadatsch No. 1 vom 7. Mai. 1848, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9812539

Ein ruhiger, der Betrachtung geweihter Ton prägt Trojans Gedicht „Die Lärche“. Nicht ganz zufällig angesichts Trojans großer Sympathie für die Botanik, steht ein Baum im Mittelpunkt. Auf Maß und Mitte gerichtet steht er zwischen Tal und hohem Bergwald in der Mittagssonne, von ästhetischem Wuchs und im Einklang mit der Umgebung. Das Streben nach Harmonie, nach Harmonie und „heiler Welt“ war charakteristisch für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts, dem der Kaufmannssohn Trojan entstammte.

Selbstbewusst und anmutig erfreut die Lärche ihre Umgebung, zeigt sich zugleich aber auch verletzlich, wenn sie ungeschützt dem Winter ausgesetzt ist. Der finstere Tannenwald in der ersten Strophe wie der dunkle Bergwald in der letzten Strophe, die über der Lärche thronen und drohen, deuten auf die von Trojan früh erlebten und – noch unbestimmt – vorausgeahnten Gefährdungen hin, die sich im 20. Jahrhundert erstmals im Ersten Weltkrieg verwirklichen sollten, dessen Ausbruch Trojan kurz vor seinem Tode noch erlebte. In erster Linie malt Trojan mit der „Lärche“ aber ein stimmungsvolles Natur- und Landschaftsbild, das die Mittagsstunde lebendig werden lässt, in welcher der rastende oder innhaltende Wanderer der schönen Lärche begegnet und in der er seinen Blick nach unten ins Tal und nach oben zum Berg und seine Gedanken durch die Jahreszeiten schweifen lässt.

Die Lärche

Wohl sich fühlend in des Mittags Strahle
Steht sie da auf der besonnten Halde,
Blickt hinab zum hellen Wiesentale,
Blickt hinauf zum finstern Tannenwalde.

Johannes Trojan - Die Lärche Bergwald - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Frei anmutig strebt ihr Wuchs nach oben,
Was gefällt und hübsch läßt, ist ihr eigen.
Spitzenwerk, aus klarem Grün gewoben,
Hängt herab von ihren schlanken Zweigen.

Lieblich steht das zarte Kleid der Zarten,
Wenn im Wind leicht ihre Zweige schwanken,
Ihr zu Füßen blüht ein kleiner Garten,
Überspannen von der Erdbeer‘ Ranken.

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Von Antony.sorrento in der Wikipedia auf Französisch – photo by Antony.sorrento, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=948798

Ach, im Winter steht sie kahl und frierend,
Nicht geschützt von wärmendem Gewande,
Bis der
Frühling kommt, sie also zierend,
Daß sie gleich der Schönsten ist im Lande.

Johannes Trojan - Die Lärche IMG_3830 - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Andre gibt’s von ernsterem Gesichte,
Die gewalt’ger ihre Häupter heben;
In dem dunkeln Bergwald eine Lichte,
Freut den Blick sie, kündend heit‘res Leben.

Albeck Seebachern Laerchenwald 25102013 869

Johannes Trojan

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Zahlreich sind Trojans Gedichte, in denen er seinen Landschaftserlebnissen Ausdruck verleiht. Auf seinen langen Wanderungen verharrte er immer wieder in Betrachtungen der Natur. Die dabei empfundenen und aufgesogenen Empfindungen verströmen seine Gedichte, die den Leser gleich dem Wanderer innehalten lassen. Im stillen, beschreibenden Ton des Realismus zeichnet Trojan ein lyrisches winterliches Stillleben in verschneiter Berglandschaft:

Winterstille

Nun hat der Berg sein Schneekleid angetan,
Und
Schnee liegt lastend auf den Tannenbäumen
Und deckt die
Felder zu, ein weißer Plan,
Darunter still die jungen Saaten träumen.

Johannes Trojan - Winterstille Winterlandschaft_Berge - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Fried‘ in der Weite! Nicht ein Laut erklingt –
Ein Zweig nur bebt und stäubt Kristalle nieder,
Gestreift vom Vogel, der empor sich schwingt –
Und still ist alles rings und reglos wieder.

Johannes Trojan - Winterstille Schnee_Zweig - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

In Winters Banden liegt der See und ruht,
Die Wellen schlafen, die einst lockend riefen.
Nicht spielen mehr die Winde mit der Flut,
Kaum regt sich Leben noch in ihren Tiefen.

Johannes Trojan - Winterstille Winterlandschaft_See - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

O Sonne, wenn durch Wolken du einmal
Hernieder blickst — wo blieb der Erde Prangen?
Schlafende Augen nur erblickt dein Strahl,
Er weckt kein Hoffen auf und kein Verlangen.

Johannes Trojan - Winterstille Winter_Weidenkätzchen_Knospe - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Welch‘ eine Stille! Kaum im Herzen mag
Ein Wunsch sich regen, daß es anders werde.
Und doch, o Herz, du weißt, es kommt der Tag,
Der wieder schmückt mit blühndem Kranz die Erde.

Autor

Johannes Trojans Liebe zur Natur, namentlich zur Pflanzenwelt war so ausgeprägt, dass sein Freund, der Ingenieur und Schriftsteller Heinrich Seidel, einmal sagte: „Wenn Trojan hingerichtet werden sollte, so würden ihn noch die am Wege zum Schafott wachsenden Blumen interessieren“ (Johannes Trojan, Erinnerungen, Verlag der Bücherfreunde, Berlin 1912, S. 187). Ausgedehnte Streifzüge durch die Natur, in denen er seinen Blick schweifen lässt, prägen das lyrische Werk Trojans. Zugleich stand er als Redakteur der politischen Satire-Zeitschrift „Kladderadatsch“ mitten in turbulenten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und gestaltete diese als meinungsbildender Journalist mit. Dabei achtete er streng auf eine Trennung zwischen objektivem Tatsachenbericht und subjektiver Bewertung. Seine harsche Kritik an der kaiserlichen Politik Wilhelms II. brachte ihm im Jahr 1898 als 61-Jähriger eine zweimonatige Festungshaft in Weichselmünde wegen Majestätsbeleidung ein. Wie viele seiner Erlebnisse verarbeitete er auch diese Erfahrung schriftstellerisch in seinem satirischen Bericht „Zwei Monat Festung“.

In der Doppelrolle des naturliebenden, betrachtenden Wanderers und des aktiven politischen Journalisten spiegeln sich in Johannes Trojan zwei Strömungen des 19. Jahrhunderts wider: Harmoniebedürftige, zur Idyllisierung neigende Bürgerlichkeit und Rückzug ins Innere nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 einerseits, und Beteiligung an den mit fortschreitender Industrialisierung zunehmenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und geopolitischen Verwerfungen andererseits, die langsam aber sicher auf die Krisen und letztlich auf die katastrophalen Kriege des 20. Jahrhunderts hinsteuern sollten.

Geboren am 14. August 1837 in Danzig wurden Johannes Trojan neben seiner Zwillingsschwester Johanna keine großen Zukunftsaussichten bescheinigt: „Für das junge Herrchen braucht kein Bettstellchen angeschafft zu werden, das wird sein Augchen bald wieder zumachen“, soll die Hebamme nach Geburt des kleinen Johannes gesagt haben. Entgegen dieser Prognose blieb Johannes am Leben und wuchs in Danzig auf, verlor jedoch mit vier Jahren seine Mutter. Seine Erinnerungen an die Mutter und seine Empfindungen an ihrem Grab hielt er in eindrücklichen Zeilen fest, die an Ludwig Uhlands „Schäfers Sonntagslied“ („Das ist der Tag des Herrn …“) erinnern:

Am Grabe meiner Mutter

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Stein - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Des Herzens ungestümes Pochen
Zeigt mir die Stelle, wo sie ruht,
Ihr habt mir oft von ihr gesprochen,
Ich kenn‘ den Platz, ich kenn‘ ihn gut.
Ich leg‘ um dieses Kreuz die Hände,
Ich leg‘ mein Haupt auf diesen Stein,
O könnt‘ ich so bis an mein Ende,
So ihrem Herzen nahe sein.
Ihr Auge ist noch nicht gebrochen,
Ich fühle seiner Blicke Glut, –
Des Herzens ungestümes Pochen,
Zeigt mir die Stelle wo sie ruht.

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Enges_Tal_düstere_Berge - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Im nahen Dorf die Glocken läuten,
Sonst Alles still und Alles schweigt,
Es hat mir mal in alten Zeiten
Ein Traum schon dieses Bild gezeigt,
Das enge Thal vor meinen Blicken,
Von düstern Bergen rings umragt,
Die Blumen auf dem Berge nicken
Vom leisen Morgenwind bewegt.
Mit ist als hätt‘ ich wie vor Zeiten,
Mein Haupt an ihre Brust geneigt –
Im nahen Dorf die Glocken läuten,
Sonst Alles still und Alles schweigt.

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Bergkapelle - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Johannes Trojan (zitiert nach Friedrich Mülder, Johannes Trojan, 1837 – 1915, Ein Spötter und Poet zwischen Kanzler und Kaiser, Frankfurt am Main, Berlin, Bern u. a. 2003, S. 35).

Als Jugendlicher hatten es Trojan die Schlesischen Berge angetan, die er auf einer „Sommerfrische“ erleben und durchwandern durfte. Nach Abitur am Städtischen (ehemals „Akademischen“) Danziger Gymnasium studierte Trojan zunächst fünf Semester Medizin in Göttingen, dann – seiner Neigung nachgehend – deutsche Sprache und Literatur in Bonn und Berlin. Nach dem Tode des Vaters 1862 musste er das Studium aus finanziellen Gründen abbrechen, wurde Redakteur der „Berliner Morgenzeitung“ und 1866 Chefredakteur der später berühmten Zeitschrift „Kladderadatsch“. In dieser Rolle hatte er bis 1906 nicht nur turbulente innen- und außenpolitische Entwicklung journalistisch zu verarbeiten, sondern auch stets mit der kaiserlichen Pressezensur zu kämpfen.

Neben diesen, dem Broterwerb dienenden tagespolitischen journalistischen Aktivitäten war Johannes Trojan als freier Schriftsteller tätig, worin er seine Berufung sah. Sein großes botanisches Interesse fand in zahlreichen naturwissenschaftlichen Abhandlungen seinen Ausdruck, etwa in ausführlichen Beschreibungen des Baumbestandes und des Lebensrhythmus der Wälder. Daneben verfasste er zwanzig Bände mit Gedichten und Erzählungen und zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Am 21. November 1915 starb Johannes Trojan in Rostock, deren Universität ihm in den Jahren zuvor ehrenhalber zunächst 1907 den Professorentitel und schließlich 1912 die Ehrendoktorwürde verliehen hatte.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Paulus Diaconus über die Bergbesteigung des Langobardenkönigs Alboin 568 n. Chr.

Paulus Diaconus über die Bergbesteigung des Langobardenkönigs Alboin 568 n. Chr.

»Als nun König Alboin mit seinem ganzen Heer und einer bunten Menge Volks im Grenzgebiet von Italien angekommen war, bestieg er einen Berg, der jene Gegend überragt, und betrachtete von dort aus ein Stück Italien, soweit sein Auge reichte. Dieser Berg wurde der Überlieferung nach aus diesem Grund von da an Berg des Königs genannt.

Man erzählt, dass auf diesem Berg Wildrinder vorkommen. Das ist nicht weiter verwunderlich, da Pannonien, das solche Tiere hervorbringt, bis hierher reicht. Ein sehr glaubwürdiger alter Mann berichtete mir dazu noch, er habe die Haut eines auf diesem Berg erlegten Auerochsen gesehen, die so groß war, dass 15 Mann, wie er sagte, einer neben dem anderen darauf hätten liegen können.«

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Von Charles Hamilton Smith – http://animalpicturesarchive.com/ArchOLD-6/1188058432.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32299

Paulus Diaconus, Geschichte der Langobarden – Historia Langobardorum -, herausgegeben und übersetzt von Wolfgang F. Schwarz, Darmstadt 2009, Seite 163 Rn 8

Hintergrund

Der Bericht des Paulus Diaconus gilt als erster mittelalterlicher Bericht über eine Bergbesteigung. Er markiert damit – soweit bekannt – einen Beginn oder besser einen Ansatz dessen, was man später „alpine“ Literatur nannte. Zugleich tritt die Möglichkeit ins Bewusstsein, die bis dato eher als feindselig, zumindest als Hindernis betrachteten Berge als Aussichtspunkt zu nutzen und mit diesem Ziel freiwillig einen Gipfel zu erklimmen.

König Alboin wurde 526 n. Chr. geboren und herrschte von ca. 560 bis zu seinem Tode 572 oder 573 n. Chr. Er machte sich, so der Bericht von Paulus Diaconus – am 2. April 568 n. Chr. mit weiten Teilen des Langobardenvolkes auf den Weg aus der pannonischen (westungarischen) Tiefebene über die Ostalpen nach Italien. Verstärkt wurde der Zug durch befreundete Sachsen, sowie durch Romanen und Gepiden. Alboin wollte mit den Langobarden in Italien siedeln, vermutlich um dem zunehmenden Druck durch die von Osten vordringenden Awaren zu entgehen.

Alpenunterteilung in West- und Ostalpen
Von Alpenrelief_01.jpg: Perconte
derivative work: Kauk0r (talk) – Alpenrelief_01.jpg, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6426187

Autor Paulus Diaconus

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Von Unbekannt – Laurentian Library, Plut. 65.35, fol 16v., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3120488

Paulus Diaconus lebte circa 725 bis 795 nach Christus und verfasste als Mönch im Kloster Montecassino in sechs Büchern die Geschichte der Langobarden als „Historia Langobardorum“ in lateinischer Sprache. Paulus wurde am Hofe der Könige Liutprand (gestorben 744 n. Chr.) und Ratchis (Regierungszeit 744 – 749 n. Chr.) erzogen und erhielt eine umfassende Bildung unter anderem in Grammatik, Rechtswissenschaft und Theologie, was ihn früh für Höheres qualifizierte. Vermutlich stand Paulus nach seiner Ausbildung als Schreiber („notarius“) in Diensten des Königs Desiderius (Regierungszeit 757 – 774) und unterrichtete dessen Tochter Radelperga in Literatur. Später trat Paulus unter nicht näher bekannten Umständen in das von Benedikt von Nursia 529 gegründete Kloster Montecassino ein.

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Von Ludmiła PileckaEigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3497564

Von 782 an war Paulus mehrere Jahre am karolingischen Hof des späteren Kaisers Karl dem Großen als Lehrer tätig. 787 kehrte Paulus in das Kloster Montecassino zurück, wo er wieder auf König Karl traf, der auf einem seiner Feldzüge das Kloster besuchte. In dankbarer Erinnerung an den schönen Aufenthalt in Montecassino ließ Karl Paulus später mit den Worten grüßen „Salve, pater optime, salve“ (Schwarz, Paulus Diaconus, Geschichte der Langobarden – Historia Langobardorum -, aaO, Seite 20). In hohem Alter schrieb Paulus die „Historia Langobardorum“ als – wohl unvollendete – Geschichte des Langobardenvolkes in sechs Büchern.

Berg

Paulus Diaconus beschreibt nicht, um welchen – damals noch namenlosen – Berg es sich handelte. Vermutlich war es der Montemaggiore nordöstlich von Cividale del Friuli nahe der heutigen Grenze Italiens zu Slowenien (Arno Borst, Alpine Mentalität und europäischer Horizont im Mittelalter, in: Barbaren, Ketzer und Artisten, Welten des Mittelalters, München 1988, S. 478). Er erhebt sich dort 1615 Meter hoch über dem Adornotal. Da Paulus Diaconus in Cividale geboren wurde, dürfte er den Montemaggiore gut gekannt haben. Mangels näherer Beschreibung des Berges und seiner Umgebung lässt sich der Montemaggiore indes nicht mit letzter Sicht als „Alboins Aussichtsberg“ identifizieren: Aus dem von Paulus Diaconus erwähnten Namen „Königsberg“ schlossen manche, dass es sich um den Monte del Re zwischen Tarvisio und dem Predilpass handeln könnte, da Alboin mit seinen Langobarden damals den Weg über den Predilpass genommen haben dürfte (Schwarz, aaO, Seite 365, Anm. 179).

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Von Vonmallek in der Wikipedia auf DeutschSelbst fotografiert (Original-Bildunterschrift: “selbst fotografiert”), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16982086

Paulus erwähnt auf dem Berg lebende Wildrinder und „die Haut eines auf diesem Berg erlegten Auerochsen“. Näheres über das damalige Verhältnis der Langobarden zu den Bergen lässt uns Paulus nicht wissen. Dies spricht dafür, dass den Bergen – anders als im früheren, mythischen Verständnis – keine besondere (sakrale) Bedeutung beigemessen wurde. Dennoch erinnert die Schilderung einer Bergbesteigung, um das „gelobte Land“ Italien zu schauen, an die im fünften Buch Mose geschilderte Besteigung des Berges Nebo durch Moses, so dass eine sakrale Bedeutung mitschwingt. Nach Borst deutet die Schilderung eines erlegten Auerochsen darauf hin, dass die Berge damals schon zur Jagd genutzt wurden und nicht mehr ausschließlich kultischen Handlungen vorbehalten waren (Borst, aaO, S. 478).

Kommentar zu „Paulus Diaconus über die Bergbesteigung des Langobardenkönigs Alboin 568 n. Chr.“
von Katrin von Mengden Breucker:

In der Frühzeit galten Berge als Orte übernatürlicher Kräfte und als Ursprung unerklärlicher Vorgänge wie Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Gewitter. Den Bergen blieb man besser fern. Berge mit bestimmendem Einfluss auf Wind, Vegetation und Klima galten – nicht ganz zu Unrecht – als „Wetterküchen“, in denen Wetter „gemacht“ wird. Berge wurden gefürchtet und verehrt. Es galt, den Berg oder die auf ihm lebenden Dämonen nicht zu „reizen“, sondern durch Opfer und Kulte versöhnlich zu stimmen. So wenig wie ein nicht in den Bergen lebendes Tier einen Berg ersteigen würde, um die Aussicht zu genießen, so fern lag der Gedanke einer freiwilligen Gipfelbesteigung den frühen Menschen. Allenfalls aus kultischen oder religiösen Gründen – um dem Himmel näher zu sein – stiegen einzelne, Auserwählte, hinauf.

Erst mit dem technischen Fortschritt begann der Mensch, den Bergen nach und nach näher zu kommen. Die sukzessive „Erschließung“ der Berge spiegelt die Erweiterung der Erkenntnismöglichkeiten und der Handlungsfelder des Menschen wieder. Insofern markiert die erste überlieferte „freiwillige“ Bergbesteigung eine Zäsur. Sie erfolgte zwar auch durch eine hervorgehobene Persönlichkeit, einen König, aber nicht (mehr) zu kultischen oder religiösen Zwecken, sondern um einen Überblick über die weitere Route zu gewinnen.

Das Ereignis aus dem Jahr 568 n.Chr. fällt in das frühe Mittelalter und damit in eine Übergangszeit. Noch geht es nicht darum, in den Bergen die „Natur“ zu erleben oder gar zu genießen. Insofern symbolisiert die Besteigung gleichsam den Schritt auf eine zweite Stufe, wenn man im Übergang von einer dämonisch-kultischen Betrachtung über die technisch-profane Erschließung der Berge bis hin zur Wahrnehmung und dem Erleben der Natur als solcher ein Stufenverhältnis erkennen will. Nüchtern und im Stile einer Chronologie berichtet Paulus Diaconus über das Ereignis.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker