Johann Wolfgang von Goethe

Goethe (Stieler 1828).jpg
Von Joseph Karl Stieler – Übertragen aus nds.wikipedia nach Commons..org by G.Meiners at 12:05, 15. Okt 2005., Gemeinfrei, Link

Johann Wolfgang von Goethe

Briefe aus der Schweiz, zweite Schweizer Reise 1779.

«Ich bemerke, daß ich in meinem Schreiben der Menschen wenig erwähne; sie sind auch unter diesen großen Gegenständen der Natur, besonders im Vorbeigehen, minder merkwürdig.»

Goethe unternahm seine erste Schweizer Reise vom 14. Mai bis zum 22. Juni 1775 gemeinsam mit Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg und dem Grafen Christian von Haugwitz. Sie führte über Schaffhausen mit dem Rheinfall, Konstanz und Winterthur nach Zürich. Dort schloss sich Jakob Ludwig Passavant an. Goethe wanderte über das Kloster Maria Einsiedeln und weiter mit Passavant (ohne die Grafen Stolberg und Haugwitz) in den Alpen nach Schwyz. Anschließend führte sein Weg über den Lowerzer See zum Bergmassiv Rigi zwischen Vierwaldstätter und Zuger See. Über Vitznau wanderte er zur Tellskapelle und nach Altdorf, bevor er den Gotthardpass erstieg und von dort nach Zürich zurückkehrte. Die Rückreise führte über Basel und weiter nach Straßburg, wo Goethe unter anderem mit Jakob Michael Reinhold Lenz (1752 – 1792) zusammentraf.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Zitat zur ersten Schweizer Reise:

„Am 16. Juni 1775, denn hier find‘ ich zuerst das Datum verzeichnet, traten wir einen beschwerlichen Weg an; wilde, steinige Höhen mussten überstiegen werden und zwar in vollkommener Einsamkeit und Öde. Abends 3/4 auf Achte standen wir den Schwytzer hoken [Großer und Kleiner Mythen] gegenüber, zweien Berggipfeln, die nebeneinander mächtig in die Luft ragen. Wir fanden auf unsern Wegen zum ersten Mal Schnee, und an jenen zackigen Felsgipfeln hing er noch vom Winter her. Ernsthaft und fürchterlich füllte ein uralter Fichtenwald die unabsehlichen Schluchten, in die wir hinab sollten. Nach kurzer Rast, frisch und mit mutwilliger Behändigkeit, sprangen wir den von Klippe zu Klippe, von Platte zu Platte in die Tiefe sich stürzenden Fußpfad, und gelangten um zehn Uhr nach Schwyz. Wir waren zugleich müde und munter geworden, hinfällig und aufgeregt, wir löschten gähling unsern heftigen Durst und fühlten uns noch mehr begeistert.“
Johann Wolfgang von Goethe über seine erste Schweizer Reise, in „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“, Vierter Teil, 18. und 19. Buch.

Ausgesucht und eingestellt von Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Goethes Schweizer Reisen

Drei Reisen unternahm Goethe (1749 bis 1832) in die Schweiz: Eine erste „Geniereise“ als (noch) 25-jähriger im Jahr 1775 mit den Brüdern Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, dem Grafen Christian von Haugwitz und Jakob Ludwig Passavant.
Seine zweite Reise führte Goethe im Oktober und November 1779 mit Herzog Carl August von Sachsen-Weimar durch den Jura und erneut auf den Gotthardpass mit Blick nach Italien. Am Ende der Reise traf Goethe in Zürich auf Johann Caspar Lavater (1741 – 1801).
Die letzte Schweizer Reise folgte im Jahr 1797, gleichsam als Ersatz für eine eigentlich geplante Italienreise, die wegen des Italienfeldzuges Napoleons und damit verbundener kriegerischer Ereignisse in der Lombardei nicht stattfinden konnte.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Zitat aus den Briefen aus der Schweiz, zweite Schweizer Reise, 1779:

„Und wie in jedem Menschen, auch selbst dem gemeinen, sonderbare Spuren übrige bleiben, wenn er bei großen ungewöhnlichen Handlungen etwa einmal gegenwärtig gewesen ist; wie er sich von diesem einen Flecke gleichsam größer fühlt, unermüdlich eben dasselbe erzählend wiederholt und so, auf jene Weise, einen Schatz für sein ganzes Leben gewonnen hat: so ist es auch dem Menschen, der solche großen Gegenstände der Natur gesehen und mit ihnen vertraut geworden ist. Er hat, wenn er diese Eindrücke zu bewahren, sie mit andern Empfindungen und Gedanken, die in ihm entstehen, zu verbinden weiß, gewiß einen Vorrat von Gewürz, womit er den unschmackhaften Teil des Lebens verbessern und seinem ganzen Wesen einen durchziehenden guten Geschmack geben kann.
Ich bemerke, daß ich in meinem Schreiben der Menschen wenig erwähne; sie sind auch unter diesen großen Gegenständen der Natur, besonders im Vorbeigehen, minder merkwürdig.“
Johann Wolfgang von Goethe, Briefe aus der Schweiz, zweite Schweizer Reise, 1779.

Ausgesucht und eingestellt von Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker