Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux

Geburtsstunde des Alpinismus?

Sie gilt als Geburtsstunde des Alpinismus: Die Besteigung des Mont Ventoux in Südfrankreich durch den Poeten, Geistlichen, Juristen und Literaten Francesco Petrarca am 26. April 1336. Petrarcas geistlich geprägter Bericht über dieses Ereignis gilt zugleich als Ursprung des Alpinjournalismus.

Mehr noch: Historiker und Kulturwissenschaftler sehen in Petrarcas Tat und seinem anschließenden Bericht eine kulturgeschichtliche Zäsur: Erstmals sei ein Berg aus purer Neigung, aus Interesse und Freude an der Natur und der umgebenden Landschaft erstiegen worden. Erstmals werde über eine Bergbesteigung als kulturelles Ereignis berichtet, werde der Berg als Teil der Natur gesehen und seine Wahrnehmung durch den Menschen reflektiert. Der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt analysiert diese Entwicklung in seiner „Kultur der Renaissance in Italien“ unter der Überschrift „Die Entwicklung der Welt und des Menschen“. Darin beschreibt Burckhardt, wie die Wahrnehmung und Beschreibung der Natur als solche im Hochmittelalter erstmals im „Sonnenhymnus“ Franz von Assisis (1181/82 bis 1226) anklingt. In Dante Alighieris (1265 bis 1321) Naturbeschreibungen sieht Burckhardt diese Ansätze fortgesetzt und vorsichtig vertieft, bis sie bei Francesco Petrarca in den Vordergrund treten: „Vollständig und mit größter Entschiedenheit bezeugt dann Petrarca, einer der frühsten völlig modernen Menschen, die Bedeutung der Landschaft für die erregbare Seele.“ Jacob Burckhardt, Die Entdeckung der Welt und des Menschen. Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Herausgegeben von Walther Rehm, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seiten 326 f.).

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Von Altichiero da ZevioUnbekannt, Gemeinfrei, Link

Was sich am 26. April 1336 tatsächlich zugetragen hat, wissen wir nicht. Bekannt ist Petrarcas Bericht. Er wurde vielfach untersucht und interpretiert. Kurt Steinmann fasst den Forschungs- und Deutungsstand in seinem Nachwort zu Petrarcas Bericht anschaulich zusammen Kurt Steinmann, Grenzscheide zweier Welten? Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seiten 43 ff.. Demnach gilt als wahrscheinlich, dass Francesco Petrarca tatsächlich in Begleitung seines jüngeren Bruders sowie zweier nicht näher bezeichneter „Diener“ den Mont Ventoux erstiegen hat. Gegen eine rein fiktive Schilderung sprechen die Beschreibungen der Physiognomie des Berges und der Aussicht vom Gipfel, die Petrarca schwerlich anderen Quellen entnommen haben kann. Ob die Besteigung tatsächlich auf den 26. April 1336 fiel und ob Petrarca den Bericht – wie er schreibt – noch am selben Abend nach dem kräftezehrenden Gipfel spontan niedergeschrieben hat, ist umstritten. Doch lassen wir Petrarca selbst zu Wort kommen:


Francesco Petrarcas Bericht über die Besteigung des Mont Ventoux

„An Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro

Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, den Windigen, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, allein aus dem Verlangen heraus, diesen außergewöhnlich hoch gelegenen Ort kennenzulernen. Viele Jahre lang hatte ich diese Besteigung im Sinn; seit meiner Kindheit hielt ich mich, wie Du weißt, in der hiesigen Gegend auf, so wie eben das Schicksal mit dem Leben der Menschen sein wechselvolles Spiel treibt.

Allmählich wurde mein Verlangen ungestüm, endlich auszuführen, was ich mir täglich vorgenommen hatte, insbesondere nachdem ich tags zuvor bei Lektüre der römischen Geschichte im Livius auf jene Stelle gestoßen war, wo Philipp, der König von Makedonien – der mit dem römischen Volk Krieg geführt hat – den Haemus bestieg, einen Berg in Thessalien. Er hatte nämlich dem Gerücht geglaubt, man könne von dessen Gipfel zwei Meere sehen, das Adriatische und das Schwarze Meer. Ob zu Recht oder zu Unrecht konnte ich nicht in Erfahrung bringen, zumal die Sache dadurch erschwert wird, dass der Berg weit von unserer Gegend entfernt ist und die Schriftsteller unterschiedliche Auffassungen vertreten. Um nicht alle nachschlagen zu müssen: der Kosmograph Pomponius Mela berichtet ohne Bedenken, dass es so sei, Titus Livius dagegen hält das Gerücht für falsch; wäre es für mich so leicht möglich, jenen Berg zu erkunden, wie es bei diesem hier der Fall war – ich hätte die Frage nicht lange ungeklärt gelassen.

Um übrigens nun jenen fernen Berg außer Betracht zu lassen und zu diesem zu kommen: mir schien es für einen jungen Mann, der nichts mit der Führung des Staates zu tun hat, entschuldbar, was man bei einem greisen König nicht tadelt. Da ich mir aber die Wahl eines Reisegefährten überlegte, schien mir, so eigenartig es klingen mag, kaum einer meiner Freunde umfassend geeignet.

So selten ist, selbst unter lieben Freunden, jener vollkommene Einklang aller Wünsche und Charakterzüge. Der eine war mir zu bedächtig, der andere zu aufgeweckt, der zu langsam, jener zu rasch, der zu schwermütig, jener zu fröhlich, der schließlich einfältiger und jener gescheiter, als mir lieb war. Beim einen schreckte mich seine Schweigsamkeit, beim andern sein Vorwitz, beim einen seine Fülle und Fettleibigkeit, beim andern seine Hagerkeit und Kraftlosigkeit; gegen den einen sprach seine kühle Teilnahmslosigkeit, gegen einen andern sein zu feuriger Eifer. Diese Schwächen, so belastend sie sind, erträgt man zu Hause – alles nämlich erträgt die Liebe und keiner Mühsal entzieht sich die Freundschaft –; aber dies alles wird unterwegs nur noch belastender. So wog mein empfindsames Gemüht, das auf ein achtbares Vergnügen aus war, umsichtig alle Einzelheiten gegeneinander ab, ohne dadurch eines der Freundschaftsbande irgendwie zu verletzen, und im Stillen verdammte es alles, was das geplante Unternehmen voraussichtlich belasten könnte. Was glaubst Du wohl? Schließlich wende ich mich um Unterstützung an den mir Nächststehenden und eröffne mein Vorhaben meinem einzigen Bruder, der jünger ist und den du recht gut kennst. Nichts konnte ihn fröhlicher stimmen und er schätzte sich glücklich, mir Freund und Bruder zugleich zu sein.

Am bestimmten Tag brachen wir von zu Hause auf und gelangten gegen Abend nach Maloncenes (Malaucène). Dieser Ort liegt am Fuße des Berges gegen Norden; dort verweilten wir einen Tag, und heute endlich bestiegen wir, jeder mit einem Diener, den Berg, nicht ohne große Schwierigkeit; denn er ist eine schroffe und kaum zugängliche Felsmasse; doch wie sagte der Dichter [Vergil, Anm. d. Verf.] trefflich: Rastlose Mühe besiegt alles. Der Tag war lang, die Luft mild, die Gemüter entschlossen, die Körper stark und behende, was uns Wanderern hilfreich war; allein die Beschaffenheit des Ortes war hinderlich.

In den Schluchten des Gebirgs trafen wir einen uralten Hirten, der wortreich versuchte, uns von der Besteigung abzubringen; er sagte, er sei vor fast fünfzig Jahren in demselben Drang jugendlichen Feuers auf die höchste Höhe emporgestiegen, habe aber nichts mit zurückgebracht als Reue und Mühsal, Leib und Gewand zerrissen von Steinen und Gedörn, und niemals, weder vorher noch nachher, habe man davon gehört, dass einer ähnliches gewagt habe. Während er uns dies zurief, wuchs in uns mit seinen Mahnungen noch das Verlangen – wie ja der jugendliche Sinn Warnungen stets in den Wind schlägt. Daher schritt der Greis, als er die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen eingesehen hatte, ein wenig vorwärts zwischen den Felsen und wies uns mit dem Finger einen steilen Bergpfad, während er viele Ermahnungen aussprach und vieles noch wiederholte, als wir ihm schon den Rücken gekehrt hatten.

Beim Hirten ließen wir zurück, was uns an Gewändern und Gerät hinderlich war, gürteten und schürzten uns nun ausschließlich für den Aufstieg und stiegen wohlgemut und beschwingt bergan. Aber – wie es so geht – folgte auf die immense Anstrengung rasch die Ermüdung. Wir machten also unweit auf einem Felsen halt; von dort rückten wir wiederum vorwärts, aber langsamer; insbesondere ich selbst legte den Gebirgspfad nun mit bescheidenerem Schritt zurück. Mein Bruder freilich strebte auf einem jähen Pfad mitten über die Kämme des Berges zur Höhe empor; ich dagegen, weniger gestählt, schlug einen schräg nach unten führenden Pfad ein.

Als er mich zurückrief und mir den richtigen Weg zeigte, erwiderte ich, ich hoffte, der Zugang von der anderen Seite sei leichter, und ich scheute mich nicht vor einem Umweg, wenn es dort weniger steil voranginge.

Dieser Vorwand sollte meine Trägheit entschuldigen; aber während die andern schon hoch auf der Höhe stunden, irrte ich noch durch die Täler, ohne daß sich irgendwo ein sanfterer Aufstieg auftat; vielmehr ward mein Weg verlängert und die unnötige Anstrengung nur erschwert. Indessen, da ich mich mißmutig über meinen Irrtum ärgerte, beschloss ich, geradewegs die Höhe zu erklimmen, erreichte auch wirklich müd und mit zitternden Knien meinen Bruder, der sich in ausgiebiger Rast erquickt hatte. Nun zogen wir eine Zeit lang mit gleichem Schritt weiter. Kaum aber hatten wir die Anhöhe hinter uns gelassen, vergaß ich schon den vorherigen Umweg und ließ mich wieder in tiefer gelegenes Gelände fallen. Und wieder geriet ich, während ich Täler durchschritt und einen kürzeren Weg auszufinden trachtete, auf einen langen und schwierigen Pfad. So freilich schob ich den lästigen Aufstieg nur auf; der menschliche Geist löst aber die Wirklichkeit nicht auf, und unmöglich gelangt ein Wesen aus Fleisch und Blut durch Absteigen nach oben.

Kurz, unter dem Gelächter meines Bruders, passierte mir dies zu meinem Missfallen binnen weniger Stunden dreimal oder noch öfter. So machte ich denn, mehrmals getäuscht, in einem Talgrund halt. […]

Den obersten der Gipfel nennen die Leute im Gebirg „das Söhnlein“; warum, weiß ich nicht, vielleicht des Gegensatzes wegen, wie meiner Vermutung nach noch manch anderes bezeichnet wird, denn er schaut in Wahrheit eher wie der Vater aller benachbarten Berge aus. Auf seinem Scheitel erstreckt sich eine kleine Hochebene, dort hielten wir ermüdet Rast.

Und da du ja gehört hast, welche Sorgen sich im Herz des Aufsteigenden breit machten, so höre, Vater, auch den Rest, und nimm dir bitte die Zeit nachzulesen, was ich an diesem einen Tage meines Lebens getan habe.

Zuerst stand ich – von ungewohntem Luftzug und dem freien Rundblick ergriffen – wie betäubt. Ich schaue nach unten: da lagen die Wolken zu meinen Füßen. Schon erschienen mir Athos und Olympus weniger sagenhaft, da ich das, was ich von jenen gehört und gelesen hatte, an einem weniger berühmten Berge erschaute.

Danach wende ich den Blick nach der italienischen Seite, wohin sich meine Seele am meisten hingezogen fühlt: starr und schneebedeckt und ganz in meiner Nähe erschienen mir die Alpen, durch welche sich einst jener wilde Feind des römischen Volkes seinen Weg bahnte und, wenn der Sage zu glauben ist, mit Essig die Felsen sprengte -; und doch sind sie beträchtlich von hier entfernt. Ich seufzte, ich gestehe es, nach Italiens Himmel, der mehr vor meiner Seele als vor meinen Augen erstand, und eine unsägliche Sehnsucht ergriff mich, Freunde und Vaterland wiederzusehen – eine Sehnsucht, die ich eigentlich eine unmännliche Weichheit schelten sollte, aber zur Entschuldigung auf großer Männer Zeugnis stützen kann.

[…] Diese und ähnliche Gedanken durchliefen meine Brust, Vater. Während ich mich über meinen Fortschritt freute, beweinte ich meine Unvollkommenheit und beklagte die allgemeine Wandelbarkeit menschlichen Tuns; schier hatte ich vergessen, warum ich diesen Ort aufgesucht hatte; doch dann sah ich ein, daß andere Orte passender seien, sich mit solchen Sorgen zu plagen und wandte mich um und blickte zurück gen Westen, um das zu betrachten, dessentwegen ich heraufgekommen war. Die Zeit drängte zur Rückkehr, die Sonne neigte sich, der Schatten des Berges wuchs mächtig und gemahnte mich und weckte mich gleichsam auf.

Der Grenzwall zwischen den gallischen Landen und Spanien, die Gipfel der Pyrenäen, ist von dort nicht zu sehen; nicht – soviel ich weiß – weil etwas dazwischenläge, sondern allein aufgrund der Unzulänglichkeit des menschlichen Auges.

Zur Rechten aber lagen die Berge der lyonischen Provinz, zur Linken der Golf von Marseille, und die Gewässer von Aigues-Mortes waren aufs deutlichste zu sehen, obwohl alle mehrere Tagesreisen entfernt sind. Die Rhone lag gerade vor unseren Augen.

Wie ich nun dies im Einzelnen bewunderte und mich mit irdischen Dingen befasste, bald wie den Leib so auch den Geist in höhere Sphären zu versetzen trachtete, kam mir in den Sinn, das Buch der Bekenntnisse des Augustinus aufzuschlagen, eine Möglichkeit, die ich deiner Wertschätzung verdanke. Ich bewahre das Buch zur Erinnerung an den Verfasser wie an den Schenker und habe es immer zur Hand: Ein faustgroßes Werklein von kleinstem Format, aber voller unendlicher Süße. Ich öffne es, um das zu lesen, was mir erscheinen würde. Was könnte mir anderes vor Augen treten als Frommes und Gottergebenes? Zufällig stieß ich auf das zehnte Buch des Werkes. Mein Bruder stand aufmerksam und voller Erwartung, von mir etwas von Augustinus zu hören. Gott und ihn, der dabei war, rufe ich zum Zeugen, dass an der aufgeschlagenen Stelle, auf die ich meine Augen richtete, folgendes stand:

Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die gewaltigen Fluten des Meeres, das Fließen der breitesten Ströme, des Ozeans Umlauf und die Bahnen der Gestirne – und verlieren dabei sich selbst [Augustinus, Confessiones X, 8, 15.].

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Ich war betroffen, ich gestehe es, und ich bat meinen Bruder, der darauf brannte, Weiteres zu hören, nicht in mich zu dringen, schloß das Buch, mit mir selber zürnend, daß ich jetzt noch Irdisches bewunderte, nachdem ich doch schon längst von den heidnischen Philosophen hätte lernen müssen, daß nichts wunderbarer ist als der Geist, und dass neben einem großen Geist nichts anderes mehr groß erscheint.

Dann aber wandte ich mich – zufrieden, den Berg gesehen zu haben – meinem Inneren zu; und von diesem Moment an hörte mich keiner mehr sprechen, bis wir ganz unten angelangt waren; jenes [augustinische] Wort hatte mich im Stillen ausreichend beschäftigt. Ich konnte nicht an eine zufällige Fügung glauben, sondern glaubte im Gegenteil, dass alles, was ich gelesen hatte, für mich und keinen anderen gesagt worden sei. Ich erinnerte mich, dass Augustinus einst das gleiche für sich angenommen hatte […]

Wie oft, glaubst du, habe ich mich an diesem Tage auf dem Rückweg ins Tal umgesehen und den Gipfel des Berges betrachtet, und er schien mir kaum die Höhe einer Stube zu haben, wenn man ihn mit der Höhe der Gedanken des Menschen vergleicht, solange man diese nicht in den Staub weltlicher Banalität drückt. Und Schritt für Schritt kam mir in den Sinn: Wenn es einen nicht verdross, soviel Schweiß und Mühsal auf sich zu laden, um seinen Körper dem Himmel etwas näher zu bringen: welches Kreuz, welches Gefängnis, welchen Stachel dürfte dann eine Seele erschrecken, die sich Gott nähert und dabei die blasierte Überheblichkeit und die irdischen Fährnisse unter sich lässt? Weiter: Wem wird es überhaupt gelingen, von diesem Weg – sei es aus Angst vor den Bewährungsproben, sei es aus Hang zur Bequemlichkeit – nicht abzuschweifen? […]

Mit welchem Eifer müssten wir uns bemühen, nicht eine topographische Erhöhung unter die Füße zu bekommen, sondern die von weltlichen Bedürfnissen entfachten Begierden!

Unter solchen Wallungen meines aufgewühlten Herzens kehrte ich in tiefer Nacht – ohne den mit spitzen Steinen übersäten Pfad zu spüren – zu jener kleinen, gastlichen Hütte des Hirten zurück, von der ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen war; der Mond beleuchtete uns Wanderern die ganze Nacht hindurch unsern Weg. Während nun unsere Diener mit der Vorbereitung der Abendmahlzeit beschäftigt waren, begab ich mich in einen abgelegenen Teil der kleinen Herberge, um dir eilig und aus dem Gedächtnis heraus zu schreiben, damit das Unterfangen nicht, indem ich’s verschiebe, durch den Wechsel des Ortes oder der Gedanken ein andere Gestalt erfahre und der Wille zur Niederschrift verwehe.

Sieh also, liebster Vater, wie ich dir nichts vorenthalten möchte, indem ich dir gewissenhaft nicht nur mein ganzes Leben, sondern auch jeden einzelnen Gedanken unterbreite. Für die Seele bete – ich bitte dich -, sie möge, nachdem sie solange unstet umherschweifte, doch einmal zur Ruhe kommen und sich nach vielen Irrungen zum Guten, Wahren, Sicheren und Beständigen hinwenden. Lebe wohl!

Am 26. April (1336) zur Malaucène

Kulturgeschichtliche Zäsur?

Nach Jacob Burkhardt markiert Petrarcas Unternehmung eine Zeitenwende, da er die Ästhetik der Natur als solche wahrnehme, reflektiere und mit inneren Betrachtungen verknüpfe. Die Einschätzung Burckhardts sollte für die neuzeitliche Rezeption der Bergbesteigung maßgeblich werden. Erstmals werde Natur ein kulturelles Erlebnis:

„… der Anblick der Natur traf ihn unmittelbar. Der Naturgenuss ist für ihn der erwünschteste Begleiter jeder geistigen Beschäftigung. Auf der Verflechtung beider beruhte sein gelehrtes Anachoretenleben in Vaucluse und anderswo, seine periodische Flucht aus Zeit und Welt.“ Jacob Burckhardt, Die Entdeckung der Welt und des Menschen. Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Herausgegeben von Walther Rehm, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seite 327).
Dass Petrarca auf eine nähere Schilderung des Gipfels und der von dort geschauten Landschaft verzichtet, erklärt Burckhardt mit der schieren Überwältigung. Andere Interpreten sehen darin einen Beleg dafür, dass es Petrarca – anders als von Burckhardt und ihm folgender Rezipienten angenommen – nicht auf die Schönheit der Natur angekommen sei; vielmehr sei Gegenstand und Ziel des Berichts eine Bekehrung des Lesers, der sich ganz im Sinne des von Petrarca verehrten Theologen Augustinus der ernsthaften Betrachtung der Seele, der Selbstreflektion hingeben solle, um auf diesem – unendlich mühsamen – Weg auch zur Erkenntnis des unsichtbaren Gottes zu gelangen Ruth Groh / Dieter Groh, Petrarca und der Mont Ventoux, in: Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Band 46, 1992, Heft 4, Seite 290, 297.

Unbestreitbar gilt Petrarcas Bericht nicht in erster Linie der äußeren Natur; vielmehr verknüpft er die Besteigung des Mont Ventoux mit theologischen Überlegungen. Auf dem Gipfel schlägt er den von ihm geliebten Augustinus auf und zitiert aus den berühmten „Confessiones“: „Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die gewaltigen Fluten des Meeres, das Fließen der breitesten Ströme, des Ozeans Umlauf und die Bahnen der Gestirne – und verlieren dabei sich selbst.“

Die Gipfel-Lektüre der Confessiones bedeutet einen Einschnitt: Petrarca verliert über den anschließenden Abstieg kein Wort mehr. Mehr noch. Er selbst habe, so schildert er, auf dem gesamten Abstieg nichts gesprochen: „Dann aber wandte ich mich – zufrieden, den Berg gesehen zu haben – meinem Inneren zu; und von diesem Moment an hörte mich keiner mehr sprechen, bis wir ganz unten angelangt waren“. Der auf dem Gipfel auf die umgebende Natur gerichtete Blick wird also ganz auf das Innere gerichtet. Dies zeigt, dass Petrarca mit seinem Bericht wesentlich eine theologische Aussage und eine bekehrende Botschaft an seine Leser vermitteln wollte.

Selbstreflektion und Metaphysik am Berg

Petrarca beschreibt als erster ein bis heute gültiges Charakteristikum des Bergsteigens: Die Selbstreflektion während des Steigens und auf dem Gipfel, der Blick auf und in die eigene Seele. Metaphysische Gedanken und die Auseinandersetzung mit Gott sind geradezu Wesensmerkmale des Bergsteigens. Mit der körperlichen Anstrengung geht eine seelische Anspannung – und bestenfalls Entspannung – einher. Und ähnlich komplementär wie Physis und Psyche gestaltet sich das Verhältnis von Natur und Kultur: Bergsteigen ist Bewegung in der Natur, erschöpft sich aber nicht in einem Landschaftserlebnis: Vielmehr wirft die Anschauung der umgebenden, schroffen oder lieblichen Natur zugleich ein Schlaglicht ins Innere des Steigenden und fördert metaphysische Gedanken und – im Falle Petrarcas – Reflexionen über Gott und ein gottgefälliges Leben zutage.

Für Petrarca bestand die entscheidende Erkenntnis darin, dass der Weg zur Selbst- und Gotterkenntnis nicht im Äußeren, sondern im Inneren liege. Dass Petrarca als Geistlicher und Verehrer Augustins dieser Botschaft breiten Raum einräumt, liegt nahe. Es ändert aber nichts an der Einmaligkeit des für die damalige Zeit unerhörten Unterfangens, freiwillig und zweckfrei einen Berg zu besteigen und dies auch noch in einem detaillierten Bericht festzuhalten und brieflich mitzuteilen. So vollzog Petrarca als erster im Mittelalter den Schritt vom Bergsteigen zum „Bergschreiben“.

Insgesamt bleibt Petrarcas Unternehmung und deren Schilderung – bei aller Vorsicht vor überhöhenden Deutungen – ein Meilenstein in der kulturgeschichtlichen Entwicklung und behält seinen Platz als erste schriftliche Manifestation des von Zwängen freien Bergsteigens und als Initial des späteren Alpinismus und seiner kulturellen Prägung.

Biographisches

Francesco Petrarca, geboren am 20. Juli 1304 im toskanischen Arezzo, war Geistlicher, Jurist, Dichter und Humanist. Nach der Verbannung seines aus Florenz stammenden Vaters wuchs Francesco ab seinem sechsten Lebensjahr (1310) in Avignon auf, dem damaligen Sitz des Papstes. Petrarcas Vater war als Advokat tätig, musste aber aufgrund geringen Einkommens mit seiner Familie den Wohnsitz bald außerhalb Avignons in Carpentras nehmen. Dort besuchte Francesco die Grundschule und die Lateinschule und studierte anschließend Jurisprudenz in Montpellier und Bologna. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1326 kehrte er nach Avignon zurück und empfing dort die geistlichen Weihen. Von materiellen Sorgen durch großzügige Ausstattung des Kardinals Colonna befreit, widmete sich Petrarca dem Studium der antiken Literatur und verfasste seit 1327 die berühmten Gedichte über die geliebte Laura. Nach ausgedehnten Reisen unter anderem durch Paris, Gent, Aachen und Köln, lebte er zwischen 1333 und 1349 wieder in Avignon. Von dort aus unternahm er – wenn das Datum seines Berichts zutrifft – im Jahr 1336 im Alter von knapp 32 Jahren die Besteigung des Mont Ventoux, den er in seiner Jugend in Carpentras stets unmittelbar vor Augen gehabt hatte. Von 1353 bis 1361 lebte Petrarca am Mailänder Hof der Visconti, anschließend ab 1362 in Venedig und schließlich im beschaulichen Arqua nahe Padua, das sich seit 1870 zu Ehren des Dichters Arqua Petrarca nennt. Dort starb der schon zu Lebzeiten berühmte Poet und Humanist am 19. Juli 1374 – einen Tag vor seinem siebzigsten Geburtstag.

Katrin v. Mengden-Breucker & Marius Breucker

„Schreiben und Steigen“ – Bergsteigen und Literatur bei Emil Zopfi

Der in seiner Schreibstube sinnierende Literat, versinnbildlicht in Carl Spitzwegs „armen Poeten“ ist das Gegenbild des Bergsteigers, jedenfalls wenn man sich diesen – gleichfalls klischeehaft – als draufgängerischen, die Herausforderung zwischen Leben und Tod suchenden Tatmenschen vorstellt. So das gängige Bild.

Der arme Poet (Carl Spitzweg)
Von Carl Spitzweg – 1. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.
2. Wichmann, Siegfried: Carl Spitzweg, München 1990, S. 57 ISBN 3-7654-2306-8
3. Cybershot800i, Eigenes Werk, aufgenommen 17. Juni 2011, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=159093

Indes gibt es auf den zweiten Blick zwischen Schriftsteller und Bergsteiger Berührungspunkte, die nicht nur dem Umstand geschuldet sind, dass sich Literatur bisweilen mit den Bergen befasst und mancher Schriftsteller gerne klettert. Nein, es gibt eine tiefergehende Verbindung, die wiederum rasch einleuchtet, wenn man unter „Bergsteigen“ nicht die bloße physische (Fort-) Bewegung eines Menschen auf einen Gipfel (und – bestenfalls – wieder zurück) versteht.

Katrin von Mengden-Breucker Bergsteigen ist auch Kopfsache

Katrin von Mengden-Breucker Bergsteigen ist auch Kopfsache

Wer schon einmal auf einen Berg gestiegen ist, weiß es: Bergsteigen ist anstrengend, aber keineswegs rein körperlicher Natur. Bergsteigen führt den Menschen in die Höhe, in Wind und Wetter, bisweilen in extreme Verhältnisse und meist in die Einsamkeit. Wer auf einen Berg steigt, ist auf sich selbst angewiesen, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Der Bergsteiger wird sich seiner selbst bewusst, wird – wie es so schön heißt – mit seinem Innern konfrontiert oder vielleicht besser gesagt: näher bekannt gemacht. So ist Bergsteigen zwar ein physischer, zugleich aber ein geistiger Vorgang – und gleicht darin durchaus der Schriftstellerei.

Der Zauber der Berge – Alpine Selbstreflexion

Der Schweizer Emil Zopfi ist Literat und Bergsteiger in einer Person. Vielleicht gestattet ihm dies, die Gemeinsamkeiten des Schreibens und Steigens so einfühlsam und anschaulich zu beschreiben wie kaum ein zweiter in der gegenwärtigen Literatur:

»Das gehört zum Zauber der Berge: In ihrem Anblick lesen wir uns selbst. Auf Schritt und Tritt begegnen wir unserer eigenen Geschichte in den Formen, Farben, Geräuschen und Gerüchen, die Erinnerungen wecken, Gefühle auslösen, unsere Seele bewegen. Eine Wurzel am Weg, ein Griff in der Wand, ein Sonnenuntergang, fallende Steine oder Nebelschleier lesen wir als Zeichen, als Botschaften. Die Sprache der Natur erzählt uns von unserer eigenen Natur.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 16)

Wanderweg_01 - Katrin von Mengden-Breucker - Bergzitat.de

Wie sich dem Bergsteiger mit zunehmender Höhe neue Ausblicke eröffnen, so öffnen sich ihm – gleichsam spiegelbildlich – Einblicke in sein Inneres. Bergsteigen ist kontemplativ, kann es zumindest sein, wenn sich der Steigende auf sein Inneres ebenso einlässt wie auf den vor ihm liegenden Berg und die umgebende Natur. Und wer einmal mit einem Text gerungen hat, seinen Gedanken und Empfindungen Wort für Wort einen Weg gebahnt hat, ein Stück weit gegangen ist, wieder umkehren und den nächsten Anlauf unternehmen musste, der weiß um die körperlichen Anstrengungen des Schreibens. Gemeinsam ist die Binnenrichtung des Blickes, das Schürfen im Innen bei gleichzeitiger Erweiterung des äußeren Horizontes. Sie sind sich also in vielem nahe: Der um die richtige Route ringende Bergsteiger und der um die richtigen Worte ringende Schriftsteller.

Dass Bergsteigen mehr ist als bloße körperliche Ertüchtigung oder Überwindung eines unfreundlichen Hindernisses, dass sich mit Entfernung vom Tal und Alltag der Menschen tatsächlich und geistig neue Perspektiven eröffnen, beschreibt der – auch von Emil Zopfi portraitierte – schweizerische Schriftsteller Meinrad Inglin (1893 bis 1971) eindrucksvoll:

»Jeder Bergsteiger kennt es. Die bewohnte Welt, in der er täglich durch ein Netz von Verpflichtungen stolpert und soviel Trübes sieht, Übles riecht, Lärmiges hört, liegt tief unten, er steht darüber in der reinen, frischen Luft, in lautloser Stille, von andern Bergen still umgeben und vom Himmel gewaltiger überwölbt als in Tälern und Ebenen; er ist über seine Sorgen emporgestiegen und hat sie überwunden wie die Beschwerden des Aufstiegs. Er ist für diesmal befreit davon, und so fühlt er sich in der Tat auch frei und ist höher gestimmt als je im Alltag. Dieses Höhengefühl, ein Hochgefühl eigener Art, teilt das Schicksal aller Hochgefühle, es geht vorüber, der Emporgestiegene steigt wieder ab und muss, gestärkt zwar, mit dem heimlichen Schimmer im Auge, geduldig warten, bis er wieder aufsteigen kann.«
(Meinrad Inglin, Werner Amberg, in: von Matt-Albrecht, Beatrice (Hrsg.), Meinrad Inglin, Werkausgabe in 8 Bänden, Atlantis Verlag Zürich 1981, Band 5, Seite 127).

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Die geistige Entdeckung der Alpen – Bergsteigen als Kultur

Blickt man in die Geschichte zurück, so waren Berge zunächst schlicht „natürliche Größen“; der Mensch musste mit ihnen umgehen, musste mit ihrer Mächtigkeit und Unberechenbarkeit leben. Berge waren Gegenstand mythischer Betrachtungen und Kulte. Erst nach und nach kam der Mensch auf den Gedanken, freiwillig auf einen Berg zu steigen. Mit der geistigen Reflektion dieses Vorgangs wurde das Bergsteigen Teil menschlicher Kultur. Als Ausgangspunkt hierfür gilt vielen Francesco Petrarcars Bericht über die Besteigung des Mont Ventoux im Jahr 1336.

Erst in der Renaissance und mit dem sich langsam entwickelten neuen Selbstbewusstsein, erkannte der Mensch die Besonderheit und Schönheit der Natur als solcher. Und erst am Ausgang der Barockzeit übertrug der Mensch das neu gewonnene Naturbewusstsein auf die unzugänglichen Berge. Literarisch brachte dies als erster Albrecht von Haller in seinem monumentalen Gedicht „Die Alpen im Jahr 1729 (erstmals veröffentlicht 1732) zum Ausdruck. Jean Jacques Rousseau griff diese Betrachtung auf und vertiefte sie 1761 in „Briefe zweier Liebender am Fuße der Alpen“, die später unter dem Titel „Neue Héloise“ erschienen und in denen er unter anderem die Schönheit der Bergnatur beschreibt.

Gipfel_Hochgefühl_02 - Katrin von Mengden-Breucker - Bergzitat.de

Als Teil der von Rousseaus propagierten Bewegung „Zurück zur Natur“ begannen Menschen, die Berge neu zu betrachten und zu erkunden: „Es begann das Zeitalter der Schweiz-Reisen. In erster Linie waren es wohlhabende Engländer, die nun herbeieilten, um die »Erhabenheit« und »wilde Schönheit« der Berge zu bestaunen. Nicht länger galt die Formlosigkeit der Berge als hässlich, weil »unkultiviert«. Das Gegenteil trat ein. Man betrachtete das Chaos der Formen als »schön«, weil es als natürlich galt und nicht von Menschenhand domestiziert“ (Angelika Wellmann (Hrsg.), Was der Berg ruft, Das Buch der Gipfel und Abgründe, Reclam Verlag, Stuttgart 2000, S. 271).

Nicht „Lesen statt Klettern“ [so der Titel eines Buches des Schweizer Schriftstellers Hugo Lötscher, Anm. Katrin von Mengden-Breucker], sondern „Lesen zum Klettern“ müsse es heißen, sagt Emil Zopfi (aaO, S. 14) und beschreibt damit die Prägung des Bergsteigens durch literarische Berichte. Es waren nicht zuletzt Schriftsteller, die dem Bergsteigen seine heutige Bedeutung gaben: Sie vermittelten eine Sichtweise auf Natur und Berge und deren Wirkung auf den Menschen, die den typischen Charakter eines „Bergsteigers“ ausmachen:

»Die Idee, dass eine Bergspitze ein erstrebenswertes Ziel sein könnte, für das sich Mühe und Gefahr lohnen, nimmt erst durch ihre literarische oder künstlerische Darstellung Gestalt an. Der Weg auf den Berg wird nachvollziehbar in Text und Bild, vom historischen Reisebericht des Dichters Francesco Petrarca über seine Besteigung des Mont Ventoux in der Provence im Jahr 1336 bis zu den Routenbeschreibungen, den „Topos“, den Fotos und Videofilmen der Sportkletterer des 21. Jahrhunderts. Bild und Bericht öffnen den Weg für die Nach- und Weitersteigenden. Klettern wird zu einer Art Lesen, wie die hervorragende Waadtländer Bergsteigerin und Autorin Betty Favre schrieb.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 13)

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Von Unbekannt – AS Verlag, Zürich. Dichter am Berg., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21747586

Es waren literarische Schilderungen, die dazu führten, dass sich Menschen in die Berge begaben, um deren Schönheit und Herausforderung nachzuspüren und die Überwindung von körperlichen und geistigen Widerständen auf dem Auf- und Abstieg zu erleben und in ihrem Innern wiederklingen zu lassen. So schufen auch Schriftsteller die Voraussetzungen dafür, dass sich ein Alpinismus im heutigen Sinne – mit allen Auswüchsen und Übertreibungen – entwickelte. Indem sie einen scheinbar banalen Vorgang kulturell überwölben und ihm geistige Bedeutung verleihen, sind Schriftsteller und Bergsteiger also Brüder im Geiste:

»Die geistige Entdeckung und die alpinistische Erschließung der Alpen ist [sic] ohne leitende und begleitende Texte, ohne Berichte und Geschichten nicht denkbar. Bergsteigen als Kultur besitzt urbane Wurzeln wie die Literatur oder die Bildenden Künste.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 15)

Autor

Emil Zopfi ist Bergsteiger und Schriftsteller. Angeregt nicht zuletzt durch Bergsteigerberichte in Büchern und Magazinen erfasste ihn früh die Leidenschaft für das Bergsteigen und Klettern, die ihn auf zahlreiche schwierige Touren und Gipfel führen sollte. Zopfi beschreibt eindrücklich seine erste Begegnung mit Bergsteigerberichten:
„Immer wieder musste ich nach dem Buch greifen, auf die Seite mit dem vergilbten Foto blättern; es übte einen mächtigen Reiz auf mich aus, ich musste es betrachten, mir einen Weg vorstellen. Ich musste diesen Berg sehen und vielleicht würde ich ihn trotz aller Furcht einmal versuchen.“ (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 8).

 

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Von Marcel Bertschi, Zürich – Fotograf Marcel Bertschi, Zürich, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9582438

 

1962 gelang ihm gemeinsam mit Hansruedi Horisberger eine Winterbesteigung der Südwand des Bockmattli im Wägital. Sein erster großer Berg war der Pilz Badile. Zopfi beschreibt das Gipfelerlebnis:

»Drei Jahre später stand ich mit meinem besten Freund auf dem Gipfel meines Zauberbergs; die Nordostwand des Piz Badile lag unter uns, ein Gewittersturm setzte ein, Hagel peitschte uns ins Gesicht. Wir hatten überlebt, und ich fühlte mich, als hätte ich mit dieser 900 Meter hohen Wand die Schwelle in ein neues Leben überwunden. Ich war erwachsen geworden.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 11).

Piz Badile mit Nordkante und Nordostwand
Von Mg-kM. Klüber Fotografie, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37869

Emil Zopfi wurde 1943 in Wald im Kanton Zürich geboren und arbeitete zunächst als Entwicklungsingenieur und Computerfachmann in der Industrie. Nach seinem Debütroman „Jede Minute kostet 33 Franken“ 1977 verfasste er weitere Romane, Hörspiele, Kinder- und Jugendbücher, die sich mit den schweizerischen Bergen, aber auch mit anderen Themen, etwa den Einflüssen moderner (Computer-) Technik auf den Menschen auseinandersetzen. Zopfi schreibt aus eigener Erfahrung als Bergsteiger und Sportkletterer, aber doch mit dem kritisch-distanzierten Blick des Schriftstellers. In „Dichter am Berg“ – welch schöner, doppeldeutiger Titel! – sucht Zopfi in zwanzig Portraits, wie er selbst schreibt, „Lesend und kletternd“ Antworten auf die Frage: „Warum schreibt ihr über Berge?“ Zopfi erhielt zahlreiche renommierte Literaturpreise, darunter den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und den Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung. Näheres zu Zopfis Werken und seinen lesenswerten Blog finden Sie unter www.bergliteratur.ch.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

„Die Alpen“ von Albrecht von Haller

Poetische Landschaftsmalerei und philosophische Lyrik

Die Natur der Berge als solche zu betrachten und zu genießen und dem dabei empfundenen Genuss dichterischen Ausdruck zu verleihen – das findet sich im Europa der anbrechenden Aufklärung erstmals in Albrecht von Hallers „Alpen“. Zugleich vollzieht Haller den Übergang von formenstrenger barocker Dichtung zur Lehrdichtung der Aufklärung. Mit den „Alpen“ wirkte Haller stilbildend für die philosophische Lyrik und begründete zugleich ein neues Bewusstsein von den bis dato als feindlich empfundenen Bergen als erlebenswerter Natur- und Kulturraum. Hallers Epos umfasst insgesamt vierzig Strophen mit ausführlicher Schilderung des Alltags der Bergbevölkerung, moralischen Erwägungen und philosophischen Erörterungen. Hier seien nur die ausschließlich der Alpenlandschaft gewidmeten Passagen zitiert:

Bild Alpenpanorama zum Artikel - Die Alpen“ von Albrecht von Haller auf der Webseite von Katrin von Mengden Breucker - Bergzitat.de

Alpenpanorama

 

Die Alpen“

(Auszug: Strophen 31 bis 39)

Dann hier, wo Gotthards Haupt die Wolken übersteiget
Und der erhabnern Welt die Sonne näher scheint,
Hat, was die Erde sonst an Seltenheit gezeuget,
Die spielende Natur in wenig Lands vereint;
Wahr ists, daß Libyen uns noch mehr Neues gibet
Und jeden Tag sein Sand ein frisches Untier sieht;
Allein der Himmel hat dies Land noch mehr geliebet,
Wo nichts, was nötig, fehlt und nur, was nutzet, blüht;
Der Berge wachsend Eis, der Felsen steile Wände [1]
Sind selbst zum Nutzen da und tränken das Gelände.

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Wenn Titans erster Strahl der Gipfel Schnee vergüldet
Und sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt,
So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet,
Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt;
Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen Wolke
Eröffnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt,
Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem Volke
Zeigt alles auf einmal, was sein Bezirk enthält;
Ein sanfter Schwindel schließt die allzu schwachen Augen,
Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.

Ein angenehm Gemisch von Bergen, Fels und Seen
Fällt nach und nach erbleicht, doch deutlich, ins Gesicht,
Die blaue Ferne schließt ein Kranz beglänzter Höhen,
Worauf ein schwarzer Wald die letzten Strahlen bricht;
Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft erhobnen Hügel,
Wovon ein laut Geblök im Tale widerhallt;
Bald scheint ein breiter See ein Meilen-langer Spiegel,
Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt;
Bald aber öffnet sich ein Strich von grünen Tälern,
Die, hin und her gekrümmt, sich im Entfernen schmälern.

Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder,
Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich getürmt,
Sein frostiger Kristall schickt alle Strahlen wieder,
Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt.
Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide,
Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her;
Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide,
Und seine Hügel sind von hundert Herden schwer.
Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen
Trennt nur ein enges Tal, wo kühle Schatten wohnen.

Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen,
Ein Wald-Strom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall.
Der dick beschäumte Fluß dringt durch der Felsen Ritzen
Und schießt mit gäher Kraft weit über ihren Wall.
Das dünne Wasser teilt des tiefen Falles Eile,
In der verdeckten Luft schwebt ein bewegtes Grau,
Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten Teile
Und das entfernte Tal trinkt ein beständige Tau.
Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fließen,
Die aus den Wolken fliehn und sich in Wolken gießen. [2]

Bild Wasserfall Gischt Wolken zum Artikel - Die Alpen“ von Albrecht von Haller auf der Webseite von Katrin von Mengden Breucker - Bergzitat.de

Doch wer den edlern Sinn, den Kunst und Weisheit schärfen,
Durchs weite Reich der Welt empor zur Wahrheit schwingt,
Der wird an keinen Ort gelehrte Blicke werfen,
Wo nicht ein Wunder ihn zum Stehn und Forschen zwingt.
Macht durch der Weisheit Licht die Gruft der Erde heiter,
Die Silber-Blumen trägt und Gold den Bächen schenkt;
Durchsucht den holden Bau der buntgeschmückten Kräuter,
Die ein verliebter West mit frühen Perlen tränkt:
Ihr werdet alles schön und doch verschieden finden
Und den zu reichen Schatz stets graben, nie ergründen!

Bild "Berg Nebel Sonne" zum Artikel - Die Alpen“ von Albrecht von Haller auf der Webseite von Katrin von Mengden Breucker - Bergzitat.de

Wann dort der Sonne Licht durch fliehnde Nebel strahlet
Und von dem nassen Land der Wolken Tränen wischt,
Wird aller Wesen Glanz mit einem Licht bemalet,
Das auf den Blättern schwebt und die Natur erfrischt;
Die Luft erfüllet sich mit reinen Ambra-Dämpfen, [3]
Die Florens bunt Geschlecht gelinden Westen zollt;
Der Blumen scheckicht Heer scheint um den Rang zu kämpfen,
Ein lichtes Himmel-Blau beschämt ein nahes Gold;
Ein ganz Gebürge scheint, gefirnißt von dem Regen,
Ein grünender Tapet, gestickt mit Regenbögen. [4]

Bild "Bergblumen" zum Artikel - Die Alpen“ von Albrecht von Haller auf der Webseite von Katrin von Mengden Breucker - Bergzitat.de

Dort ragt das hohe Haupt am edlen Enziane [5]
Weit übern niedern Chor der Pöbel-Kräuter hin;
Ein ganzes Blumen-Volk dient unter seiner Fahne,
Sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret ihn.
Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand;
Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,
Bestrahlt der bunte Blitz von feuchtem Diamant; [6]
Gerechtestes Gesetz! daß Kraft sich Zier vermähle;
In einem schönen Leib wohnt eine schönre Seele.

Bild "Enzian" zum Artikel - Die Alpen“ von Albrecht von Haller auf der Webseite von Katrin von Mengden Breucker - Bergzitat.de

Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel,
Dem die Natur sein Blatt in Kreuze hingelegt;
Die holde Blume zeigt die zwei vergüldten Schnäbel,
Die ein von Amethyst gebildter Vogel trägt. [7]
Dort wirft ein glänzend Blatt, in Finger ausgekerbet,
Auf eine helle Bach den grünen Widerschein;
Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet,
Schließt ein gestreifter Stern in weiße Strahlen ein; [8]
Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretner Heide, [9]
Und Felsen decken sich mit einem Purpur-Kleide. [10]

Autor:

Anatom, Botaniker, Mediziner, Mathematiker, Physiologe, Naturforscher und Magistrat – Dichter war der als Sohn eines Juristen geborene Universalgelehrte Albrecht von Haller (16. Oktober 1708 – 12. Dezember 1777) nur „nebenbei“. Jedenfalls wollte er dies gerne so verstanden wissen. Denn Haller war einer aufklärerischen, utilitaristischen Denkweise verpflichtet. Er sah in Fleiß und Mäßigkeit, im pietistisch motivierten Bestreben, anderen und dem Gemeinwesen zu dienen einen Gegenentwurf zum Luxus der absolutistischen Herrscher und des feudalen Adels. Demgemäß seien unmittelbar nützliche Tätigkeiten der Dichtkunst vorzuziehen. So schreibt Haller – selbst Mediziner – in seiner „Vorrede zu den Werlhofischen Gedichten“ – einem Geleitwort für den Dichter (und Arzt) Paul Gottlieb Werlhof (1699 – 1767):

Ein Dichter, der nichts als ein Dichter ist, kann für die entferntesten Zeiten und Völker ein glänzendes Licht sein. Aber für seine eigenen Zeiten, und für seine Mitbürger, ist er ein entbehrliches und unwirksames Mitglied der Gesellschaft. […]

Weit größer sind die Vorzüge eines gelehrten, geübten und folglich glücklichen Arztes. Seine Gaben sind ein Werkzeug, durch welches die Vorsehung ihre Güte verbreitet. […] Ein Dichter vergnügt eine Viertelstunde; ein Arzt verbessert den Zustand eines ganzen Lebens.“

(Vorrede zu den Werlhofischen Gedichten, in: Sammlung kleiner Hallerischer Schriften, 2. Auflage, Bern 1772, 147 f., zitiert nach Achermann, Eric, Dichtung, in: Steinke, Hubert/Boschung, Urs/Proß, Wolfgang (Hrsg.): Albrecht von Haller, Leben – Werk – Epoche, Göttingen 2008, S. 124 mit Anm. 18.)

Ungeachtet dieser Auffassung von der Dichtkunst als „entbehrlicher“ Nebentätigkeit, war Haller schon zu Lebzeiten und ist bis heute in erster Linie durch seine Gedichte und namentlich durch „Die Alpen“ bekannt. Dass Haller selbst sich durchaus nicht nur „nebenbei“ als Dichter sah, belegt das Bildnis Johann Rudolf Hubers von 1736, welches Haller in einem Buche blätternd vor „seinen“ Alpen zeigt.

Albrecht von Haller 1736.jpg
Von Johann Rudolf Huber – Burgerbibliothek Bern, Negativnummer 2453, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8639366

Jugend

Geboren wurde Albrecht Haller am 16. Oktober 1708 in Bern. Seine Mutter war die Pfarrerstocher Salome Neuhaus (1664 – 1732), sein Vater der Jurist Niklaus Emanuel Haller (1672 – 1721), Landschreiber des Berner Landvogtes. Albrecht erhielt früh Unterricht durch den pietistisch geprägten Hauslehrer Abraham Baillod (1675 – 1751). Schon in jungen Jahren zeigten sich – wenn man den Schilderungen Glauben schenken mag – außergewöhnliche Interessen und Fähigkeiten. So berichtet Hallers Schüler und späterer Biograph Johann Georg Zimmermann: „In dem neunten Jahre hub er an, große Lexika von allen den hebräischen und griechischen Wörtern, die sich in dem Alten und Neuen Testament befinden, mit ihren verschiedenen Wendungen, Wurzeln und Deutungen zu verfertigen“ (zitiert nach Adalbert Elschenbroich, Nachwort, in: Albrecht von Haller, Die Alpen und andere Gedichte, Stuttgart 1965, S. 96). Offenbar deutete sich schon in jungen Jahren Hallers Denk- und Arbeitsweise an: Systematische Forschung und Erfahrungssammlung mit allen Sinnen, umfassende Dokumentation des Wahrgenommenen, konsequente Ordnung und daraus abgeleitete Systematisierung. So erarbeitete sich Haller ein enzyklopädisches Wissen und wurde auf verschiedenen wissenschaftlichen Feldern zu einem Wegbereiter moderner Forschung. Beispielhaft hierfür stehen zahlreiche, von Haller entdeckte und nach ihm benannte anatomische Befunde. Zimmermann berichtet weiter vom jungen Haller: „Er setzte bis zweitausend Lebensbeschreibungen von berühmten Leuten nach dem Vorbild des Bayle und Moeri auf, die er schon um diese Zeit gelesen hatte […]. Es schien seinem ungemeinen Fleiß, seinem feurigen Eifer, sich zu erheben, und seiner unumschränkten Geduld in der Arbeit bald nichts mehr unmöglich“ (zitiert nach Elschenbroich, Nachwort, in: Albrecht von Haller, Die Alpen und andere Gedichte, Stuttgart 1965, S. 96).

Ausbildung und Studium in Biel, Tübingen, Leiden und Basel

Zunächst für das Studium der Theologie bestimmt, galt Hallers Interesse in jungen Jahren der antiken Dichtung des Vergil, namentlich seiner „Georgica“, daneben Horaz und Lukrez und der zeitgenössischen, mithin spätbarocken deutschen und französischen Poesie, bevor er sich nach dem Tode seines Vaters einer praktischen medizinischen Ausbildung in Biel zuwandte.

herbst-tuebingen-natur - auf Bergzitat Autorin Katrin von Mengden Breucker

Das universitäre Studium der Medizin absolvierte er in Tübingen (1723 – 1725) und in Leiden (1725 – 1727) unter anderem beim damals berühmten Hermann Boerhaave. In Paris, Oxford und London vertiefte und verfeinerte Haller seine Fähigkeiten. 1728 studierte er an der Universität Basel Mathematik und Botanik. Von dort aus brach er gemeinsam mit seinem Freund Johannes Gessner (1709 – 1790) zu einer Schweiz-Reise auf, die ihm Anlass für das Epos „Die Alpen“ gab. Haller berichtet im Vorwort zu den „Alpen“: „Dieses Gedicht ist dasjenige, das mir am schwersten geworden ist. Es war die Frucht der großen Alpenreise, die ich An. 1728 mit dem jetzigen Herrn Canonico und Professor Geßner in Zürich getan hatte. Die starken Vorwürfe [Eindrücke, Anm. Katrin von Mengden-Breucker] lagen mir lebhaft im Gedächtnis.“ Wie alle Erfahrungen dokumentierte Haller auch diese Reise, die in erster Linie der Erforschung der schweizerischen Botanik galt. Zugleich verarbeitete er sie poetisch.

Tätigkeiten in Bern und Göttingen

Nach seinen Basler Studien arbeitete Haller sieben Jahre als Arzt in Bern und übernahm 1735 dort die Leitung der Zentralbibliothek. In diese Zeit fiel die Veröffentlichung des 1732 erstmals erschienenen Gedichtbandes „Versuch schweizerischer Gedichten“. Darin waren die „Alpen“ noch ohne die später hinzugefügten ersten zehn Zeilen enthalten.

bern-uhrenturm-uhr-schweiz-turmuhr - auf Bergzitat Autorin Katrin von Mengden Breucker

Nachdem Hallers Bewerbungen um einflussreichere öffentliche Ämter in Bern gescheitert waren, eröffnete sich ihm 1736 durch die Berufung an die Universität Göttingen die Chance, sich auf einer Professur für Anatomie, Botanik und Chirurgie ganz seinen wissenschaftlichen Studien zu widmen. In Göttingen legte Haller nicht nur einen botanischen Garten für praktische Forschung an, sondern gründete auch die Göttinger Akademie der Wissenschaften und eine evangelisch-reformierte Gemeinde. Daneben leitete er die „Göttingischen Zeitungen von gelehrten Sachen“ und korrespondierte umfangreich mit den führenden Köpfen der Zeit. Für seine Verdienste für die Forschung, aber auch für die internationalen Wissenschaftsbeziehungen erhob Kaiser Franz I. Haller 1749 in den Adelsstand.

Goettingen - Ansicht von Suedosten (1735).png
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=620607

1753 kehrte Haller nach Bern zurück und übernahm dort die Stelle des Rathausamtmannes, wurde 1755 Leiter des städtischen Waisenhauses und 1758 Direktor der Salzbergwerke. Selbst seine letzte Lebensphase widmete Haller der Forschung, indem er in den „Göttingischen Gelehrten Anzeigen“ seine fortschreitende, todbringende Krankheit ebenso wissenschaftlich beschrieb wie die Effekte des zur Schmerzlinderung eingenommenen Opiums. Am 12. Dezember 1777 starb Haller in seiner Geburtsstadt Bern.

Hintergrund:

Im 18. Jahrhundert gehörten Hallers „Alpen“ zum kulturellen Gemeingut des Bildungsbürgertums wie der führenden aufklärerischen Literaturkritiker. So soll Lessing (1729 – 1781) die „Alpen“ auswendig gekannt haben.

Die „Alpen“ stehen wie ihr Verfasser an der Schwelle des Übergangs vom Barockzeitalter zur Aufklärung. Haller war noch der Formenstrenge der „gelehrten Dichtung“ des Barock verpflichtet. Er dichtete in zehnzeiligen alexandrinischen Strophen mit dem Reinschema a-b-a-b-c-d-c-d-e-e. Die Zeilen enden wechselnd mit klingenden (weiblichen) und stumpfen (männlichen) Reimen. Wie in den barocken Sonetten kulminiert der Gedankengang in den beiden letzten Zeilen jeder Strophe, die Haller deshalb als Couplet gestaltet, was ihm nach eigener Aussage wie überhaupt die Wahrung der strikten Form nicht wenig Mühe abverlangte. Haller hatte ursprünglich zehn zehnzeilige Strophen geplant, wodurch er dem damals herrschenden leibnizschen Gedanken einer Harmonie des Weltganzen auch durch die mathematisch ebenmäßige Gestaltung Rechnung getragen hätte. Er verzichtete dann aber auf die letzte Formenstrenge zugunsten eines umfassenden Landschafts- und Sittengemäldes der Alpen und ihrer Bewohner. Damit ließ Haller nach Form und Inhalt das Barockzeitalter hinter sich und betrat neues Terrain – in mehrfacher Hinsicht:

Dichterisches Landschaftsgemälde

Haller entfaltet ein breites Bild der Alpenlandschaft und zahlreicher, darin spielender Szenen und entwirft damit gleichsam ein monumentales, lyrisches Landschaftsgemälde. Als Erster machte er die Natur als solche zum wesentlichen Gegenstand der Dichtung. Idealisierte, idyllische Beschreibungen der Berglandschaft erinnern an die schon im Barock beliebte, an der antiken Schäferdichtung orientierte Anakreontik, mit der Haller aufgrund seiner Vorliebe für die klassische Dichtung des Altertums vertraut war. Hallers weit gefasste und zugleich tiefgehende Natur- und Altersbeschreibung reicht aber über die tändelnde Schäferdichtung hinaus: Er verbindet das Durchschweifen der Landschaft mit moralischen und ethischen Betrachtungen. Zugleich überführt er die ganz der Form verpflichtete „gelehrte Dichtung“ des Barock in die für die Aufklärung typische „Lehrdichtung“, die dem Leser höhere Einsichten und Wahrheiten vermitteln will. So verbindet Haller Landschaftsbeobachtungen mit botanischen, mineralogischen und ökonomischen Erkenntnissen und Belehrungen. Die Natur ist damit Gegenstand der Betrachtung, die den Leser aber zugleich über den Genuss ihrer Schönheit hinaus Einsichten vermittelt, die ihn das Weltganze als harmonische Einheit von sinnlicher und geistiger Wahrnehmung erleben lassen. Haller unternimmt damit den Versuch, die orthodoxe Schöpfungsordnung mit den aufkommenden Naturwissenschaften in Einklang zu bringen. Zugleich litt Haller sein Leben lang an diesem Spagat zwischen alter und neuer Gedankenwelt und trug damit gleichsam in seinem Innern die Spannungen aus, die durch das Aufeinandertreffen barocker und aufklärerischer Weltanschauung ausgelöst wurden.

In Hallers übertrieben idyllischer Schilderung des unverfälschten Landlebens der Bergbewohner lag eine scharfe Kritik am überbordenden und verderblichen Luxus des damaligen Adels und der städtischen Patrizier, wie ihn Haller in seiner Heimatstadt Bern und anderenorts erlebte. Mag sich Haller auch gerne in der ihm vertrauten anakreontischen Welt bewegt und sich ihrer Stilmittel bedient haben, so war er doch entfernt davon, die beschriebene Idylle als Wirklichkeit zu nehmen. Vielmehr diente sie ihm als Mittel, um die Einfachheit des Lebens und die im besten Sinne verstandene Einfältigkeit des Gemütes der Dekadenz und dem Sittenverfall der damals herrschenden Schichten entgegenzusetzen. Diese Kritik wurde durchaus als solche verstanden und gilt als eine Ursache dafür, dass Haller in Bern später keines der von ihm angestrebten öffentlichen Ämter überantwortet erhielt.

Philosophische Lyrik

Haller begründet mit den „Alpen“ das Genre der „dichterischen Philosophie“, die später von Schiller und Hölderlin aufgegriffen und vollendet wurde und die Haller nicht zufällig zu einem Lieblingsdichter Immanuel Kants werden ließ. „Die Alpen“ wirkten auch in diesem Punkt stilbildend. Die bei Betrachtung der Landschaft empfundene Einheit von Mensch und Natur zog Friedrich Schiller in seinen Überlegungen „Über naive und sentimentalische Dichtung“ heran, um das „Elegische“ in der Dichtung (neu) zu definieren: Es sollte nicht mehr – wie die klassische antike „Elegie“ – als Klagegedicht verstanden werden, sondern als dichterischer Ausdruck der (nach-) empfundenen idealen Harmonie des Weltganzen und zugleich als Schmerz über den erkannten Verlust der ursprünglichen Einheit zwischen Natur und Kultur. Schiller selbst griff das hallersche Umherschweifen in der Natur und die Betrachtung menschlicher (Alltags-) Szenen dichterisch auf und wählte etwa in seinem „Spaziergang“ auch die Berge als Gegenstand der Betrachtung und Kulisse zivilisatorischer Kultur: „Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel!“ (Kurscheidt, Georg (Hrsg.), Friedrich Schiller Gedichte, in: Friedrich Schiller Werke und Briefe in zwölf Bänden, Band 1, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1992, S. 34). Ihren Höhepunkt findet die Verbindung zwischen Natur und Gedankenwelt in Friedrich Hölderlin, wobei die bei Haller noch vorherrschenden beschreibenden Elemente zugunsten des Ausdrucks der Naturempfindung und philosophischer Gedanken zurücktreten. Beispielhaft hierfür steht Hölderlins „An die Natur“, in denen die Klage über den Verlust des (jugendlichen) Idealzustandes vor dem Hintergrund der durchschweiften Landschaft Ausdruck findet: „Wenn der Sturm mit seinen Wetterwogen Mir vorüber durch die Berge fuhr Und des Himmels Flammen mich umflogen, Da erschienst du, Seele der Natur!“

Begründung eines „Alpenbewusstseins“

Hallers revolutionäre lyrische Beschreibung der Natur der Alpen begründete eine neue Wahrnehmung der Berge: Hatte man diese früher – noch von Hannibals eindrücklichen Berichten geprägt – als unwirtlich, ja als feindliches und unerschlossenes Gebiet gesehen, so öffnete Haller den Blick für die Phänomene und Schönheit der alpenländischen Natur. Die hier zitierten Strophen 31 bis 39 befassen sich erstmals literarisch ausschließlich mit der Natur der Alpen und schildern eindringlich deren Schönheit. Damit steht Hallers Elegie am Anfang eines Bewusstseinswandels, der in den Bergen und namentlich den Alpen nicht mehr (nur) Unbill und Gefahr, sondern auch die Faszination und Ästhetik und das Naturerlebnis sah. Über 200 Jahre nach der Renaissance leitete Haller damit auch für die Alpen ein neues Bewusstsein ein, das noch im Laufe des 18. Jahrhunderts in einen frühen „Alpentourismus“ mündete.

Kritikerstreit über Hallers „Alpen“

Die Alpen“ waren auch Gegenstand einer literaturkritischen Auseinandersetzung der von Johann Christoph Gottsched (1700 – 1766) repräsentierten Leipziger Literaturkritiker mit der von Johann Jakob Bodner (1698 – 1783) und Johann Jakob Breitinger (1701 – 1776) angeführten Zürcher Literatengruppe. War man sich in der Ablehnung des als übertrieben und schwülstig empfundenen Barockstils noch einig, so stritt man umso heftiger um die Frage, ob Haller in seinen „Alpen“ diesen Bruch konsequent vollzogen habe. Als Sinnbild des überkommenen und zu überwindenden bildlich überladenen „feudalen“ Stils galt Daniel Casper von Lohenstein (1635 – 1683). Haller betonte dann auch in seiner „Vorrede“ zu den „Alpen“, dass ihm darin immer noch vieles nicht gefalle: „Man sieht auch ohne mein Warnen noch viele Spuren des Lohensteinischen Geschmacks darin“. Während die Leipziger um Gottsched Verständlichkeit, Vernunft und eine nahezu prosaische Verstandesmäßigkeit auch in der Lyrik forderten, verteidigten die Zürcher um Breitinger das Recht und die Pflicht des Dichters, Herz und Phantasie des Lesers anzusprechen, um in ihm innere Bilder zu erwecken. Breitinger sieht in diesem Punkt Maler und Dichter in ähnlicher Funktion: Beide versuchen, „eben diejenigen Eindrücke in dem Gemüte der Menschen zu erwecken, welches es von den gegenwärtigen, der Natur vorkommenden Dinge empfangen würde“ (Breitinger, Jakob, Critische Dichtkunst, Zürich 1740, in: Bender, Wolfgang, (Hrsg.), J. J. Bodner und J. J. Breitinger, Stuttgart 1973, Seite 84).

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

 

 

1 Die meisten und größten Flüsse entspringen aus Eisgebürgen, als der Rhein, der Rhodan, die Aare.

2 Meine eigenen Gönner haben diese zwei Reimen getadelt. Sie sind also wohl schwer zu entschuldigen. Indessen bitte ich sie zu betrachten, daß die Gemsen in den ersten Auflagen, wenn sie schon Menschen wären, ein tägliches Schauspiel nicht bewundern würden; daß Boileau des S. Amand durch die Fenster sehenden Fische mit Recht lächerlich gemacht hat; und daß endlich, wann oben am Berg die Wolken liegen, der Staubbach aber durch seinen starken Fall einen Nebel erregt, als wovon hier die Rede ist, der letzte Vers allerdings nach der Natur gemalt scheint. Ein Oberamtsmann in dem Theile der Alpen, wo der hier beschriebene Staubbach ist, hat diesen Ausdruck besonders richtig gefunden, da er ihn mit der Natur verglichen hat; und in den schönen Wolfischen Aussichten sieht man das in einem Nebel aufgelöste Wasser des Stroms.

3 Alle Kräuter sind auf den Alpen viel wohlriechender als in den Tälern. Selbst diejenigen, so anderswo wenig oder nichts riechen, haben dort einen angenehmen saftigen Narziß-Geruch, wie die Trollblume, die Aurikeln, Ranunkeln und Küchenschellen.

4 Ist im genauesten Sinne von den hohen Bergweiden wahr, wenn sie vom Vieh noch nicht berührt worden sind.

5 Gentiana floribus rotatis verticillatis. Enum. Helv. p. 478, eines der größten Alpenkräuter, und dessen Heil-Kräfte überall bekannt sind, und der blaue foliis amplexicaulibus floris fauce barbata. Enum. Helv. p. 473, der viel kleiner und unansehnlicher ist.

6 Weil sich auf den großen und etwas hohlen Blättern der Tau und Regen leicht sammlet und wegen ihrer Glättigkeit sich in lauter Tropfen bildet.

7 Antirrhinum caule procumbente, foliis verticillatis, floribus congestis. Enum. Helv. p. 624.

8 Astrantia foliis quinquelobatis lobis tripartitis. Ebum. Helv. p 439.

9 Ledum foliis glabris flore tuboloso. Enum. Helv. p. 417, et Ledum foliis ovatis ciliatis flore tubuloso. Enum. Helv. p. 418

10 Silene acaulis. Enum. Helv. p. 375, womit oft ganze große Felsen, wie mit einem Pupurmantel, weit und breit überzogen sind.