Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux

Geburtsstunde des Alpinismus?

Sie gilt als Geburtsstunde des Alpinismus: Die Besteigung des Mont Ventoux in Südfrankreich durch den Poeten, Geistlichen, Juristen und Literaten Francesco Petrarca am 26. April 1336. Petrarcas geistlich geprägter Bericht über dieses Ereignis gilt zugleich als Ursprung des Alpinjournalismus.

Mehr noch: Historiker und Kulturwissenschaftler sehen in Petrarcas Tat und seinem anschließenden Bericht eine kulturgeschichtliche Zäsur: Erstmals sei ein Berg aus purer Neigung, aus Interesse und Freude an der Natur und der umgebenden Landschaft erstiegen worden. Erstmals werde über eine Bergbesteigung als kulturelles Ereignis berichtet, werde der Berg als Teil der Natur gesehen und seine Wahrnehmung durch den Menschen reflektiert. Der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt analysiert diese Entwicklung in seiner „Kultur der Renaissance in Italien“ unter der Überschrift „Die Entwicklung der Welt und des Menschen“. Darin beschreibt Burckhardt, wie die Wahrnehmung und Beschreibung der Natur als solche im Hochmittelalter erstmals im „Sonnenhymnus“ Franz von Assisis (1181/82 bis 1226) anklingt. In Dante Alighieris (1265 bis 1321) Naturbeschreibungen sieht Burckhardt diese Ansätze fortgesetzt und vorsichtig vertieft, bis sie bei Francesco Petrarca in den Vordergrund treten: „Vollständig und mit größter Entschiedenheit bezeugt dann Petrarca, einer der frühsten völlig modernen Menschen, die Bedeutung der Landschaft für die erregbare Seele.“ Jacob Burckhardt, Die Entdeckung der Welt und des Menschen. Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Herausgegeben von Walther Rehm, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seiten 326 f.).

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Von Altichiero da ZevioUnbekannt, Gemeinfrei, Link

Was sich am 26. April 1336 tatsächlich zugetragen hat, wissen wir nicht. Bekannt ist Petrarcas Bericht. Er wurde vielfach untersucht und interpretiert. Kurt Steinmann fasst den Forschungs- und Deutungsstand in seinem Nachwort zu Petrarcas Bericht anschaulich zusammen Kurt Steinmann, Grenzscheide zweier Welten? Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seiten 43 ff.. Demnach gilt als wahrscheinlich, dass Francesco Petrarca tatsächlich in Begleitung seines jüngeren Bruders sowie zweier nicht näher bezeichneter „Diener“ den Mont Ventoux erstiegen hat. Gegen eine rein fiktive Schilderung sprechen die Beschreibungen der Physiognomie des Berges und der Aussicht vom Gipfel, die Petrarca schwerlich anderen Quellen entnommen haben kann. Ob die Besteigung tatsächlich auf den 26. April 1336 fiel und ob Petrarca den Bericht – wie er schreibt – noch am selben Abend nach dem kräftezehrenden Gipfel spontan niedergeschrieben hat, ist umstritten. Doch lassen wir Petrarca selbst zu Wort kommen:


Francesco Petrarcas Bericht über die Besteigung des Mont Ventoux

„An Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro

Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, den Windigen, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, allein aus dem Verlangen heraus, diesen außergewöhnlich hoch gelegenen Ort kennenzulernen. Viele Jahre lang hatte ich diese Besteigung im Sinn; seit meiner Kindheit hielt ich mich, wie Du weißt, in der hiesigen Gegend auf, so wie eben das Schicksal mit dem Leben der Menschen sein wechselvolles Spiel treibt.

Allmählich wurde mein Verlangen ungestüm, endlich auszuführen, was ich mir täglich vorgenommen hatte, insbesondere nachdem ich tags zuvor bei Lektüre der römischen Geschichte im Livius auf jene Stelle gestoßen war, wo Philipp, der König von Makedonien – der mit dem römischen Volk Krieg geführt hat – den Haemus bestieg, einen Berg in Thessalien. Er hatte nämlich dem Gerücht geglaubt, man könne von dessen Gipfel zwei Meere sehen, das Adriatische und das Schwarze Meer. Ob zu Recht oder zu Unrecht konnte ich nicht in Erfahrung bringen, zumal die Sache dadurch erschwert wird, dass der Berg weit von unserer Gegend entfernt ist und die Schriftsteller unterschiedliche Auffassungen vertreten. Um nicht alle nachschlagen zu müssen: der Kosmograph Pomponius Mela berichtet ohne Bedenken, dass es so sei, Titus Livius dagegen hält das Gerücht für falsch; wäre es für mich so leicht möglich, jenen Berg zu erkunden, wie es bei diesem hier der Fall war – ich hätte die Frage nicht lange ungeklärt gelassen.

Um übrigens nun jenen fernen Berg außer Betracht zu lassen und zu diesem zu kommen: mir schien es für einen jungen Mann, der nichts mit der Führung des Staates zu tun hat, entschuldbar, was man bei einem greisen König nicht tadelt. Da ich mir aber die Wahl eines Reisegefährten überlegte, schien mir, so eigenartig es klingen mag, kaum einer meiner Freunde umfassend geeignet.

So selten ist, selbst unter lieben Freunden, jener vollkommene Einklang aller Wünsche und Charakterzüge. Der eine war mir zu bedächtig, der andere zu aufgeweckt, der zu langsam, jener zu rasch, der zu schwermütig, jener zu fröhlich, der schließlich einfältiger und jener gescheiter, als mir lieb war. Beim einen schreckte mich seine Schweigsamkeit, beim andern sein Vorwitz, beim einen seine Fülle und Fettleibigkeit, beim andern seine Hagerkeit und Kraftlosigkeit; gegen den einen sprach seine kühle Teilnahmslosigkeit, gegen einen andern sein zu feuriger Eifer. Diese Schwächen, so belastend sie sind, erträgt man zu Hause – alles nämlich erträgt die Liebe und keiner Mühsal entzieht sich die Freundschaft –; aber dies alles wird unterwegs nur noch belastender. So wog mein empfindsames Gemüht, das auf ein achtbares Vergnügen aus war, umsichtig alle Einzelheiten gegeneinander ab, ohne dadurch eines der Freundschaftsbande irgendwie zu verletzen, und im Stillen verdammte es alles, was das geplante Unternehmen voraussichtlich belasten könnte. Was glaubst Du wohl? Schließlich wende ich mich um Unterstützung an den mir Nächststehenden und eröffne mein Vorhaben meinem einzigen Bruder, der jünger ist und den du recht gut kennst. Nichts konnte ihn fröhlicher stimmen und er schätzte sich glücklich, mir Freund und Bruder zugleich zu sein.

Am bestimmten Tag brachen wir von zu Hause auf und gelangten gegen Abend nach Maloncenes (Malaucène). Dieser Ort liegt am Fuße des Berges gegen Norden; dort verweilten wir einen Tag, und heute endlich bestiegen wir, jeder mit einem Diener, den Berg, nicht ohne große Schwierigkeit; denn er ist eine schroffe und kaum zugängliche Felsmasse; doch wie sagte der Dichter [Vergil, Anm. d. Verf.] trefflich: Rastlose Mühe besiegt alles. Der Tag war lang, die Luft mild, die Gemüter entschlossen, die Körper stark und behende, was uns Wanderern hilfreich war; allein die Beschaffenheit des Ortes war hinderlich.

In den Schluchten des Gebirgs trafen wir einen uralten Hirten, der wortreich versuchte, uns von der Besteigung abzubringen; er sagte, er sei vor fast fünfzig Jahren in demselben Drang jugendlichen Feuers auf die höchste Höhe emporgestiegen, habe aber nichts mit zurückgebracht als Reue und Mühsal, Leib und Gewand zerrissen von Steinen und Gedörn, und niemals, weder vorher noch nachher, habe man davon gehört, dass einer ähnliches gewagt habe. Während er uns dies zurief, wuchs in uns mit seinen Mahnungen noch das Verlangen – wie ja der jugendliche Sinn Warnungen stets in den Wind schlägt. Daher schritt der Greis, als er die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen eingesehen hatte, ein wenig vorwärts zwischen den Felsen und wies uns mit dem Finger einen steilen Bergpfad, während er viele Ermahnungen aussprach und vieles noch wiederholte, als wir ihm schon den Rücken gekehrt hatten.

Beim Hirten ließen wir zurück, was uns an Gewändern und Gerät hinderlich war, gürteten und schürzten uns nun ausschließlich für den Aufstieg und stiegen wohlgemut und beschwingt bergan. Aber – wie es so geht – folgte auf die immense Anstrengung rasch die Ermüdung. Wir machten also unweit auf einem Felsen halt; von dort rückten wir wiederum vorwärts, aber langsamer; insbesondere ich selbst legte den Gebirgspfad nun mit bescheidenerem Schritt zurück. Mein Bruder freilich strebte auf einem jähen Pfad mitten über die Kämme des Berges zur Höhe empor; ich dagegen, weniger gestählt, schlug einen schräg nach unten führenden Pfad ein.

Als er mich zurückrief und mir den richtigen Weg zeigte, erwiderte ich, ich hoffte, der Zugang von der anderen Seite sei leichter, und ich scheute mich nicht vor einem Umweg, wenn es dort weniger steil voranginge.

Dieser Vorwand sollte meine Trägheit entschuldigen; aber während die andern schon hoch auf der Höhe stunden, irrte ich noch durch die Täler, ohne daß sich irgendwo ein sanfterer Aufstieg auftat; vielmehr ward mein Weg verlängert und die unnötige Anstrengung nur erschwert. Indessen, da ich mich mißmutig über meinen Irrtum ärgerte, beschloss ich, geradewegs die Höhe zu erklimmen, erreichte auch wirklich müd und mit zitternden Knien meinen Bruder, der sich in ausgiebiger Rast erquickt hatte. Nun zogen wir eine Zeit lang mit gleichem Schritt weiter. Kaum aber hatten wir die Anhöhe hinter uns gelassen, vergaß ich schon den vorherigen Umweg und ließ mich wieder in tiefer gelegenes Gelände fallen. Und wieder geriet ich, während ich Täler durchschritt und einen kürzeren Weg auszufinden trachtete, auf einen langen und schwierigen Pfad. So freilich schob ich den lästigen Aufstieg nur auf; der menschliche Geist löst aber die Wirklichkeit nicht auf, und unmöglich gelangt ein Wesen aus Fleisch und Blut durch Absteigen nach oben.

Kurz, unter dem Gelächter meines Bruders, passierte mir dies zu meinem Missfallen binnen weniger Stunden dreimal oder noch öfter. So machte ich denn, mehrmals getäuscht, in einem Talgrund halt. […]

Den obersten der Gipfel nennen die Leute im Gebirg „das Söhnlein“; warum, weiß ich nicht, vielleicht des Gegensatzes wegen, wie meiner Vermutung nach noch manch anderes bezeichnet wird, denn er schaut in Wahrheit eher wie der Vater aller benachbarten Berge aus. Auf seinem Scheitel erstreckt sich eine kleine Hochebene, dort hielten wir ermüdet Rast.

Und da du ja gehört hast, welche Sorgen sich im Herz des Aufsteigenden breit machten, so höre, Vater, auch den Rest, und nimm dir bitte die Zeit nachzulesen, was ich an diesem einen Tage meines Lebens getan habe.

Zuerst stand ich – von ungewohntem Luftzug und dem freien Rundblick ergriffen – wie betäubt. Ich schaue nach unten: da lagen die Wolken zu meinen Füßen. Schon erschienen mir Athos und Olympus weniger sagenhaft, da ich das, was ich von jenen gehört und gelesen hatte, an einem weniger berühmten Berge erschaute.

Danach wende ich den Blick nach der italienischen Seite, wohin sich meine Seele am meisten hingezogen fühlt: starr und schneebedeckt und ganz in meiner Nähe erschienen mir die Alpen, durch welche sich einst jener wilde Feind des römischen Volkes seinen Weg bahnte und, wenn der Sage zu glauben ist, mit Essig die Felsen sprengte -; und doch sind sie beträchtlich von hier entfernt. Ich seufzte, ich gestehe es, nach Italiens Himmel, der mehr vor meiner Seele als vor meinen Augen erstand, und eine unsägliche Sehnsucht ergriff mich, Freunde und Vaterland wiederzusehen – eine Sehnsucht, die ich eigentlich eine unmännliche Weichheit schelten sollte, aber zur Entschuldigung auf großer Männer Zeugnis stützen kann.

[…] Diese und ähnliche Gedanken durchliefen meine Brust, Vater. Während ich mich über meinen Fortschritt freute, beweinte ich meine Unvollkommenheit und beklagte die allgemeine Wandelbarkeit menschlichen Tuns; schier hatte ich vergessen, warum ich diesen Ort aufgesucht hatte; doch dann sah ich ein, daß andere Orte passender seien, sich mit solchen Sorgen zu plagen und wandte mich um und blickte zurück gen Westen, um das zu betrachten, dessentwegen ich heraufgekommen war. Die Zeit drängte zur Rückkehr, die Sonne neigte sich, der Schatten des Berges wuchs mächtig und gemahnte mich und weckte mich gleichsam auf.

Der Grenzwall zwischen den gallischen Landen und Spanien, die Gipfel der Pyrenäen, ist von dort nicht zu sehen; nicht – soviel ich weiß – weil etwas dazwischenläge, sondern allein aufgrund der Unzulänglichkeit des menschlichen Auges.

Zur Rechten aber lagen die Berge der lyonischen Provinz, zur Linken der Golf von Marseille, und die Gewässer von Aigues-Mortes waren aufs deutlichste zu sehen, obwohl alle mehrere Tagesreisen entfernt sind. Die Rhone lag gerade vor unseren Augen.

Wie ich nun dies im Einzelnen bewunderte und mich mit irdischen Dingen befasste, bald wie den Leib so auch den Geist in höhere Sphären zu versetzen trachtete, kam mir in den Sinn, das Buch der Bekenntnisse des Augustinus aufzuschlagen, eine Möglichkeit, die ich deiner Wertschätzung verdanke. Ich bewahre das Buch zur Erinnerung an den Verfasser wie an den Schenker und habe es immer zur Hand: Ein faustgroßes Werklein von kleinstem Format, aber voller unendlicher Süße. Ich öffne es, um das zu lesen, was mir erscheinen würde. Was könnte mir anderes vor Augen treten als Frommes und Gottergebenes? Zufällig stieß ich auf das zehnte Buch des Werkes. Mein Bruder stand aufmerksam und voller Erwartung, von mir etwas von Augustinus zu hören. Gott und ihn, der dabei war, rufe ich zum Zeugen, dass an der aufgeschlagenen Stelle, auf die ich meine Augen richtete, folgendes stand:

Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die gewaltigen Fluten des Meeres, das Fließen der breitesten Ströme, des Ozeans Umlauf und die Bahnen der Gestirne – und verlieren dabei sich selbst [Augustinus, Confessiones X, 8, 15.].

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Ich war betroffen, ich gestehe es, und ich bat meinen Bruder, der darauf brannte, Weiteres zu hören, nicht in mich zu dringen, schloß das Buch, mit mir selber zürnend, daß ich jetzt noch Irdisches bewunderte, nachdem ich doch schon längst von den heidnischen Philosophen hätte lernen müssen, daß nichts wunderbarer ist als der Geist, und dass neben einem großen Geist nichts anderes mehr groß erscheint.

Dann aber wandte ich mich – zufrieden, den Berg gesehen zu haben – meinem Inneren zu; und von diesem Moment an hörte mich keiner mehr sprechen, bis wir ganz unten angelangt waren; jenes [augustinische] Wort hatte mich im Stillen ausreichend beschäftigt. Ich konnte nicht an eine zufällige Fügung glauben, sondern glaubte im Gegenteil, dass alles, was ich gelesen hatte, für mich und keinen anderen gesagt worden sei. Ich erinnerte mich, dass Augustinus einst das gleiche für sich angenommen hatte […]

Wie oft, glaubst du, habe ich mich an diesem Tage auf dem Rückweg ins Tal umgesehen und den Gipfel des Berges betrachtet, und er schien mir kaum die Höhe einer Stube zu haben, wenn man ihn mit der Höhe der Gedanken des Menschen vergleicht, solange man diese nicht in den Staub weltlicher Banalität drückt. Und Schritt für Schritt kam mir in den Sinn: Wenn es einen nicht verdross, soviel Schweiß und Mühsal auf sich zu laden, um seinen Körper dem Himmel etwas näher zu bringen: welches Kreuz, welches Gefängnis, welchen Stachel dürfte dann eine Seele erschrecken, die sich Gott nähert und dabei die blasierte Überheblichkeit und die irdischen Fährnisse unter sich lässt? Weiter: Wem wird es überhaupt gelingen, von diesem Weg – sei es aus Angst vor den Bewährungsproben, sei es aus Hang zur Bequemlichkeit – nicht abzuschweifen? […]

Mit welchem Eifer müssten wir uns bemühen, nicht eine topographische Erhöhung unter die Füße zu bekommen, sondern die von weltlichen Bedürfnissen entfachten Begierden!

Unter solchen Wallungen meines aufgewühlten Herzens kehrte ich in tiefer Nacht – ohne den mit spitzen Steinen übersäten Pfad zu spüren – zu jener kleinen, gastlichen Hütte des Hirten zurück, von der ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen war; der Mond beleuchtete uns Wanderern die ganze Nacht hindurch unsern Weg. Während nun unsere Diener mit der Vorbereitung der Abendmahlzeit beschäftigt waren, begab ich mich in einen abgelegenen Teil der kleinen Herberge, um dir eilig und aus dem Gedächtnis heraus zu schreiben, damit das Unterfangen nicht, indem ich’s verschiebe, durch den Wechsel des Ortes oder der Gedanken ein andere Gestalt erfahre und der Wille zur Niederschrift verwehe.

Sieh also, liebster Vater, wie ich dir nichts vorenthalten möchte, indem ich dir gewissenhaft nicht nur mein ganzes Leben, sondern auch jeden einzelnen Gedanken unterbreite. Für die Seele bete – ich bitte dich -, sie möge, nachdem sie solange unstet umherschweifte, doch einmal zur Ruhe kommen und sich nach vielen Irrungen zum Guten, Wahren, Sicheren und Beständigen hinwenden. Lebe wohl!

Am 26. April (1336) zur Malaucène

Kulturgeschichtliche Zäsur?

Nach Jacob Burkhardt markiert Petrarcas Unternehmung eine Zeitenwende, da er die Ästhetik der Natur als solche wahrnehme, reflektiere und mit inneren Betrachtungen verknüpfe. Die Einschätzung Burckhardts sollte für die neuzeitliche Rezeption der Bergbesteigung maßgeblich werden. Erstmals werde Natur ein kulturelles Erlebnis:

„… der Anblick der Natur traf ihn unmittelbar. Der Naturgenuss ist für ihn der erwünschteste Begleiter jeder geistigen Beschäftigung. Auf der Verflechtung beider beruhte sein gelehrtes Anachoretenleben in Vaucluse und anderswo, seine periodische Flucht aus Zeit und Welt.“ Jacob Burckhardt, Die Entdeckung der Welt und des Menschen. Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Herausgegeben von Walther Rehm, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seite 327).
Dass Petrarca auf eine nähere Schilderung des Gipfels und der von dort geschauten Landschaft verzichtet, erklärt Burckhardt mit der schieren Überwältigung. Andere Interpreten sehen darin einen Beleg dafür, dass es Petrarca – anders als von Burckhardt und ihm folgender Rezipienten angenommen – nicht auf die Schönheit der Natur angekommen sei; vielmehr sei Gegenstand und Ziel des Berichts eine Bekehrung des Lesers, der sich ganz im Sinne des von Petrarca verehrten Theologen Augustinus der ernsthaften Betrachtung der Seele, der Selbstreflektion hingeben solle, um auf diesem – unendlich mühsamen – Weg auch zur Erkenntnis des unsichtbaren Gottes zu gelangen Ruth Groh / Dieter Groh, Petrarca und der Mont Ventoux, in: Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Band 46, 1992, Heft 4, Seite 290, 297.

Unbestreitbar gilt Petrarcas Bericht nicht in erster Linie der äußeren Natur; vielmehr verknüpft er die Besteigung des Mont Ventoux mit theologischen Überlegungen. Auf dem Gipfel schlägt er den von ihm geliebten Augustinus auf und zitiert aus den berühmten „Confessiones“: „Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die gewaltigen Fluten des Meeres, das Fließen der breitesten Ströme, des Ozeans Umlauf und die Bahnen der Gestirne – und verlieren dabei sich selbst.“

Die Gipfel-Lektüre der Confessiones bedeutet einen Einschnitt: Petrarca verliert über den anschließenden Abstieg kein Wort mehr. Mehr noch. Er selbst habe, so schildert er, auf dem gesamten Abstieg nichts gesprochen: „Dann aber wandte ich mich – zufrieden, den Berg gesehen zu haben – meinem Inneren zu; und von diesem Moment an hörte mich keiner mehr sprechen, bis wir ganz unten angelangt waren“. Der auf dem Gipfel auf die umgebende Natur gerichtete Blick wird also ganz auf das Innere gerichtet. Dies zeigt, dass Petrarca mit seinem Bericht wesentlich eine theologische Aussage und eine bekehrende Botschaft an seine Leser vermitteln wollte.

Selbstreflektion und Metaphysik am Berg

Petrarca beschreibt als erster ein bis heute gültiges Charakteristikum des Bergsteigens: Die Selbstreflektion während des Steigens und auf dem Gipfel, der Blick auf und in die eigene Seele. Metaphysische Gedanken und die Auseinandersetzung mit Gott sind geradezu Wesensmerkmale des Bergsteigens. Mit der körperlichen Anstrengung geht eine seelische Anspannung – und bestenfalls Entspannung – einher. Und ähnlich komplementär wie Physis und Psyche gestaltet sich das Verhältnis von Natur und Kultur: Bergsteigen ist Bewegung in der Natur, erschöpft sich aber nicht in einem Landschaftserlebnis: Vielmehr wirft die Anschauung der umgebenden, schroffen oder lieblichen Natur zugleich ein Schlaglicht ins Innere des Steigenden und fördert metaphysische Gedanken und – im Falle Petrarcas – Reflexionen über Gott und ein gottgefälliges Leben zutage.

Für Petrarca bestand die entscheidende Erkenntnis darin, dass der Weg zur Selbst- und Gotterkenntnis nicht im Äußeren, sondern im Inneren liege. Dass Petrarca als Geistlicher und Verehrer Augustins dieser Botschaft breiten Raum einräumt, liegt nahe. Es ändert aber nichts an der Einmaligkeit des für die damalige Zeit unerhörten Unterfangens, freiwillig und zweckfrei einen Berg zu besteigen und dies auch noch in einem detaillierten Bericht festzuhalten und brieflich mitzuteilen. So vollzog Petrarca als erster im Mittelalter den Schritt vom Bergsteigen zum „Bergschreiben“.

Insgesamt bleibt Petrarcas Unternehmung und deren Schilderung – bei aller Vorsicht vor überhöhenden Deutungen – ein Meilenstein in der kulturgeschichtlichen Entwicklung und behält seinen Platz als erste schriftliche Manifestation des von Zwängen freien Bergsteigens und als Initial des späteren Alpinismus und seiner kulturellen Prägung.

Biographisches

Francesco Petrarca, geboren am 20. Juli 1304 im toskanischen Arezzo, war Geistlicher, Jurist, Dichter und Humanist. Nach der Verbannung seines aus Florenz stammenden Vaters wuchs Francesco ab seinem sechsten Lebensjahr (1310) in Avignon auf, dem damaligen Sitz des Papstes. Petrarcas Vater war als Advokat tätig, musste aber aufgrund geringen Einkommens mit seiner Familie den Wohnsitz bald außerhalb Avignons in Carpentras nehmen. Dort besuchte Francesco die Grundschule und die Lateinschule und studierte anschließend Jurisprudenz in Montpellier und Bologna. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1326 kehrte er nach Avignon zurück und empfing dort die geistlichen Weihen. Von materiellen Sorgen durch großzügige Ausstattung des Kardinals Colonna befreit, widmete sich Petrarca dem Studium der antiken Literatur und verfasste seit 1327 die berühmten Gedichte über die geliebte Laura. Nach ausgedehnten Reisen unter anderem durch Paris, Gent, Aachen und Köln, lebte er zwischen 1333 und 1349 wieder in Avignon. Von dort aus unternahm er – wenn das Datum seines Berichts zutrifft – im Jahr 1336 im Alter von knapp 32 Jahren die Besteigung des Mont Ventoux, den er in seiner Jugend in Carpentras stets unmittelbar vor Augen gehabt hatte. Von 1353 bis 1361 lebte Petrarca am Mailänder Hof der Visconti, anschließend ab 1362 in Venedig und schließlich im beschaulichen Arqua nahe Padua, das sich seit 1870 zu Ehren des Dichters Arqua Petrarca nennt. Dort starb der schon zu Lebzeiten berühmte Poet und Humanist am 19. Juli 1374 – einen Tag vor seinem siebzigsten Geburtstag.

Katrin v. Mengden-Breucker & Marius Breucker

„Schreiben und Steigen“ – Bergsteigen und Literatur bei Emil Zopfi

Der in seiner Schreibstube sinnierende Literat, versinnbildlicht in Carl Spitzwegs „armen Poeten“ ist das Gegenbild des Bergsteigers, jedenfalls wenn man sich diesen – gleichfalls klischeehaft – als draufgängerischen, die Herausforderung zwischen Leben und Tod suchenden Tatmenschen vorstellt. So das gängige Bild.

Der arme Poet (Carl Spitzweg)
Von Carl Spitzweg – 1. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.
2. Wichmann, Siegfried: Carl Spitzweg, München 1990, S. 57 ISBN 3-7654-2306-8
3. Cybershot800i, Eigenes Werk, aufgenommen 17. Juni 2011, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=159093

Indes gibt es auf den zweiten Blick zwischen Schriftsteller und Bergsteiger Berührungspunkte, die nicht nur dem Umstand geschuldet sind, dass sich Literatur bisweilen mit den Bergen befasst und mancher Schriftsteller gerne klettert. Nein, es gibt eine tiefergehende Verbindung, die wiederum rasch einleuchtet, wenn man unter „Bergsteigen“ nicht die bloße physische (Fort-) Bewegung eines Menschen auf einen Gipfel (und – bestenfalls – wieder zurück) versteht.

Katrin von Mengden-Breucker Bergsteigen ist auch Kopfsache

Katrin von Mengden-Breucker Bergsteigen ist auch Kopfsache

Wer schon einmal auf einen Berg gestiegen ist, weiß es: Bergsteigen ist anstrengend, aber keineswegs rein körperlicher Natur. Bergsteigen führt den Menschen in die Höhe, in Wind und Wetter, bisweilen in extreme Verhältnisse und meist in die Einsamkeit. Wer auf einen Berg steigt, ist auf sich selbst angewiesen, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Der Bergsteiger wird sich seiner selbst bewusst, wird – wie es so schön heißt – mit seinem Innern konfrontiert oder vielleicht besser gesagt: näher bekannt gemacht. So ist Bergsteigen zwar ein physischer, zugleich aber ein geistiger Vorgang – und gleicht darin durchaus der Schriftstellerei.

Der Zauber der Berge – Alpine Selbstreflexion

Der Schweizer Emil Zopfi ist Literat und Bergsteiger in einer Person. Vielleicht gestattet ihm dies, die Gemeinsamkeiten des Schreibens und Steigens so einfühlsam und anschaulich zu beschreiben wie kaum ein zweiter in der gegenwärtigen Literatur:

»Das gehört zum Zauber der Berge: In ihrem Anblick lesen wir uns selbst. Auf Schritt und Tritt begegnen wir unserer eigenen Geschichte in den Formen, Farben, Geräuschen und Gerüchen, die Erinnerungen wecken, Gefühle auslösen, unsere Seele bewegen. Eine Wurzel am Weg, ein Griff in der Wand, ein Sonnenuntergang, fallende Steine oder Nebelschleier lesen wir als Zeichen, als Botschaften. Die Sprache der Natur erzählt uns von unserer eigenen Natur.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 16)

Wanderweg_01 - Katrin von Mengden-Breucker - Bergzitat.de

Wie sich dem Bergsteiger mit zunehmender Höhe neue Ausblicke eröffnen, so öffnen sich ihm – gleichsam spiegelbildlich – Einblicke in sein Inneres. Bergsteigen ist kontemplativ, kann es zumindest sein, wenn sich der Steigende auf sein Inneres ebenso einlässt wie auf den vor ihm liegenden Berg und die umgebende Natur. Und wer einmal mit einem Text gerungen hat, seinen Gedanken und Empfindungen Wort für Wort einen Weg gebahnt hat, ein Stück weit gegangen ist, wieder umkehren und den nächsten Anlauf unternehmen musste, der weiß um die körperlichen Anstrengungen des Schreibens. Gemeinsam ist die Binnenrichtung des Blickes, das Schürfen im Innen bei gleichzeitiger Erweiterung des äußeren Horizontes. Sie sind sich also in vielem nahe: Der um die richtige Route ringende Bergsteiger und der um die richtigen Worte ringende Schriftsteller.

Dass Bergsteigen mehr ist als bloße körperliche Ertüchtigung oder Überwindung eines unfreundlichen Hindernisses, dass sich mit Entfernung vom Tal und Alltag der Menschen tatsächlich und geistig neue Perspektiven eröffnen, beschreibt der – auch von Emil Zopfi portraitierte – schweizerische Schriftsteller Meinrad Inglin (1893 bis 1971) eindrucksvoll:

»Jeder Bergsteiger kennt es. Die bewohnte Welt, in der er täglich durch ein Netz von Verpflichtungen stolpert und soviel Trübes sieht, Übles riecht, Lärmiges hört, liegt tief unten, er steht darüber in der reinen, frischen Luft, in lautloser Stille, von andern Bergen still umgeben und vom Himmel gewaltiger überwölbt als in Tälern und Ebenen; er ist über seine Sorgen emporgestiegen und hat sie überwunden wie die Beschwerden des Aufstiegs. Er ist für diesmal befreit davon, und so fühlt er sich in der Tat auch frei und ist höher gestimmt als je im Alltag. Dieses Höhengefühl, ein Hochgefühl eigener Art, teilt das Schicksal aller Hochgefühle, es geht vorüber, der Emporgestiegene steigt wieder ab und muss, gestärkt zwar, mit dem heimlichen Schimmer im Auge, geduldig warten, bis er wieder aufsteigen kann.«
(Meinrad Inglin, Werner Amberg, in: von Matt-Albrecht, Beatrice (Hrsg.), Meinrad Inglin, Werkausgabe in 8 Bänden, Atlantis Verlag Zürich 1981, Band 5, Seite 127).

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Die geistige Entdeckung der Alpen – Bergsteigen als Kultur

Blickt man in die Geschichte zurück, so waren Berge zunächst schlicht „natürliche Größen“; der Mensch musste mit ihnen umgehen, musste mit ihrer Mächtigkeit und Unberechenbarkeit leben. Berge waren Gegenstand mythischer Betrachtungen und Kulte. Erst nach und nach kam der Mensch auf den Gedanken, freiwillig auf einen Berg zu steigen. Mit der geistigen Reflektion dieses Vorgangs wurde das Bergsteigen Teil menschlicher Kultur. Als Ausgangspunkt hierfür gilt vielen Francesco Petrarcars Bericht über die Besteigung des Mont Ventoux im Jahr 1336.

Erst in der Renaissance und mit dem sich langsam entwickelten neuen Selbstbewusstsein, erkannte der Mensch die Besonderheit und Schönheit der Natur als solcher. Und erst am Ausgang der Barockzeit übertrug der Mensch das neu gewonnene Naturbewusstsein auf die unzugänglichen Berge. Literarisch brachte dies als erster Albrecht von Haller in seinem monumentalen Gedicht „Die Alpen im Jahr 1729 (erstmals veröffentlicht 1732) zum Ausdruck. Jean Jacques Rousseau griff diese Betrachtung auf und vertiefte sie 1761 in „Briefe zweier Liebender am Fuße der Alpen“, die später unter dem Titel „Neue Héloise“ erschienen und in denen er unter anderem die Schönheit der Bergnatur beschreibt.

Gipfel_Hochgefühl_02 - Katrin von Mengden-Breucker - Bergzitat.de

Als Teil der von Rousseaus propagierten Bewegung „Zurück zur Natur“ begannen Menschen, die Berge neu zu betrachten und zu erkunden: „Es begann das Zeitalter der Schweiz-Reisen. In erster Linie waren es wohlhabende Engländer, die nun herbeieilten, um die »Erhabenheit« und »wilde Schönheit« der Berge zu bestaunen. Nicht länger galt die Formlosigkeit der Berge als hässlich, weil »unkultiviert«. Das Gegenteil trat ein. Man betrachtete das Chaos der Formen als »schön«, weil es als natürlich galt und nicht von Menschenhand domestiziert“ (Angelika Wellmann (Hrsg.), Was der Berg ruft, Das Buch der Gipfel und Abgründe, Reclam Verlag, Stuttgart 2000, S. 271).

Nicht „Lesen statt Klettern“ [so der Titel eines Buches des Schweizer Schriftstellers Hugo Lötscher, Anm. Katrin von Mengden-Breucker], sondern „Lesen zum Klettern“ müsse es heißen, sagt Emil Zopfi (aaO, S. 14) und beschreibt damit die Prägung des Bergsteigens durch literarische Berichte. Es waren nicht zuletzt Schriftsteller, die dem Bergsteigen seine heutige Bedeutung gaben: Sie vermittelten eine Sichtweise auf Natur und Berge und deren Wirkung auf den Menschen, die den typischen Charakter eines „Bergsteigers“ ausmachen:

»Die Idee, dass eine Bergspitze ein erstrebenswertes Ziel sein könnte, für das sich Mühe und Gefahr lohnen, nimmt erst durch ihre literarische oder künstlerische Darstellung Gestalt an. Der Weg auf den Berg wird nachvollziehbar in Text und Bild, vom historischen Reisebericht des Dichters Francesco Petrarca über seine Besteigung des Mont Ventoux in der Provence im Jahr 1336 bis zu den Routenbeschreibungen, den „Topos“, den Fotos und Videofilmen der Sportkletterer des 21. Jahrhunderts. Bild und Bericht öffnen den Weg für die Nach- und Weitersteigenden. Klettern wird zu einer Art Lesen, wie die hervorragende Waadtländer Bergsteigerin und Autorin Betty Favre schrieb.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 13)

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Von Unbekannt – AS Verlag, Zürich. Dichter am Berg., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21747586

Es waren literarische Schilderungen, die dazu führten, dass sich Menschen in die Berge begaben, um deren Schönheit und Herausforderung nachzuspüren und die Überwindung von körperlichen und geistigen Widerständen auf dem Auf- und Abstieg zu erleben und in ihrem Innern wiederklingen zu lassen. So schufen auch Schriftsteller die Voraussetzungen dafür, dass sich ein Alpinismus im heutigen Sinne – mit allen Auswüchsen und Übertreibungen – entwickelte. Indem sie einen scheinbar banalen Vorgang kulturell überwölben und ihm geistige Bedeutung verleihen, sind Schriftsteller und Bergsteiger also Brüder im Geiste:

»Die geistige Entdeckung und die alpinistische Erschließung der Alpen ist [sic] ohne leitende und begleitende Texte, ohne Berichte und Geschichten nicht denkbar. Bergsteigen als Kultur besitzt urbane Wurzeln wie die Literatur oder die Bildenden Künste.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 15)

Autor

Emil Zopfi ist Bergsteiger und Schriftsteller. Angeregt nicht zuletzt durch Bergsteigerberichte in Büchern und Magazinen erfasste ihn früh die Leidenschaft für das Bergsteigen und Klettern, die ihn auf zahlreiche schwierige Touren und Gipfel führen sollte. Zopfi beschreibt eindrücklich seine erste Begegnung mit Bergsteigerberichten:
„Immer wieder musste ich nach dem Buch greifen, auf die Seite mit dem vergilbten Foto blättern; es übte einen mächtigen Reiz auf mich aus, ich musste es betrachten, mir einen Weg vorstellen. Ich musste diesen Berg sehen und vielleicht würde ich ihn trotz aller Furcht einmal versuchen.“ (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 8).

 

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Von Marcel Bertschi, Zürich – Fotograf Marcel Bertschi, Zürich, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9582438

 

1962 gelang ihm gemeinsam mit Hansruedi Horisberger eine Winterbesteigung der Südwand des Bockmattli im Wägital. Sein erster großer Berg war der Pilz Badile. Zopfi beschreibt das Gipfelerlebnis:

»Drei Jahre später stand ich mit meinem besten Freund auf dem Gipfel meines Zauberbergs; die Nordostwand des Piz Badile lag unter uns, ein Gewittersturm setzte ein, Hagel peitschte uns ins Gesicht. Wir hatten überlebt, und ich fühlte mich, als hätte ich mit dieser 900 Meter hohen Wand die Schwelle in ein neues Leben überwunden. Ich war erwachsen geworden.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 11).

Piz Badile mit Nordkante und Nordostwand
Von Mg-kM. Klüber Fotografie, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37869

Emil Zopfi wurde 1943 in Wald im Kanton Zürich geboren und arbeitete zunächst als Entwicklungsingenieur und Computerfachmann in der Industrie. Nach seinem Debütroman „Jede Minute kostet 33 Franken“ 1977 verfasste er weitere Romane, Hörspiele, Kinder- und Jugendbücher, die sich mit den schweizerischen Bergen, aber auch mit anderen Themen, etwa den Einflüssen moderner (Computer-) Technik auf den Menschen auseinandersetzen. Zopfi schreibt aus eigener Erfahrung als Bergsteiger und Sportkletterer, aber doch mit dem kritisch-distanzierten Blick des Schriftstellers. In „Dichter am Berg“ – welch schöner, doppeldeutiger Titel! – sucht Zopfi in zwanzig Portraits, wie er selbst schreibt, „Lesend und kletternd“ Antworten auf die Frage: „Warum schreibt ihr über Berge?“ Zopfi erhielt zahlreiche renommierte Literaturpreise, darunter den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und den Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung. Näheres zu Zopfis Werken und seinen lesenswerten Blog finden Sie unter www.bergliteratur.ch.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker