Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux

Geburtsstunde des Alpinismus?

Sie gilt als Geburtsstunde des Alpinismus: Die Besteigung des Mont Ventoux in Südfrankreich durch den Poeten, Geistlichen, Juristen und Literaten Francesco Petrarca am 26. April 1336. Petrarcas geistlich geprägter Bericht über dieses Ereignis gilt zugleich als Ursprung des Alpinjournalismus.

Mehr noch: Historiker und Kulturwissenschaftler sehen in Petrarcas Tat und seinem anschließenden Bericht eine kulturgeschichtliche Zäsur: Erstmals sei ein Berg aus purer Neigung, aus Interesse und Freude an der Natur und der umgebenden Landschaft erstiegen worden. Erstmals werde über eine Bergbesteigung als kulturelles Ereignis berichtet, werde der Berg als Teil der Natur gesehen und seine Wahrnehmung durch den Menschen reflektiert. Der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt analysiert diese Entwicklung in seiner „Kultur der Renaissance in Italien“ unter der Überschrift „Die Entwicklung der Welt und des Menschen“. Darin beschreibt Burckhardt, wie die Wahrnehmung und Beschreibung der Natur als solche im Hochmittelalter erstmals im „Sonnenhymnus“ Franz von Assisis (1181/82 bis 1226) anklingt. In Dante Alighieris (1265 bis 1321) Naturbeschreibungen sieht Burckhardt diese Ansätze fortgesetzt und vorsichtig vertieft, bis sie bei Francesco Petrarca in den Vordergrund treten: „Vollständig und mit größter Entschiedenheit bezeugt dann Petrarca, einer der frühsten völlig modernen Menschen, die Bedeutung der Landschaft für die erregbare Seele.“ Jacob Burckhardt, Die Entdeckung der Welt und des Menschen. Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Herausgegeben von Walther Rehm, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seiten 326 f.).

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Von Altichiero da ZevioUnbekannt, Gemeinfrei, Link

Was sich am 26. April 1336 tatsächlich zugetragen hat, wissen wir nicht. Bekannt ist Petrarcas Bericht. Er wurde vielfach untersucht und interpretiert. Kurt Steinmann fasst den Forschungs- und Deutungsstand in seinem Nachwort zu Petrarcas Bericht anschaulich zusammen Kurt Steinmann, Grenzscheide zweier Welten? Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seiten 43 ff.. Demnach gilt als wahrscheinlich, dass Francesco Petrarca tatsächlich in Begleitung seines jüngeren Bruders sowie zweier nicht näher bezeichneter „Diener“ den Mont Ventoux erstiegen hat. Gegen eine rein fiktive Schilderung sprechen die Beschreibungen der Physiognomie des Berges und der Aussicht vom Gipfel, die Petrarca schwerlich anderen Quellen entnommen haben kann. Ob die Besteigung tatsächlich auf den 26. April 1336 fiel und ob Petrarca den Bericht – wie er schreibt – noch am selben Abend nach dem kräftezehrenden Gipfel spontan niedergeschrieben hat, ist umstritten. Doch lassen wir Petrarca selbst zu Wort kommen:


Francesco Petrarcas Bericht über die Besteigung des Mont Ventoux

„An Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro

Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, den Windigen, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, allein aus dem Verlangen heraus, diesen außergewöhnlich hoch gelegenen Ort kennenzulernen. Viele Jahre lang hatte ich diese Besteigung im Sinn; seit meiner Kindheit hielt ich mich, wie Du weißt, in der hiesigen Gegend auf, so wie eben das Schicksal mit dem Leben der Menschen sein wechselvolles Spiel treibt.

Allmählich wurde mein Verlangen ungestüm, endlich auszuführen, was ich mir täglich vorgenommen hatte, insbesondere nachdem ich tags zuvor bei Lektüre der römischen Geschichte im Livius auf jene Stelle gestoßen war, wo Philipp, der König von Makedonien – der mit dem römischen Volk Krieg geführt hat – den Haemus bestieg, einen Berg in Thessalien. Er hatte nämlich dem Gerücht geglaubt, man könne von dessen Gipfel zwei Meere sehen, das Adriatische und das Schwarze Meer. Ob zu Recht oder zu Unrecht konnte ich nicht in Erfahrung bringen, zumal die Sache dadurch erschwert wird, dass der Berg weit von unserer Gegend entfernt ist und die Schriftsteller unterschiedliche Auffassungen vertreten. Um nicht alle nachschlagen zu müssen: der Kosmograph Pomponius Mela berichtet ohne Bedenken, dass es so sei, Titus Livius dagegen hält das Gerücht für falsch; wäre es für mich so leicht möglich, jenen Berg zu erkunden, wie es bei diesem hier der Fall war – ich hätte die Frage nicht lange ungeklärt gelassen.

Um übrigens nun jenen fernen Berg außer Betracht zu lassen und zu diesem zu kommen: mir schien es für einen jungen Mann, der nichts mit der Führung des Staates zu tun hat, entschuldbar, was man bei einem greisen König nicht tadelt. Da ich mir aber die Wahl eines Reisegefährten überlegte, schien mir, so eigenartig es klingen mag, kaum einer meiner Freunde umfassend geeignet.

So selten ist, selbst unter lieben Freunden, jener vollkommene Einklang aller Wünsche und Charakterzüge. Der eine war mir zu bedächtig, der andere zu aufgeweckt, der zu langsam, jener zu rasch, der zu schwermütig, jener zu fröhlich, der schließlich einfältiger und jener gescheiter, als mir lieb war. Beim einen schreckte mich seine Schweigsamkeit, beim andern sein Vorwitz, beim einen seine Fülle und Fettleibigkeit, beim andern seine Hagerkeit und Kraftlosigkeit; gegen den einen sprach seine kühle Teilnahmslosigkeit, gegen einen andern sein zu feuriger Eifer. Diese Schwächen, so belastend sie sind, erträgt man zu Hause – alles nämlich erträgt die Liebe und keiner Mühsal entzieht sich die Freundschaft –; aber dies alles wird unterwegs nur noch belastender. So wog mein empfindsames Gemüht, das auf ein achtbares Vergnügen aus war, umsichtig alle Einzelheiten gegeneinander ab, ohne dadurch eines der Freundschaftsbande irgendwie zu verletzen, und im Stillen verdammte es alles, was das geplante Unternehmen voraussichtlich belasten könnte. Was glaubst Du wohl? Schließlich wende ich mich um Unterstützung an den mir Nächststehenden und eröffne mein Vorhaben meinem einzigen Bruder, der jünger ist und den du recht gut kennst. Nichts konnte ihn fröhlicher stimmen und er schätzte sich glücklich, mir Freund und Bruder zugleich zu sein.

Am bestimmten Tag brachen wir von zu Hause auf und gelangten gegen Abend nach Maloncenes (Malaucène). Dieser Ort liegt am Fuße des Berges gegen Norden; dort verweilten wir einen Tag, und heute endlich bestiegen wir, jeder mit einem Diener, den Berg, nicht ohne große Schwierigkeit; denn er ist eine schroffe und kaum zugängliche Felsmasse; doch wie sagte der Dichter [Vergil, Anm. d. Verf.] trefflich: Rastlose Mühe besiegt alles. Der Tag war lang, die Luft mild, die Gemüter entschlossen, die Körper stark und behende, was uns Wanderern hilfreich war; allein die Beschaffenheit des Ortes war hinderlich.

In den Schluchten des Gebirgs trafen wir einen uralten Hirten, der wortreich versuchte, uns von der Besteigung abzubringen; er sagte, er sei vor fast fünfzig Jahren in demselben Drang jugendlichen Feuers auf die höchste Höhe emporgestiegen, habe aber nichts mit zurückgebracht als Reue und Mühsal, Leib und Gewand zerrissen von Steinen und Gedörn, und niemals, weder vorher noch nachher, habe man davon gehört, dass einer ähnliches gewagt habe. Während er uns dies zurief, wuchs in uns mit seinen Mahnungen noch das Verlangen – wie ja der jugendliche Sinn Warnungen stets in den Wind schlägt. Daher schritt der Greis, als er die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen eingesehen hatte, ein wenig vorwärts zwischen den Felsen und wies uns mit dem Finger einen steilen Bergpfad, während er viele Ermahnungen aussprach und vieles noch wiederholte, als wir ihm schon den Rücken gekehrt hatten.

Beim Hirten ließen wir zurück, was uns an Gewändern und Gerät hinderlich war, gürteten und schürzten uns nun ausschließlich für den Aufstieg und stiegen wohlgemut und beschwingt bergan. Aber – wie es so geht – folgte auf die immense Anstrengung rasch die Ermüdung. Wir machten also unweit auf einem Felsen halt; von dort rückten wir wiederum vorwärts, aber langsamer; insbesondere ich selbst legte den Gebirgspfad nun mit bescheidenerem Schritt zurück. Mein Bruder freilich strebte auf einem jähen Pfad mitten über die Kämme des Berges zur Höhe empor; ich dagegen, weniger gestählt, schlug einen schräg nach unten führenden Pfad ein.

Als er mich zurückrief und mir den richtigen Weg zeigte, erwiderte ich, ich hoffte, der Zugang von der anderen Seite sei leichter, und ich scheute mich nicht vor einem Umweg, wenn es dort weniger steil voranginge.

Dieser Vorwand sollte meine Trägheit entschuldigen; aber während die andern schon hoch auf der Höhe stunden, irrte ich noch durch die Täler, ohne daß sich irgendwo ein sanfterer Aufstieg auftat; vielmehr ward mein Weg verlängert und die unnötige Anstrengung nur erschwert. Indessen, da ich mich mißmutig über meinen Irrtum ärgerte, beschloss ich, geradewegs die Höhe zu erklimmen, erreichte auch wirklich müd und mit zitternden Knien meinen Bruder, der sich in ausgiebiger Rast erquickt hatte. Nun zogen wir eine Zeit lang mit gleichem Schritt weiter. Kaum aber hatten wir die Anhöhe hinter uns gelassen, vergaß ich schon den vorherigen Umweg und ließ mich wieder in tiefer gelegenes Gelände fallen. Und wieder geriet ich, während ich Täler durchschritt und einen kürzeren Weg auszufinden trachtete, auf einen langen und schwierigen Pfad. So freilich schob ich den lästigen Aufstieg nur auf; der menschliche Geist löst aber die Wirklichkeit nicht auf, und unmöglich gelangt ein Wesen aus Fleisch und Blut durch Absteigen nach oben.

Kurz, unter dem Gelächter meines Bruders, passierte mir dies zu meinem Missfallen binnen weniger Stunden dreimal oder noch öfter. So machte ich denn, mehrmals getäuscht, in einem Talgrund halt. […]

Den obersten der Gipfel nennen die Leute im Gebirg „das Söhnlein“; warum, weiß ich nicht, vielleicht des Gegensatzes wegen, wie meiner Vermutung nach noch manch anderes bezeichnet wird, denn er schaut in Wahrheit eher wie der Vater aller benachbarten Berge aus. Auf seinem Scheitel erstreckt sich eine kleine Hochebene, dort hielten wir ermüdet Rast.

Und da du ja gehört hast, welche Sorgen sich im Herz des Aufsteigenden breit machten, so höre, Vater, auch den Rest, und nimm dir bitte die Zeit nachzulesen, was ich an diesem einen Tage meines Lebens getan habe.

Zuerst stand ich – von ungewohntem Luftzug und dem freien Rundblick ergriffen – wie betäubt. Ich schaue nach unten: da lagen die Wolken zu meinen Füßen. Schon erschienen mir Athos und Olympus weniger sagenhaft, da ich das, was ich von jenen gehört und gelesen hatte, an einem weniger berühmten Berge erschaute.

Danach wende ich den Blick nach der italienischen Seite, wohin sich meine Seele am meisten hingezogen fühlt: starr und schneebedeckt und ganz in meiner Nähe erschienen mir die Alpen, durch welche sich einst jener wilde Feind des römischen Volkes seinen Weg bahnte und, wenn der Sage zu glauben ist, mit Essig die Felsen sprengte -; und doch sind sie beträchtlich von hier entfernt. Ich seufzte, ich gestehe es, nach Italiens Himmel, der mehr vor meiner Seele als vor meinen Augen erstand, und eine unsägliche Sehnsucht ergriff mich, Freunde und Vaterland wiederzusehen – eine Sehnsucht, die ich eigentlich eine unmännliche Weichheit schelten sollte, aber zur Entschuldigung auf großer Männer Zeugnis stützen kann.

[…] Diese und ähnliche Gedanken durchliefen meine Brust, Vater. Während ich mich über meinen Fortschritt freute, beweinte ich meine Unvollkommenheit und beklagte die allgemeine Wandelbarkeit menschlichen Tuns; schier hatte ich vergessen, warum ich diesen Ort aufgesucht hatte; doch dann sah ich ein, daß andere Orte passender seien, sich mit solchen Sorgen zu plagen und wandte mich um und blickte zurück gen Westen, um das zu betrachten, dessentwegen ich heraufgekommen war. Die Zeit drängte zur Rückkehr, die Sonne neigte sich, der Schatten des Berges wuchs mächtig und gemahnte mich und weckte mich gleichsam auf.

Der Grenzwall zwischen den gallischen Landen und Spanien, die Gipfel der Pyrenäen, ist von dort nicht zu sehen; nicht – soviel ich weiß – weil etwas dazwischenläge, sondern allein aufgrund der Unzulänglichkeit des menschlichen Auges.

Zur Rechten aber lagen die Berge der lyonischen Provinz, zur Linken der Golf von Marseille, und die Gewässer von Aigues-Mortes waren aufs deutlichste zu sehen, obwohl alle mehrere Tagesreisen entfernt sind. Die Rhone lag gerade vor unseren Augen.

Wie ich nun dies im Einzelnen bewunderte und mich mit irdischen Dingen befasste, bald wie den Leib so auch den Geist in höhere Sphären zu versetzen trachtete, kam mir in den Sinn, das Buch der Bekenntnisse des Augustinus aufzuschlagen, eine Möglichkeit, die ich deiner Wertschätzung verdanke. Ich bewahre das Buch zur Erinnerung an den Verfasser wie an den Schenker und habe es immer zur Hand: Ein faustgroßes Werklein von kleinstem Format, aber voller unendlicher Süße. Ich öffne es, um das zu lesen, was mir erscheinen würde. Was könnte mir anderes vor Augen treten als Frommes und Gottergebenes? Zufällig stieß ich auf das zehnte Buch des Werkes. Mein Bruder stand aufmerksam und voller Erwartung, von mir etwas von Augustinus zu hören. Gott und ihn, der dabei war, rufe ich zum Zeugen, dass an der aufgeschlagenen Stelle, auf die ich meine Augen richtete, folgendes stand:

Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die gewaltigen Fluten des Meeres, das Fließen der breitesten Ströme, des Ozeans Umlauf und die Bahnen der Gestirne – und verlieren dabei sich selbst [Augustinus, Confessiones X, 8, 15.].

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Gemeinfrei, Link

Ich war betroffen, ich gestehe es, und ich bat meinen Bruder, der darauf brannte, Weiteres zu hören, nicht in mich zu dringen, schloß das Buch, mit mir selber zürnend, daß ich jetzt noch Irdisches bewunderte, nachdem ich doch schon längst von den heidnischen Philosophen hätte lernen müssen, daß nichts wunderbarer ist als der Geist, und dass neben einem großen Geist nichts anderes mehr groß erscheint.

Dann aber wandte ich mich – zufrieden, den Berg gesehen zu haben – meinem Inneren zu; und von diesem Moment an hörte mich keiner mehr sprechen, bis wir ganz unten angelangt waren; jenes [augustinische] Wort hatte mich im Stillen ausreichend beschäftigt. Ich konnte nicht an eine zufällige Fügung glauben, sondern glaubte im Gegenteil, dass alles, was ich gelesen hatte, für mich und keinen anderen gesagt worden sei. Ich erinnerte mich, dass Augustinus einst das gleiche für sich angenommen hatte […]

Wie oft, glaubst du, habe ich mich an diesem Tage auf dem Rückweg ins Tal umgesehen und den Gipfel des Berges betrachtet, und er schien mir kaum die Höhe einer Stube zu haben, wenn man ihn mit der Höhe der Gedanken des Menschen vergleicht, solange man diese nicht in den Staub weltlicher Banalität drückt. Und Schritt für Schritt kam mir in den Sinn: Wenn es einen nicht verdross, soviel Schweiß und Mühsal auf sich zu laden, um seinen Körper dem Himmel etwas näher zu bringen: welches Kreuz, welches Gefängnis, welchen Stachel dürfte dann eine Seele erschrecken, die sich Gott nähert und dabei die blasierte Überheblichkeit und die irdischen Fährnisse unter sich lässt? Weiter: Wem wird es überhaupt gelingen, von diesem Weg – sei es aus Angst vor den Bewährungsproben, sei es aus Hang zur Bequemlichkeit – nicht abzuschweifen? […]

Mit welchem Eifer müssten wir uns bemühen, nicht eine topographische Erhöhung unter die Füße zu bekommen, sondern die von weltlichen Bedürfnissen entfachten Begierden!

Unter solchen Wallungen meines aufgewühlten Herzens kehrte ich in tiefer Nacht – ohne den mit spitzen Steinen übersäten Pfad zu spüren – zu jener kleinen, gastlichen Hütte des Hirten zurück, von der ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen war; der Mond beleuchtete uns Wanderern die ganze Nacht hindurch unsern Weg. Während nun unsere Diener mit der Vorbereitung der Abendmahlzeit beschäftigt waren, begab ich mich in einen abgelegenen Teil der kleinen Herberge, um dir eilig und aus dem Gedächtnis heraus zu schreiben, damit das Unterfangen nicht, indem ich’s verschiebe, durch den Wechsel des Ortes oder der Gedanken ein andere Gestalt erfahre und der Wille zur Niederschrift verwehe.

Sieh also, liebster Vater, wie ich dir nichts vorenthalten möchte, indem ich dir gewissenhaft nicht nur mein ganzes Leben, sondern auch jeden einzelnen Gedanken unterbreite. Für die Seele bete – ich bitte dich -, sie möge, nachdem sie solange unstet umherschweifte, doch einmal zur Ruhe kommen und sich nach vielen Irrungen zum Guten, Wahren, Sicheren und Beständigen hinwenden. Lebe wohl!

Am 26. April (1336) zur Malaucène

Kulturgeschichtliche Zäsur?

Nach Jacob Burkhardt markiert Petrarcas Unternehmung eine Zeitenwende, da er die Ästhetik der Natur als solche wahrnehme, reflektiere und mit inneren Betrachtungen verknüpfe. Die Einschätzung Burckhardts sollte für die neuzeitliche Rezeption der Bergbesteigung maßgeblich werden. Erstmals werde Natur ein kulturelles Erlebnis:

„… der Anblick der Natur traf ihn unmittelbar. Der Naturgenuss ist für ihn der erwünschteste Begleiter jeder geistigen Beschäftigung. Auf der Verflechtung beider beruhte sein gelehrtes Anachoretenleben in Vaucluse und anderswo, seine periodische Flucht aus Zeit und Welt.“ Jacob Burckhardt, Die Entdeckung der Welt und des Menschen. Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Herausgegeben von Walther Rehm, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, Seite 327).
Dass Petrarca auf eine nähere Schilderung des Gipfels und der von dort geschauten Landschaft verzichtet, erklärt Burckhardt mit der schieren Überwältigung. Andere Interpreten sehen darin einen Beleg dafür, dass es Petrarca – anders als von Burckhardt und ihm folgender Rezipienten angenommen – nicht auf die Schönheit der Natur angekommen sei; vielmehr sei Gegenstand und Ziel des Berichts eine Bekehrung des Lesers, der sich ganz im Sinne des von Petrarca verehrten Theologen Augustinus der ernsthaften Betrachtung der Seele, der Selbstreflektion hingeben solle, um auf diesem – unendlich mühsamen – Weg auch zur Erkenntnis des unsichtbaren Gottes zu gelangen Ruth Groh / Dieter Groh, Petrarca und der Mont Ventoux, in: Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Band 46, 1992, Heft 4, Seite 290, 297.

Unbestreitbar gilt Petrarcas Bericht nicht in erster Linie der äußeren Natur; vielmehr verknüpft er die Besteigung des Mont Ventoux mit theologischen Überlegungen. Auf dem Gipfel schlägt er den von ihm geliebten Augustinus auf und zitiert aus den berühmten „Confessiones“: „Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die gewaltigen Fluten des Meeres, das Fließen der breitesten Ströme, des Ozeans Umlauf und die Bahnen der Gestirne – und verlieren dabei sich selbst.“

Die Gipfel-Lektüre der Confessiones bedeutet einen Einschnitt: Petrarca verliert über den anschließenden Abstieg kein Wort mehr. Mehr noch. Er selbst habe, so schildert er, auf dem gesamten Abstieg nichts gesprochen: „Dann aber wandte ich mich – zufrieden, den Berg gesehen zu haben – meinem Inneren zu; und von diesem Moment an hörte mich keiner mehr sprechen, bis wir ganz unten angelangt waren“. Der auf dem Gipfel auf die umgebende Natur gerichtete Blick wird also ganz auf das Innere gerichtet. Dies zeigt, dass Petrarca mit seinem Bericht wesentlich eine theologische Aussage und eine bekehrende Botschaft an seine Leser vermitteln wollte.

Selbstreflektion und Metaphysik am Berg

Petrarca beschreibt als erster ein bis heute gültiges Charakteristikum des Bergsteigens: Die Selbstreflektion während des Steigens und auf dem Gipfel, der Blick auf und in die eigene Seele. Metaphysische Gedanken und die Auseinandersetzung mit Gott sind geradezu Wesensmerkmale des Bergsteigens. Mit der körperlichen Anstrengung geht eine seelische Anspannung – und bestenfalls Entspannung – einher. Und ähnlich komplementär wie Physis und Psyche gestaltet sich das Verhältnis von Natur und Kultur: Bergsteigen ist Bewegung in der Natur, erschöpft sich aber nicht in einem Landschaftserlebnis: Vielmehr wirft die Anschauung der umgebenden, schroffen oder lieblichen Natur zugleich ein Schlaglicht ins Innere des Steigenden und fördert metaphysische Gedanken und – im Falle Petrarcas – Reflexionen über Gott und ein gottgefälliges Leben zutage.

Für Petrarca bestand die entscheidende Erkenntnis darin, dass der Weg zur Selbst- und Gotterkenntnis nicht im Äußeren, sondern im Inneren liege. Dass Petrarca als Geistlicher und Verehrer Augustins dieser Botschaft breiten Raum einräumt, liegt nahe. Es ändert aber nichts an der Einmaligkeit des für die damalige Zeit unerhörten Unterfangens, freiwillig und zweckfrei einen Berg zu besteigen und dies auch noch in einem detaillierten Bericht festzuhalten und brieflich mitzuteilen. So vollzog Petrarca als erster im Mittelalter den Schritt vom Bergsteigen zum „Bergschreiben“.

Insgesamt bleibt Petrarcas Unternehmung und deren Schilderung – bei aller Vorsicht vor überhöhenden Deutungen – ein Meilenstein in der kulturgeschichtlichen Entwicklung und behält seinen Platz als erste schriftliche Manifestation des von Zwängen freien Bergsteigens und als Initial des späteren Alpinismus und seiner kulturellen Prägung.

Biographisches

Francesco Petrarca, geboren am 20. Juli 1304 im toskanischen Arezzo, war Geistlicher, Jurist, Dichter und Humanist. Nach der Verbannung seines aus Florenz stammenden Vaters wuchs Francesco ab seinem sechsten Lebensjahr (1310) in Avignon auf, dem damaligen Sitz des Papstes. Petrarcas Vater war als Advokat tätig, musste aber aufgrund geringen Einkommens mit seiner Familie den Wohnsitz bald außerhalb Avignons in Carpentras nehmen. Dort besuchte Francesco die Grundschule und die Lateinschule und studierte anschließend Jurisprudenz in Montpellier und Bologna. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1326 kehrte er nach Avignon zurück und empfing dort die geistlichen Weihen. Von materiellen Sorgen durch großzügige Ausstattung des Kardinals Colonna befreit, widmete sich Petrarca dem Studium der antiken Literatur und verfasste seit 1327 die berühmten Gedichte über die geliebte Laura. Nach ausgedehnten Reisen unter anderem durch Paris, Gent, Aachen und Köln, lebte er zwischen 1333 und 1349 wieder in Avignon. Von dort aus unternahm er – wenn das Datum seines Berichts zutrifft – im Jahr 1336 im Alter von knapp 32 Jahren die Besteigung des Mont Ventoux, den er in seiner Jugend in Carpentras stets unmittelbar vor Augen gehabt hatte. Von 1353 bis 1361 lebte Petrarca am Mailänder Hof der Visconti, anschließend ab 1362 in Venedig und schließlich im beschaulichen Arqua nahe Padua, das sich seit 1870 zu Ehren des Dichters Arqua Petrarca nennt. Dort starb der schon zu Lebzeiten berühmte Poet und Humanist am 19. Juli 1374 – einen Tag vor seinem siebzigsten Geburtstag.

Katrin v. Mengden-Breucker & Marius Breucker

Bergpartie auf die Teufelskanzel – mit Theodor Storm im Mittelgebirge

Theodor Storm, einer der großen Erzähler des 19. Jahrhunderts, verbindet man mit Novellen wie „Immensee“ und „Der Schimmelreiter“ und mit eindrücklichen Schilderungen der nordfriesischen Küstenlandschaft. Seine besondere Begabung, eine Landschaft mit wenigen Worten dem Leser bildhaft vor Augen zu führen, beschränkte sich aber nicht auf seine friesische Heimat: In der Novelle „Eine Malerarbeit“ schildert Storm in der ihm eigenen, prägnanten Form mit wenigen Federstrichen eine Landschaft des Mittelgebirges und skizziert Ablauf und Stimmung einer für das 19. Jahrhundert typischen Landpartie in einer Weise, dass der Leser meinen könnte, er sei selbst dabei.

Landschaft Weitblick - Katrin von Mengden-Breucker

Landschaft Weitblick – Katrin von Mengden-Breucker

Im Mittelpunkt der Novelle steht der körperlich beeinträchtigte Maler Edde Brunken. Er ist gemeinsam mit anderen Freunden des Hauses vom Vater der jungen Getrud, die ihm Modell saß, zu einer Landpartie auf die Teufelskanzel im Brocken-Gebirge eingeladen. Munter und beschwingt geht es – zunächst im Wagen, dann zu Fuß – nach oben. Ebenso leicht fließen die Worte in Storms Schilderung der Szenerie:

Am andern Tage leuchtete der hellste Sonnenschein. Zu Leiterwagen, in denen man sich auf langen Brettern gegenübersaß, ging es die erste Meile durch den Wald; alle Altersklassen waren vertreten, Gertrud hatte sogar ein ganzes Rudel Kinder mit zu verpacken gewußt. Unter der Direktion des lebenslustigen Onkels ging dergleichen immer vortrefflich, und so war denn auch heute alles guter Dinge, und die Drosseln im Tannicht sangen nicht heller, als das junge Volk auf den Leiterwagen. Zumal mein kleiner Brunken war heiterer, als ich ihn lange gesehen; wenn die anderen schwiegen, sang er mit seiner starken, aber freilich etwas scharfen Tenorstimme holländische Volkslieder, die er von der Antwerpener Akademie mitgebracht hatte. Er war in solchen Dingen unerschöpflich. Endlich langte man in einem Dorfe unterhalb des Gebirges an, von wo aus es zu Fuße nach der Teufelskanzel hinaufgehen sollte, einem breiten Felsenvorsprung, zu dem ein ziemlich steiler Weg etwa eine Stunde lang durch niedriges Gebüsch hinaufführte. Die Sonne brannte, und da ich das Bergsteigen unter solchen Umständen für meinen Freund nicht rätlich hielt, so bestieg er eines unserer Wagenpferde, einen alten mageren Urhengst, und diesen Reiter in der Mitte, zog nun die lustige Schar in der Bergschlucht aufwärts; zwei Bauerburschen folgten mit wohlgepackten Körben, die ein gutes Frühstück am Ziele alles Mühsales verhießen.“ (Theodor Storm, Eine Malerarbeit, Erstdruck in „Westermanns Illustrierte deutsche Monatshefte“ Nr. 23, 1867/1868, Seiten 1 bis 17; Neuausgabe mit Biografie, herausgegeben von Karl-Maria Guth, Sammlung Hofenberg, Berlin 2013, Seite 56 f.; der Text folgt: Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden, herausgegeben von Peter Goldammer, 4. Auflage, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1967).

Nach kurzem Halt mit erquickender Trinkpause erreicht die Gesellschaft das Ziel:

Endlich war die Teufelskanzel erreicht. Sie war nicht unbefugt, diesen Namen zu führen; lotrecht schoß der Fels über hundert Klafter in die Tiefe, wo sich unten im Sonnenglanz die lachendste Landschaft ausbreitete. Durch grüne Wiesen, an Dörfern und Wäldern vorbei, floß in vielen Krümmungen ein glänzender Strom, dessen Rauschen in der Mittagsstille zu uns heraufklang, und drüber her, in gleicher Höhe mit uns, standen die Lerchen flügelschlagend in der Luft und mischten ihren Gesang in die Musik der Wellen. Wer dessen noch fähig war, der mußte hier von Lebens- und Liebeslust bestürmt werden. Brunken, dessen Mähre einem der Bauerburschen zur Obhut übergeben war, stand neben mir und starrte wie verzaubert in die Tiefe.

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»Arnold«, sagte er und drückte mir die Hand, »das Leben ist doch schön!«

Nach dem Frühstück stieg der Assessor mit einigen anderen Herren auf einem Umwege den Berg hinab, um eine von unten heraufschimmernde Marmorader zu untersuchen; die übrigen blieben noch auf der Lagerstelle; Brunken und ich schlenderten in den Wald hinein. Während ich mich hier an einer freien Stelle ins Moos warf, befiel ihn die Kletterlust seiner Jugend; ich sah ihn über mir an einer jungen Buche wie eine große Spinne von Ast zu Ast hinaufrücken, und nicht lange, so schaukelte er sich im höchsten Wipfel und sang laut über den Wald hinaus.“

(Theodor Storm, Eine Malerarbeit, herausgegeben von Karl-Maria Guth, aaO, Seite 57).

Eine Malerarbeit“ – Leben und Leiden des Malers Edde Brunken

Die beschriebene Land- und Bergpartie markiert den Höhe- und Wendepunkt in Storms Novelle „Eine Malerarbeit“: Der körperlich beeinträchtigte, lebensmutige und tatendurstige Maler Edde Brunken verliebt sich in die ebenso hübsche wie unbeschwert leichtlebige Gertrud, während diese für ihn Modell sitzt. Schmerzlich verspürt er, dass seine Liebe nicht zuletzt aufgrund seiner Behinderung unerwidert bleiben wird und bringt dies in einer „Studie zur Selbsterkenntnis“ bildlich zum Ausdruck: In einem sonnigen altfranzösischen Park steht ein „verkrüppelter Mann[es]“ vor einer Marmorstatue der Liebesgöttin Venus und betrachtet diese sinnierend, während sich auf einem sonnigen Laubweg im Hintergrund „im traulichsten Behagen ein Liebespaar entfernt[e]“. Das Paar steht sinnbildlich für die für ihn unerreichbare Gertrud und deren Verehrer, einem vom Maler wenig geschätzten Assessor, mit dem er sich unlängst sogar wegen eines Wortgefechtes ein – glimpflich ausgegangenes – Pistolenduell geliefert hatte. Nach und trotz dieser „Selbsterkenntnis“ fasst der Maler Hoffnung, als der Vater Gertruds „eines Tags in der schönen Junizeit auf Gertruds Antrieb eine Wald- und Bergpartie veranstaltete“.

Theodor Storm Eine Malerarbeit - Katrin von Mengden-Breucker

Theodor Storm Eine Malerarbeit – © Katrin von Mengden-Breucker

Mit jedem Schritt des Aufstiegs, den der Maler hoch zu Ross absolviert, steigt die Gemüts- und Stimmungslage. Der auf der zwischenzeitlichen Rast genossene Rotwein befeuert die Hochstimmung:

Aber wer konnte so lange dursten! Auf der Mitte des Weges wurde Halt kommandiert; die Mädchen schenkten Wein, alles trank, und auch dem Maler wurde von Getrud ein großer Humpen hinaufgereicht. – Man mußte es sehen, wie die kleine Gestalt mit dem rauhen, mächtigen Kopf auf der hochbeinigen Mähre huckte, wie er das Glas emporhob, daß die Sonne durch den roten Wein funkelte, und mit den scharfen schwarzen Augen danach hinblinzte. »Flüssiger Rubin!« rief er. »Auf das Wohl aller schönen Erdenkinder!« Und dabei goß er den roten Wein hinab.

»Seht da, der Herr des Gebirges!« rief Gertrud.

»Nur der Kobold, schöne Dame!« entgegnete der Maler und setzte seinem Hengst die Fersen in die Weichen.

(Theodor Storm, Eine Malerarbeit, herausgegeben von Karl-Maria Guth, aaO, Seite 57).

Auf der Teufelskanzel – Euphorie und Ernüchterung

Oben auf der „Teufelskanzel“ angekommen, ist der Maler eins mit sich und der Natur: Der Aufstieg ist geschafft, die verehrte Gertrud dabei, der Wein wirkt und die ringsum sich entfaltende Landschaft lässt ihn seine körperlichen Gebrechen und die Unerfüllbarkeit seiner Liebe vergessen: „Das Leben ist doch schön!“.

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Von 79.214erEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36518319

Noch auf der Teufelskanzel jedoch beginnt die Wendung: Auf einer schönen bemoosten Lichtung erzählt der Maler den Umstehenden, darunter Gertrud, eine mystische Geschichte von einem ungeschlachten Ungeheuer, welches ein reizendes Fräulein raubt. Je weiter die Geschichte gedeiht und je konkreter sich Gertrud im Entführungsopfer wiederfindet, desto unangenehmer wird ihr die Situation, der sie schließlich entflieht. Im anschließend vom Maler belauschten Gespräch zwischen Gertrud und ihrem Cousin – dem fiktiven Erzähler der Geschichte – kommt es zum Bruch: Gertrud entdeckt dem Cousin, dass sie sich von der offenbar gewordenen Zuneigung des Malers bedrängt fühlt und sich – trotz moralischer Bedenken – nicht in der Lage sieht, diese Gefühle zu erwidern:

Sie sah mich eine Weile unentschlossen an, dann mit einer raschen Bewegung zu mir tretend, brachte sie den Mund dicht an mein Ohr und rief mit einem Ton des Abscheues: »Der Bucklige!«

»Mein armer Freund!« Ich wußte weiter nichts zu sagen, obgleich es mir seit der letzten halben Stunde nichts Neues war, was ich erfuhr.

Gertrud nickte. »Er hat so gute Augen!« sagte sie. »Oh, ich weiß es ja, es ist so schlecht von mir!« und dabei fing sie bitterlich zu weinen an.

Nachdem ich sie etwas beruhigt hatte, bat ich sie noch ein paar Augenblicke hier zu verweilen; ich wollte, ehe sie dorthin zurückkehrte, den kleinen Maler aus dem Kinderkreise zu entfernen suchen. Gertrud war damit einverstanden. Als ich aber kaum ein paar Schritte in die Bäume hinein getan hatte, sah ich nicht weit von mir eine arme gebrechliche Gestalt an einen Baum gelehnt.“

(Theodor Storm, Eine Malerarbeit, herausgegeben von Karl-Maria Guth aaO, Seiten 60 f.).

Damit endet der Aufenthalt auf der Teufelskanzel und es beginnt – auch im übertragenen Sinne – der Abstieg. Der Maler entzieht sich der für ihn unerträglichen Situation und verlässt die Stadt. Erst nach Jahren entdeckt ihn der Erzähler wieder. Im gemeinsamen Haushalt mit seiner Schwester und deren Tochter hat er in neuem, doch vertrautem Umfeld Ruhe und darüber hinaus Erfüllung gefunden: Er darf dem Sohn des Nachbarn, einem vierschrötigen Bauern, dessen Talent er erkannt und dem zunächst widerwilligen Vater vor Augen geführt hat, Malunterricht erteilen. Er hat nun gleichsam einen geistig-künstlerischen Ziehsohn gefunden und kann so in familiärer Atmosphäre ganz seiner Kunst leben und sein Talent weitergeben.

Storms Erzähltechnik – „Geschichte in der Geschichte“

Storm wählt für seine „Malerarbeit“ die Technik einer fiktiven Erzählung innerhalb der Novelle:

Wir saßen am Kamin, Männer und Frauen, eine behagliche Plaudergesellschaft. Der Mensch gab wie immer den besten Unterhaltungsstoff, und endlich waren wir bei einem abwesenden Bekannten angelangt, der aus Mißfallen an seiner übrigens frei gewählten Gattin sein Familienleben fast eigensinnig zu zerstören schien. Es wurde hin und wider gesprochen und Partei genommen. »Mit der ist nicht zu leben«, riefen einige, »man kann’s ihm nicht verdenken!«

Der bisher schweigsame Hausarzt, der sich erst seit einigen Jahren in unserem Städtchen niedergelassen, räusperte sich und nahm eine Prise. »Man muß sein Leben aus dem Holze schnitzen, das man hat«, sagte er, »und damit basta!«

»Wenn’s aber nichts taugt?« wurde dagegengesprochen.

»Und wenn es krumm und knorrig wäre!« erwiderte er.“

Mit dieser Einleitung holt Storm – ähnlich wie im „Schimmelreiter“, in dem er diese Technik noch um eine weitere Stufe ergänzt – gleichsam mit in die „Plaudergesellschaft“. Man wähnt sich als Teilnehmer, der nun ebenfalls gespannt ist, welche Geschichte der Hausarzt erzählen wird:

»Doktor«, rief die jugendliche Hausfrau, »ich merke schon, dahinter steckt wieder eine Geschichte, aber die Contes moraux sind aus der Mode gekommen.«

»Nun«, versetzte er, »Sie wissen, wir Ärzte liegen oft im Streite mit dieser Göttin.«

»Laßt unsern Doktor erzählen«, entschied eine junge Dame. »Wenn’s nur eine Geschichte ist; es kommt auf die Moral nicht an!«

»Erst ein paar Scheite noch in den Kamin!« sagte der Doktor. »So! – und nun – ich weiß nicht, ob einer der verehrten Anwesenden den kleinen Maler Edde Brunken kennt?«“

Wie kaum einem anderen gelingt es Storm, den Leser in die erzählte Situation und die umgebende Landschaft hinein zu nehmen. In wenigen Worten lässt er dem Leser die Szenerie bildhaft vor Augen treten. Lautmalerisch vermittelt Storm Atmosphäre: Der körperlich beeinträchtigte Brunken sitzt nicht und hockt auch nicht auf seinem Pferd, sondern er „huckt“ auf der „hochbeinigen Mähre“. Storm lässt den Maler auch nicht einfach durch das Weinglas in die Sonne blicken oder blinzeln: „Man mußte es sehen, wie […] er das Glas emporhob, daß die Sonne durch den roten Wein funkelte, und mit den scharfen schwarzen Augen danach hinblinzte.“ Thomas Man schrieb 1930 in seinem Essay über Storm: „Er ist ein Meister, er bleibt.“ (Karl Ernst Laage, An’s Haff nun fliegt die Möwe, Auf Theodor Storms Spuren, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2010, Seite 7.)

Der Dichterjurist Theodor Storm – Anwalt, Richter und Erzähler

Theodor Storm wurde am 14. September 1817 in Husum geboren, die durch ihn als „graue Stadt am Meer“ literarische Berühmtheit erlangte. Als Sohn eines Rechtsanwaltes oder – eines wie Storm selbst schreibt „Advokaten und Notar[s]“ sollte Storm später selbst Jura studieren und damit zu einem der vielen „Dichterjuristen“ werden. Seine Liebe und sein Talent für das Erzählen wurde früh geweckt: Regelmäßig hörte er als Junge in Husum der Bäckerstochter Lena Wies zu, die ihn, wie er selbst sagte, in die „Kunst des Erzählens“ einführte. Offenbar war sie eine begnadete Erzählerin, die den Kindern die Atmosphäre, nicht zuletzt die feierliche, mystische-gespenstische Stimmung einer nebligen oder nächtlichen Küstenlandschaft, einer heraufkommenden Sturmflut oder eines sonst bevorstehendes Unglücks eindrücklich vermittelte und erlebbar machte. Eine mystisch-düstere, latent unheilvolle Atmosphäre ist vielen Novellen Storms spürbar.

Theodor Storm Straße - Katrin von Mengden-Breucker

Theodor Storm Straße – © Katrin von Mengden-Breucker

Nach Besuch des berühmten Gymnasiums Katharineum in Lübeck studierte Storm Jura in Kiel und Berlin. Von seiner Berliner Studentenzeit erzählt er in der Novelle „Auf der Universität“. Zurückgekehrt an die Universität Kiel schloss Storm Freundschaft unter anderem mit dem späteren Historiker Theodor Mommsen (1817 – 1903) und dessen Bruder, dem späteren Alt-Philologen Tycho Mommsen. Dieser Kreis entdeckte und verehrte Eduard Mörike als „lyrisches Genie“. Nach Aufnahme eines Briefwechsels besuchte Theodor Storm Mörike 1855 in Stuttgart und erhielt dabei wertvolle Anregungen für seine weitere Tätigkeit. Die Begegnung mit Mörike in Stuttgart beeindruckte Storm so stark, dass er noch auf der Rückfahrt Mitte August im Eisenbahnwagen von Stuttgart nach Heidelberg seine wesentlichen Eindrücke notierte. Hierauf konnte er zurückgreifen, als nach Mörikes Tod aufgefordert worden war, einen Nachruf zu schreiben, den er schließlich im Januar 1877 in Westermanns Monatsheften veröffentlichte.

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Rechtsanwalt in Husum

Zwischenzeitlich hatte Storm nach Abschluss seines Studiums in seiner Heimatstadt Husums in der Kanzlei seines Vaters den Beruf des Rechtsanwalts aufgenommen. Bald eröffnete er eine eigene Anwaltspraxis, wobei er zur Unterscheidung von der Kanzlei seines Vaters seinen zweiten Vornamen „Woldsen“ dem Nachnamen „Storm“ hinzufügte. So firmierte er als Anwalt unter „Woldsen Storm“. Neben seiner Anwaltstätigkeit war Storm erzählerisch und lyrisch tätig. Im berühmten Gedicht „Die Stadt“ beschreibt er seine Heimatstadt Husum und die Atmosphäre der schleswig-holsteinischen Westküstenlandschaft (Karl Ernst Laage, An’s Haff nun fliegt die Möwe, Auf Theodor Storms Spuren, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2010, Seiten 39 f.):

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer

Und seitab liegt die Stadt;

Der Nebel drückt die Dächer schwer,

Und durch die Stille braust das Meer

Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai

Kein Vogel ohn Unterlaß;

Die Wandergans mit hartem Schrei

Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,

Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,

Du graue Stadt am Meer;

Der Jugend Zauber für und für

Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,

Du graue Stadt am Meer.

Bekannt wurde Storm vor allem durch seine Novellen, namentlich durch die zu seinen Lebzeiten populäre Erzählung „Immensee“, die 1849 in erster Fassung erschien. Bis heute bekannt ist das Kindermärchen „Der kleine Häwelmann“ aus dem gleichen Jahr.

Amtsrichter und Landvogt

Nachdem die von Storm unterstützte schleswig-holsteinische Freiheitsbewegung gescheitert und er sich Repressalien des dänischen Königs ausgesetzt sah, wurde Storm 1853 Gerichtsassessor in Potsdam und damit preußischer Beamter. Nach drei Jahren wechselte er als Kreisrichter – vergleichbar dem heutigen Amtsrichter – nach Heiligenstadt. Dort lernte er das Mittelgebirge kennen, was ihn sicherlich zur Landschaftsschilderung in der „Malerarbeit“ inspirierte. Nachdem die dänische Herrschaft in Schleswig Holstein beendet war, wurde Storm zum Landvogt gewählt und trat aus Pflichtgefühl dieses Amt und zugleich das Amt des Amtsrichters in Husum an. So war er von 1864 bis 1880 wieder als Richter, dieses Mal am Amtsgericht in seiner Heimatstadt tätig. Er versah seine Ämter mit Fleiß und Umsicht, immer auch das Recht und die Sorgen der „kleinen Leute“ im Auge, mit deren Milieu er trotz seiner bürgerlichen Herkunft von klein auf vertraut war.

Nach seiner Pensionierung siedelte Storm auf seinen Alterssitz in Hademarschen über, wo er sich eine Villa mit Garten bauen ließ. Dort schrieb er sein letztes und vielleicht größtes Werk, die 1888 erschienene Novelle „Der Schimmelreiter“. Am 4. Juli 1888 starb er in Hademarschen. Auch in seinem berühmten „Schimmelreiter“ beschreibt Storm Berge – allerdings anderer Natur:

„ – Nur Berge von Wasser sah er vor sich, die dräuend gegen den nächtlichen Himmel stiegen, die in der furchtbaren Dämmerung sich übereinanderzutürmen suchten und übereinander gegen das feste Land schlugen. Mit weißen Kronen kamen sie daher, heulend, als sei in ihnen der Schrei alles furchtbaren Raubgetiers der Wildnis. Der Schimmel schlug mit den Vorderhufen und schnob mit seinen Nüstern in den Lärm hinaus; den Reiter aber wollte es überfallen, als sei hier alle Menschenmacht zu Ende; als müsse jetzt die Nacht, der Tod, das Nichts hereinbrechen.“

Wellen Gischt Nordsee - Katrin von Mengden-Breucker

Wellen Gischt Nordsee – © Katrin von Mengden-Breucker

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Hohes Denken – Friedrich Nietzsche in Sils Maria

Die Bergluft war Balsam für seine belastete Seele und die rings ragenden Gipfel regten seine ohnehin hochfliegenden Gedanken an: Sieben Sommer verbrachte Friedrich Nietzsche in Sils Maria, wanderte in der Oberengadiner Seenlandschaft und arbeitete an seinen Werken. Er genoss Licht, Luft und Landschaft und deren ebenso beruhigende wie belebende Wirkung auf Körper und Geist:

so still habe ich’s nie gehabt und alle 50 Bedingungen meines armen Lebens scheinen hier erfüllt zu sein. Ich nehmen diesen Fund hin als ein ebenso unerwartetes wie unverdientes Geschenk, gleich Ihrer herrlichen Musik, die hier, in dieser ewigen heroischen Idylle, noch schöner in’s Herz geht als da unten“ schrieb Nietzsche am 8. Juli 1881 an den Musiker Heinrich Köselitz (1854 – 1918), der unter dem Pseudonym Peter Gast bekannt wurde (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 100)

See und Berge 01 - Katrin von Mengden Breucker.

Die Aufregung hört hier für mich auf“

Wegen seines Augenleidens und seiner Kopfschmerzen konnte Nietzsche nicht höher in die das Hochtal umragenden Berge hinauf, doch erkundete er die Seenlandschaft und die Halbhöhen mit ihren Ausblicken auf ausgedehnten Wanderungen. Seine angegriffene Gesundheit stabilisierte sich im Höhenklima und ermöglichte es ihm, konzentrierter zu arbeiten:

Hier im Engadin ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden: zwar die Anfälle kommen hierher wie überall hin, aber viel milder und menschlicher. Ich habe eine fortwährende Beruhigung und keinen Druck wie sonst überall; die Aufregung hört hier für mich auf“, schwärmte Nietzsche am 7. Juli 1881 im Brief an seine Schwester Elisabeth (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche, Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 98).

Zu Beginn seines Aufenthaltes war er den Kurgästen noch gänzlich unbekannt und konnte sich so auch auf seinen Spaziergängen entlang des Silser und Silvaplaner Sees und ins Fex-Tal in Ruhe seinen Gedanken widmen. Die Bewegung tat ihm sichtlich wohl: „Mein Aussehen ist übrigens vortrefflich, meine Muskulatur in Folge meines beständigen Marschierens fast die eines Soldaten, Magen und Unterleib in Ordnung. Mein Nervensystem ist, in Anbetracht der ungeheuren Tätigkeit, die es zu leisten hat, prachtvoll und der Gegenstand meiner Verwunderung sehr fein und sehr stark“, schrieb Nietzsche am 9. Juli 1881 an Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 102)

 

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Die Berglandschaft tat Nietzsche nicht nur körperlich gut: Die Wucht und Wildheit der Berge, die Ruhe und Klarheit der Bergseen und das wechselvolle, besondere Licht inspirierten ihn und waren seinen Gedanken eine wesensverwandte Heimstatt: »hier, wo Italien und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimat aller silbernen Farbtöne der Natur zu sein scheint: wie glücklich Der, welcher sagen kann: `Es gibt gewiss viel Größeres und Schöneres in der Natur, dies aber ist mir innig und vertraut, blutsverwandt, ja noch mehr.`«

Einen Eindruck der bis heute spürbaren besonderen Aura der Berge und Seen des Oberengadins vermitteln die Zeilen des zeitgenössischen Dichters Mats Benreker:

Wanderer, kommst du nach Sils,
Vergiss, was du trachtest und willst,
Lass Berge und Sonne und Seen,
Lass Wetter und Wind dir geschehen,
Und finde die Seele gestillt
Und wie sich alles erfüllt.

See und Steg - Katrin von Mengden Breucker

Nietzsche wohnte in seiner Silser Zeit im unmittelbar vor einer Felswand gelegenen Haus des Gemischtwarenhändlers Giàn Durisch und schrieb hier in einem einfachen Zimmer an seinen Werken. Früh morgens und nach getaner Arbeit am Nachmittag unternahm er Spaziergänge in die Umgebung. Mittags aß er oft im Hotel „Alpenrose“ unterhalb der Laren, nur wenige Minuten von seiner Unterkunft entfernt. Später, als er als „Einsiedler von Sils Maria“ eine gewisse Bekanntheit erreicht hatte, traf er dort auch Besucher.

Hotel Alpenrose Schriftzug - Katrin von Mengden Breucker

„…im Freien zu denken“

Die Abwechslung aus körperlicher Betätigung in frischer Bergluft und konzentrierter Klausur erwies sich für Nietzsche als äußerst produktiv. Zugleich sprach er – mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein und Pathos – den in der besonderen Berglandschaft gewonnenen Gedanken besondere Bedeutung zu. Das Denken im Freien sollte zu einem Markenzeichen werden, die als groß empfundene Landschaft sollte Rahmen und Nährboden nicht minder großer Gedanken sein: „Wir gehören nicht zu Denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsere Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen und dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklicher werden.“ (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.), Kritische Studienausgabe, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag / Deutscher Taschenbuchverlag, 1988, Band 3, Seite 310).

See und Berge Blick - Katrin von Mengden Breucker

So war es aus Nietzsches Sicht kein Zufall, dass ihn die Inspiration zu seinem größten Werk „Also sprach Zarathustra“ auf einem Spaziergang entlang des Silvaplanersees im Angesicht des mächtigen Piz Lagrev überkam, unweit des vom Piz Corvatsch herabstürzenden Wasserfalls. Am flachen Ufer des Sees ragt ein Fels aus dem Boden – hier soll Nietzsche erstmals der Gedanke der ewigen Wiederkehr klar vor Augen getreten sein. So wurde aus dem namenlosen Felsen ein bis heute gern aufgesuchter „Nietzschestein“, wobei bisweilen Verwechslungen mit zwei für Nietzsche ebenfalls bedeutenden Felsen am Ufer des Silser Sees auftreten. Nietzsche beschreibt den magischen Moment: „Dieses Engadin ist die Geburtsstätte meines Zarathustra. Ich fand eben noch die erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken; darunter steht `Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen`“ (Brief an Heinrich Köselitz alias Peter Gast am 3. September 1883 (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche, Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 444)

Nietzschestein Silvaplanersee - Katrin von Mengden Breucker

Nietzschestein am Silvaplanersee

 

Also sprach Zarathustra

Zarathustra verkündete den Menschen eine neue Freiheit – namentlich von den bis dato als sakrosankt geltenden zivilisatorischen Werten der Aufklärung. Zugleich stellte Zarathustra den Fortschrittsglauben in Frage und vertritt die Möglichkeit, durch Selbstüberwindung über sich hinaus zu wachsen. Zugleich predigt er den Gedanken der „ewigen Wiederkehr“, der steten Wiederholung aller Vorgänge: Während die Zeit unendlich ist, bleibt die Menge der existierenden Energie immer gleich. Sie manifestiert sich in ständiger Bewegung, in ständigen Ereignissen des Lebens. Die durch Bewegung hervorgerufenen tatsächlichen Verhältnisse sind jeweils qualitativ unterschiedliche Daseinsformen der quantitativ immer gleichbleibenden Energie. Da die Menge der Konstellationen, in denen sich die Kraft manifestiert, zwar ungeheuer groß, aber doch endlich ist, wiederholen sich früher oder später alle denkbaren Konstellationen und deshalb sind „alle möglichen Materie- und Energiekonstellationen, also alle möglichen Ereignisse des Lebendigen und des Leblosen, schon einmal geschehen, und sie werden sich unendlich wiederholen“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, Biographie seines Denkens, Carl Hanser Verlag München, Wien 2000, zugleich Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2002, S. 234)

Waserfall - Katrin von Mengden Breucker

Euphorisch über diesen Gedanken, der aller Existenz und nicht zuletzt dem eigenen Dasein einen „Funken Ewigkeit“ verleiht, schrieb Friedrich Nietzsche an seinen Freund Heinrich Köselitz alias Peter Gast am 14. August 1881 nach Venedig: „Die Augustsonne ist über uns, das Jahr läuft davon, es wird stiller und friedlicher auf Bergen und in den Wäldern. An meinem Horizonte sind Gedanken aufgestiegen, der gleichen ich noch nicht gesehen habe – davon will ich nichts verlauten lassen, und will mich selber in einer unerschütterlichen Ruhe erhalten.“ Bedeutungsschwer fährt Nietzsche fort: „Ich werde wohl einige Jahre noch leben müssen. Ach, Freund, mitunter läuft mir die Ahnung durch den Kopf, daß ich eigentlich ein höchst gefährliches Leben lebe, denn ich gehöre zu den Maschinen, welche zerspringen könnten!“ (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche, Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 112).

Also sprach Zarathustra – ein Buch für alle und keinen “ wurde Anfang des 20. Jahrhunderts und wird bis heute, wohl auch aufgrund seiner vielen offenen und interpretationsfähigen Passagen, von Lesern als „heilige Schrift“ eines neuen, von gängigen Wertvorstellungen befreiten Lebens und Menschenbildes gelesen. Daneben ist es ein teilweise kryptisches, eigenwilliges Werk der Weltliteratur, dessen sprachliche Schönheit sich nicht jedem und oft nur widerstrebend und mühsam erschließt. Sprache und Gedanke müssen weitgehend erst herausgearbeitet und freigelegt werden, die Lektüre setzt Konzentration und Ausdauer und Freude an schürfender, dem Bergbau nicht unähnlicher Tätigkeit voraus. Nietzsches Zarathustra gewinnt seine höheren Einsichten, die er später in predigtähnlichen Monologen verkündet, bezeichnenderweise in der Einsamkeit der Berge: „Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde.“ (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Colli, Giorgio/Montinari, Mazzino (Hrsg.): Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, Band 4, Zarathustras Vorrede, Seite 11).

Nietzsches handschriftliche Ankündigung des „Zarathustra“

Nietzsches handschriftliche Ankündigung des „Zarathustra“ – Friedrich Nietzsche [Public domain], via Wikimedia Commons

Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger

Das Bild des Wanderns und Bergsteigens bleibt und prägt Zarathustra bis zuletzt und bis zum Äußersten:

Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht, und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.

Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme – ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber.

Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften; und was könnte jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen wäre!

Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim – mein eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.

Und noch eins weiß ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem, was mir am längsten aufgespart war. Ach, meinen härtesten Weg muß ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!“

(Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, in: Schlechta, Karl (Hrsg.), Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, Band 2, Carl Hanser Verlag, München 1954, Seite 403).

Mit dem „Zarathustra“ wurde Nietzsche und wurde Sils Maria als dessen Geburtsstätte weltberühmt. In der Folge zog der kleine Ort Intellektuelle und Künstler an. Viele wandelten auf Nietzsches Spuren, unter anderem auf der Halbinsel Chasté zwischen Sils Maria und Sils Baselgia am Rande des Silser Sees. Die Musiker und Nietzsche-Adoranten Carl Fuchs (1838 – 1922) und Walther Lampe (1872 – 1964) stifteten an der Südspitze der Chasté, einem von Nietzsches Lieblingsplätzen, eine in Fels eingelassene Steintafel mit Nietzsches berühmten Mitternachtslied aus Zarathustra:

Das trunkene Lied

O Mensch! Gieb acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
» Ich schlief, ich schlief –,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit! «

Das trunkene Lied - Katrin von Mengden Breucker

Nietzsche selbst arbeitete fleißig daran, den Mythos des Zarathustra zu befördern und seine Entstehung in großartiger Umgebung auf eine genialische Inspiration Anfang August 1881 – also gleichsam am Mittag des Jahres – zurückzuführen. Schon lange zuvor hatte sich Nietzsche mit dem Phänomen der ewigen Wiederkehr, dem ewigen „Mittag“ beschäftigt. Safranski weist darauf hin, dass Nietzsche den Gedanken schon bei Schopenhauer angelegt fand, denn dieser „behauptete die Unvergänglichkeit des Willenskerns, der in der Erscheinungswelt sich vielfach und verschieden verkörpert und insofern wiederkehrt“ ((Rüdiger Safranski, Nietzsche, Biographie seines Denkens, Carl Hanser Verlag München, Wien 2000, zugleich Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2002, S. 234).

Im Frühjahr 1881 hatte Nietzsche die „Beiträge zur Dynamik des Himmels“ des Heilbronner Arztes und Physikers Julius Robert Mayer (1814 – 1878) studiert. Mayer vertrat die These einer gleichbleibenden universellen Kraft, die nur in ihrem qualitativen Zustand veränderlich sei, im Kern aber immer dieselbe bleibe. So mag Nietzsche im Sommer 1881 – gedanklich vorbereitet und körperlich endlich einmal dazu in der Lage – den legendären Geistesblitz erlebt haben. Er selbst beschreibt den Moment mit zeitlichem Abstand dichterisch:

Sils Maria

Hier saß ich, wartend, wartend, — doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

 

Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei —

Und Zaratustra ging an mir vorbei …

See und Berge 02 - Katrin von Mengden Breucker.

Emil Zopfi weist in seinen Gedanken zum „Bergsteiger Zarathustra“ darauf hin, dass Nietzsche in seiner Silser Zeit unter Umständen dem legendären Bergführer Christian Klucker (1853 – 1928) begegnet sei und ihn dieser zusätzlich zur Figur des Zarathustra inspiriert habe, wenn er auch – entgegen anderslautender Legenden – wohl nicht als dessen „Vorbild“ gedient habe (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Zürich 2009, S. 43, 48). Gleichwohl befasste sich Nietzsche dichterisch mit dem Bergsteigen, das er aufgrund seiner körperlichen Konstitution nicht selbst ausüben konnte:

Der Wandrer

Kein Pfad mehr!
Abgrund rings und Todtenstille!“ –
So wolltest du’s! Vom Pfade wich dein Wille!
Nun Wanderer, gilt’s! Nun blicke kalt und klar!
Verloren bist du, glaubst du – an Gefahr.

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.), Kritische Studienausgabe, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag / Deutscher Taschenbuchverlag, 1988, Band 3, Seite 359).

Schneeberg - Katrin von Mengden Breucker

Im Jahr 1879 hatte Nietzsche das Oberengadin kennengelernt. Die Sommer der Jahre 1881 und 1883 bis 1888 verbrachte er in Sils Maria. Seine geistige Erkrankung, die im Januar 1889 in Turin zutage trat, verhinderte eine Wiederkehr im Sommer 1889. Stattdessen wurde Nietzsche zunächst in Nervenheilanstalten behandelt und seit 1890 von seiner Mutter, später von seiner Schwester in Naumburg gepflegt. 1897 zog er in die Villa Silberblick nach Weimar, wo er nach mehreren Schlaganfällen am 25. August 1900 im Alter von 55 Jahren verstarb.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Heilig und hoch – Jon Krakauer über die Grenzerfahrung Mount Everest

Man muss nicht gleich in Superlativa verfallen, um dem Mount Everest besondere Bedeutung beizumessen. In ihm spiegelt sich und kulminiert wie in einem Brennglas das Verhältnis des Menschen zum Berg: Seit Jahrtausenden und bis heute als heilig verehrt, führten Forscherdrang und neue Messtechniken im 19. Jahrhundert zu seiner „Entdeckung“ als höchster Punkt der Erde. Schon bald erkundete man seine Umgebung, seit den 1920er Jahren versuchte man, hinaufzugelangen. Symbolisch steht der Everest – ähnlich den Polen oder auch dem Mond – für den menschlichen Wunsch, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Mag dieser Drang vielen Gipfelunternehmungen zugrunde liegen, so hat der Mensch ihn in Gestalt des Everest auf die Spitze getrieben – und ist zugleich Getriebener in seinem Bestreben, auf das Dach der Welt zu gelangen. Trotz aller technischen Möglichkeiten bleibt das eine Grenzerfahrung, ein Unternehmen zwischen Leben und Tod. Dass der Mensch die gerade in dieser Extreme liegende Anziehungskraft zunehmend für kommerzielle Zwecke nutzt, markiert wiederum ein (allzu) menschliches Charakteristikum. Kaum einer beschreibt diese Auswüchse, aber auch die Faszination des Berges und die Auseinandersetzung des Menschen mit der Urgewalt „Everest“ in allen Höhen und Tiefen so anschaulich und eindringlich wie Jon Krakauer.

1. Über die Entdeckung des „Mount Everest“

»Die genauen Details des Ereignisses liegen im dunkeln, von Mythen umrankt Aber es war im Jahr 1852 und stattgefunden hat es in den Büros der Great Trigonometrical Survey of India, des britischen Landesvermessungsamtes, im indischen Dhera Dun, einem im nördlichen Bergland gelegenen Erholungsort für Europäer. Nach der glaubwürdigsten Version der Ereignisse stürmte ein Schreiber in die Räume von Sir Andrew Waugh, Indiens oberstem Landesvermesser und rief aus, dass ein bengalischer Kalkulator namens Radhanath Sikhdar, der der Außenstelle des Amtes in Kalkutta angehörte, den „höchsten Berg der Erde entdeckt“ hatte. […]

Bis zu dem Zeitpunkt als Sikhdar die Vermessungsdaten zusammengetragen und seine mathematischen Kalkulationen vorgenommen hatte, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass an Gipfel XV irgendetwas Bemerkenswertes sei. Die sechs Vermessungspunkte, von denen aus der Gipfel trigonometrisch erfasst wurde, lagen in Nordindien, mehr als 100 Meilen von dem Berg entfernt. Für die Vermesser war von Gipfel XV nur die oberste Spitze zu sehen. Der Berg selbst war von verschiedenen hohen Gebirgsgruppen, Gebirgsmassiven im Vordergrund verdeckt, von denen einige viel größer und mächtiger zu sein schienen. Aber nach Sikhdars penibel durchgeführten trigonometrischen Schätzungen, welche Faktoren wie Krümmung der Erdoberfläche, atmosphärische Refraktionskräfte und Richtscheitabweichungen miteinbezog [sic], erhob sich Gipfel XV 8840 Meter über dem Meeresspiegel und war damit der höchste Punkt des Planeten Erde.

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Von Der ursprünglich hochladende Benutzer war Hephaestos in der Wikipedia auf Englisch – Übertragen aus en.wikipedia nach Commons., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=916044

1965, neun Jahre nachdem Sikhdars Berechnungen bestätigt worden waren, verlieh Waugh Gipfel XV den Namen Mount Everest, zu Ehren von Sir George Everest, seinem Vorgänger im Amt des obersten Landvermessers. Nun hatten aber die Tibeter, die im Norden des großen Berges lebten, bereits einen viel klangvolleren Namen für ihn – Jomolungma, was soviel heißt wie „Göttin, Mutter der Erde“ -, während die Nepalesen, die im Süden angesiedelt waren, den Berg Sagarmatha nannten, „Göttin des Himmels“.«

Jon Krakauer, In eisige Höhen (Original: „Into thin air“), 11. Auflage, München 1998, S. 34 ff.

2. Auf dem Gipfel des Mount Everest

»Ich stand auf dem höchsten Punkt der Erde, den einen Fuß in Tibet, den anderen in Nepal, und befreite meine Sauerstoffmaske von Eis. Eine Schulter gegen den Wind gestemmt, blickte ich abwesend in die unermessliche Weite Tibets hinab. Ganz entfernt dämmerte mir, dass die Landschaftsflucht zu meinen Füßen ein überwältigender Anblick war. Von diesem Moment hatte ich monatelang geträumt, von dem Rausch der Gefühle, der ihn begleiten würde. Aber jetzt, endlich hier, tatsächlich auf dem Gipfel des Mount Everest angelangt, fehlte mir ganz einfach die Kraft, überhaupt etwas zu empfinden.

Karte Mount Everest - Route Hillary und Norgay.png
Von Lencer – own work, used:
Karte Mount Everest.png by Lencer
Routeninformation aus Märkische Allgemeine Zeitung, gedruckte Ausgabe vom 12.01.2008, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3507253

Es war am frühen Nachmittag des 10. Mai 1996. Ich hatte seit 57 Stunden nicht mehr geschlafen. Die einzige Nahrung, die ich in den letzten Tagen hinuntergewürgt hatte, war eine japanische Ramen-Suppe und eine Handvoll Schoko-Erdnüsse. Wochenlange Hustenanfälle hatten mir zwei beschädigte Rippenknochen beschert, die jeden Atemzug zur qualvollen Folter machten. Auf 8848 Meter hoch oben in der Troposphäre gelangte so wenig Sauerstoff in mein Gehirn, dass meine geistigen Fähigkeiten sich auf die eines kleinen Kindes beschränkten. Unter den Umständen fühlte ich so gut wie gar nichts mehr, außer Kälte und Erschöpfung.«

Jon Krakauer, In eisige Höhen (Original: „Into thin air“), 11. Auflage, München 1998, S. 26 f.

3. Abstieg vom Mount Everest (Gipfeltag)

»Um 18 Uhr 30, als das letzte Tageslicht aus dem Himmel sickerte, kam ich bis auf knapp 70 Höhenmeter an Camp Vier heran. Zwischen mir und der Sicherheit befand sich jetzt nur noch ein Hindernis: ein bauchiger Hang aus hartem, blankem Eis, über den ich ohne Seilsicherung absteigen musste. Graupelgeschosse, von 130-Stundenkilometer-Böen getrieben, zerstachen mein Gesicht, jede ungeschützte Stelle war augenblicklich gefroren. Die Zelte, die nicht weiter als 200 Meter entfernt standen, waren in dem Schneegestöber stets nur kurze Augenblicke zu erkennen. Es gab keinen Spielraum für Fehler. Aus Angst vor einem folgenschweren Fehler setzte ich mich hin, um vor dem weiteren Abstieg meine Energie zu sammeln.

Everest North Face toward Base Camp Tibet Luca Galuzzi 2006.jpg
Von I, Luca Galuzzi, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1810976

Einmal von den Beinen, überkam mich lähmende Trägheit. Es war ja so viel leichter, dazusitzen und sich auszuruhen, als sich endlich diesem gefährlichen Eishang zu stellen. Während er Sturm mir also um die Ohren pfiff, hockte ich einfach nur da, ließ meine Gedanken schweifen und blieb so vielleicht eine dreiviertel Stunde lang sitzen.«

Jon Krakauer, In eisige Höhen (Original: „Into thin air“), 11. Auflage, München 1998, S. 251

Autor

Durch seinen Vater früh an das Bergsteigen herangeführt, faszinierte den jungen Jon Krakauer der Bericht des mit seinem Vater befreundeten Willi Unsoeld: Er hatte 1963 gemeinsam mit Tom Hornbein den Mount Everest durch eine bis dato nicht begangene Felsrinne bestiegen, die später „Hornbein-Couloir“ genannt wurde.

North face marked.png
Von Luca Galuzzi – www.galuzzi.it Original uploader was User:Kassander der Minoer at de.wikipedia – Derived from Image:Everest North Face toward Base Camp Tibet Luca Galuzzi 2006.jpg; routes and labels added by Kassander der Minoer., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5289115

Krakauer wurde 1954 in Brooklyn in Massachusetts geboren und ist Bergsteiger und Autor zahlreicher Berichte und Reportagen über Expeditionen, namentlich für das US-amerikanische Magazin „Outside“. Bekanntheit erlangte vor allem sein Buch „In eisige Höhen“ mit dem englischen Originaltitel „Into thin air“. Darin schildert er seine Teilnahme an einer folgenschweren Expedition zum Mount Everest im Mai 1996 unter Führung des neuseeländischen Bergführers Rob Hall. Im Jahr 2007 erschien sein Buch „Into the Wild“ (deutscher Titel: „In die Wildnis“). Darin schildert Krakauer den Weg des jungen Christopher McCandless, der in der Wildnis ein freies Leben im Einklang mit der Natur sucht und dabei ums Leben kommt. Die Geschichte wurde später verfilmt.

Hintergrund

Jon Krakauer sollte im Jahr 1996 für die Zeitschrift „Outside“ einen Bericht schreiben und dabei auch die Kommerzialisierung der Everest-Expeditionen beleuchten. Hierfür nahm er mit sieben weiteren „Kunden“ an der vom erfahrenen neuseeländischen Bergsteiger Rob Hall geleiteten „Adventure Consultants Expedition“ teil. Zahlreiche Mitglieder dieser Expedition sowie der parallel auf der gleichen Route aufsteigenden „Mountain Madness Expedition“ unter der Leitung des US-amerikanischen Bergführers Scott Fischer verunglückten in einem überraschenden Sturm tödlich oder trugen schwerwiegende Folgen davon. Auch die Expeditionsleiter Hall und Fischer blieben am Berg. Krakauers umstrittenes Buch wirft ein Schlaglicht auf die Auswüchse des kommerzialisierten Alpinismus, beschreibt zugleich die Faszination des Extrembergsteigens und schildert die Leistungen und Tragödien an einem der größten Unglückstage am höchsten Berg der Erde.

Der russische Bergführer Anatoli Bukrejew (auch: „Boukreev“), seinerseits als Bergführer Mitglied der damaligen Mountain Madness Expedition Scott Fischers, widersprach zahlreichen Darstellungen Krakauers von den Geschehnissen am 10. und 11. Mai 1996 und schilderte seine Sicht der Dinge in seinem 1998 erschienenen Buch „Der Gipfel. Tragödie am Mount Everest“. Bukrejew wurde im Dezember 1997 gemeinsam mit dem Kameramann Dimitrij Sobolew während des Aufstiegs in der Annapurna-Südwand von einer Lawine verschüttet.

Berg

Der Gipfel des „Qomolangma“, auch „Jomolungma“ (tibetischer Name), Sagarmatha (nepalesischer Name) oder Mount Everest ist der höchste des Chomolungma-Massivs im Himalaya, dem auch die Berge Lohtse (8.516 m), Nuptse (7.861 m) und Changtse (7.543 m) angehören. Das Massiv entstand wie das Himalaya-Gebirge insgesamt durch den Zusammenstoß der tektonischen Platten Indiens und Asiens. Dieser vor circa 50 Millionen Jahren begonnene Prozess dauert an und führt dazu, dass das Himalaya-Gebirge einschließlich des Everest Jahr um Jahr unmerklich höher wird. Während der höchste Berg der Erde bei seiner „Entdeckung“ im Jahr 1852 aufgrund von Messungenauigkeiten auf 8.840 m gemessen wurde, taxiert man ihn heute auf 8.848 m. Der Everest liegt in der Grenzregion zwischen Tibet und Nepal. Da sein Gipfel die Grenze beider Länder markiert, hat man dort – wie Krakauer schreibt – „den einen Fuß in Tibet, den anderen in Nepal“.

The Himalayas from 20,000 ft. from Teton Gravity Research on Vimeo.

Zahlreich waren die – zunächst oft aussichtslosen – Versuche, den Everest zu besteigen. Sinnbildlich für den Wagemut der in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnenen Expeditionen mit geringen technischen Mitteln, aber auch für die schier unglaubliche Ausdauer und bemerkenswerten bergsteigerischen Fähigkeiten stehen George Mallory und Andrew Irvine, die als Teil einer britischen Expedition im Juni 1924 von ihrem zweiten Gipfelbesuch nicht zurückkehrten. Ob sie den Gipfel erreicht haben oder nicht, ist bis heute ungewiss, wird von den Forschern aber überwiegend verneint. Während Mallorys Leiche 1999 ohne konkrete Hinweise auf die erreichte Höhe gefunden wurde, blieb Irvine bis heute verschollen. Die belegte Erstbesteigung gelang Tenzing Norgay und Edmund Hillary am 19. Mai 1953. Ein weiterer Markstein war die Erstbesteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff am 8. Mai 1978 durch Reinhold Messner und Peter Habeler.

Am Everest scheiden sich die Geister. Für die Nepalesen hat der Berg mythische Bedeutung – er ist „Sagarmatha“, was sinngemäß „Stirn des Himmels“ bedeutet, wobei eine Übersetzung nur bedingt möglich ist. Auch für die Sherpas ist und bleibt der Qomolangma ein heiliger Berg und Sitz von Dämonen und Geistern, die es zu besänftigen und zu versöhnen gilt. Buddhisten verehren im Himalaya die „fünf Schwestern des langen Lebens“. Die dritte der Schwestern, Chomo Miyo Langsangma, ist für das Wohlergehen der Menschen, namentlich die Nahrungsaufnahme zuständig. Sie thront auf dem nach ihr benannten höchsten Berg, der geographisch den dritten von fünf Gipfeln bildet, was sich in der Bezeichnung „Qomo“ („Göttin“) und ,,Langma“ (,,Dritte“) widerspiegelt. Chomo Miyo Langsangma gilt als Schutzpatronin der Ackerbauern und der für die Menschen in der Bergregion lebenswichtigen Yaks. Die Sherpas stehen auch als Sinnbild für den Spagat zwischen Tradition und Moderne: Sie verehren den Berg und nehmen an kommerziell organisierten Expeditionen teil, die mit allen Mitteln moderner Technik versuchen, möglichst viele, auch weniger begabte Bergsteiger auf den höchsten Punkt der Erde – und bestenfalls wieder zurück – zu bringen. Mythischer Glaube einerseits und eine vom Markt bestimmte „Nutzung“ des Berges andererseits treffen nicht nur geistig aufeinander, sondern gehen in den Expeditionen buchstäblich Seite an Seite.

Vor jeder Besteigung führen die Sherpas traditionell ihre Puja-Zeremonie mit Gebeten und Opfern durch. Daran müssen auch die ausländischen Bergsteiger teilnehmen, um – so der Glaube der Sherpas – die Dämonen des Berges der anstehenden Expedition wohlgesonnen zu stimmen. Dass dies nicht immer gelingt, zeigt der Bericht Jon Krakauers von den Geschehnissen im Mai 1996.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker