Hohes Denken – Friedrich Nietzsche in Sils Maria

Die Bergluft war Balsam für seine belastete Seele und die rings ragenden Gipfel regten seine ohnehin hochfliegenden Gedanken an: Sieben Sommer verbrachte Friedrich Nietzsche in Sils Maria, wanderte in der Oberengadiner Seenlandschaft und arbeitete an seinen Werken. Er genoss Licht, Luft und Landschaft und deren ebenso beruhigende wie belebende Wirkung auf Körper und Geist:

so still habe ich’s nie gehabt und alle 50 Bedingungen meines armen Lebens scheinen hier erfüllt zu sein. Ich nehmen diesen Fund hin als ein ebenso unerwartetes wie unverdientes Geschenk, gleich Ihrer herrlichen Musik, die hier, in dieser ewigen heroischen Idylle, noch schöner in’s Herz geht als da unten“ schrieb Nietzsche am 8. Juli 1881 an den Musiker Heinrich Köselitz (1854 – 1918), der unter dem Pseudonym Peter Gast bekannt wurde (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 100)

See und Berge 01 - Katrin von Mengden Breucker.

Die Aufregung hört hier für mich auf“

Wegen seines Augenleidens und seiner Kopfschmerzen konnte Nietzsche nicht höher in die das Hochtal umragenden Berge hinauf, doch erkundete er die Seenlandschaft und die Halbhöhen mit ihren Ausblicken auf ausgedehnten Wanderungen. Seine angegriffene Gesundheit stabilisierte sich im Höhenklima und ermöglichte es ihm, konzentrierter zu arbeiten:

Hier im Engadin ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden: zwar die Anfälle kommen hierher wie überall hin, aber viel milder und menschlicher. Ich habe eine fortwährende Beruhigung und keinen Druck wie sonst überall; die Aufregung hört hier für mich auf“, schwärmte Nietzsche am 7. Juli 1881 im Brief an seine Schwester Elisabeth (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche, Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 98).

Zu Beginn seines Aufenthaltes war er den Kurgästen noch gänzlich unbekannt und konnte sich so auch auf seinen Spaziergängen entlang des Silser und Silvaplaner Sees und ins Fex-Tal in Ruhe seinen Gedanken widmen. Die Bewegung tat ihm sichtlich wohl: „Mein Aussehen ist übrigens vortrefflich, meine Muskulatur in Folge meines beständigen Marschierens fast die eines Soldaten, Magen und Unterleib in Ordnung. Mein Nervensystem ist, in Anbetracht der ungeheuren Tätigkeit, die es zu leisten hat, prachtvoll und der Gegenstand meiner Verwunderung sehr fein und sehr stark“, schrieb Nietzsche am 9. Juli 1881 an Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 102)

 

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Von F. Hartmann – Photography by F. Hartmann in Basel.
Public domain due to age of photography. Scan processed by Anton (2005), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=95970

Die Berglandschaft tat Nietzsche nicht nur körperlich gut: Die Wucht und Wildheit der Berge, die Ruhe und Klarheit der Bergseen und das wechselvolle, besondere Licht inspirierten ihn und waren seinen Gedanken eine wesensverwandte Heimstatt: »hier, wo Italien und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimat aller silbernen Farbtöne der Natur zu sein scheint: wie glücklich Der, welcher sagen kann: `Es gibt gewiss viel Größeres und Schöneres in der Natur, dies aber ist mir innig und vertraut, blutsverwandt, ja noch mehr.`«

Einen Eindruck der bis heute spürbaren besonderen Aura der Berge und Seen des Oberengadins vermitteln die Zeilen des zeitgenössischen Dichters Mats Benreker:

Wanderer, kommst du nach Sils,
Vergiss, was du trachtest und willst,
Lass Berge und Sonne und Seen,
Lass Wetter und Wind dir geschehen,
Und finde die Seele gestillt
Und wie sich alles erfüllt.

See und Steg - Katrin von Mengden Breucker

Nietzsche wohnte in seiner Silser Zeit im unmittelbar vor einer Felswand gelegenen Haus des Gemischtwarenhändlers Giàn Durisch und schrieb hier in einem einfachen Zimmer an seinen Werken. Früh morgens und nach getaner Arbeit am Nachmittag unternahm er Spaziergänge in die Umgebung. Mittags aß er oft im Hotel „Alpenrose“ unterhalb der Laren, nur wenige Minuten von seiner Unterkunft entfernt. Später, als er als „Einsiedler von Sils Maria“ eine gewisse Bekanntheit erreicht hatte, traf er dort auch Besucher.

Hotel Alpenrose Schriftzug - Katrin von Mengden Breucker

„…im Freien zu denken“

Die Abwechslung aus körperlicher Betätigung in frischer Bergluft und konzentrierter Klausur erwies sich für Nietzsche als äußerst produktiv. Zugleich sprach er – mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein und Pathos – den in der besonderen Berglandschaft gewonnenen Gedanken besondere Bedeutung zu. Das Denken im Freien sollte zu einem Markenzeichen werden, die als groß empfundene Landschaft sollte Rahmen und Nährboden nicht minder großer Gedanken sein: „Wir gehören nicht zu Denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsere Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen und dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklicher werden.“ (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.), Kritische Studienausgabe, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag / Deutscher Taschenbuchverlag, 1988, Band 3, Seite 310).

See und Berge Blick - Katrin von Mengden Breucker

So war es aus Nietzsches Sicht kein Zufall, dass ihn die Inspiration zu seinem größten Werk „Also sprach Zarathustra“ auf einem Spaziergang entlang des Silvaplanersees im Angesicht des mächtigen Piz Lagrev überkam, unweit des vom Piz Corvatsch herabstürzenden Wasserfalls. Am flachen Ufer des Sees ragt ein Fels aus dem Boden – hier soll Nietzsche erstmals der Gedanke der ewigen Wiederkehr klar vor Augen getreten sein. So wurde aus dem namenlosen Felsen ein bis heute gern aufgesuchter „Nietzschestein“, wobei bisweilen Verwechslungen mit zwei für Nietzsche ebenfalls bedeutenden Felsen am Ufer des Silser Sees auftreten. Nietzsche beschreibt den magischen Moment: „Dieses Engadin ist die Geburtsstätte meines Zarathustra. Ich fand eben noch die erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken; darunter steht `Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen`“ (Brief an Heinrich Köselitz alias Peter Gast am 3. September 1883 (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche, Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 444)

Nietzschestein Silvaplanersee - Katrin von Mengden Breucker

Nietzschestein am Silvaplanersee

 

Also sprach Zarathustra

Zarathustra verkündete den Menschen eine neue Freiheit – namentlich von den bis dato als sakrosankt geltenden zivilisatorischen Werten der Aufklärung. Zugleich stellte Zarathustra den Fortschrittsglauben in Frage und vertritt die Möglichkeit, durch Selbstüberwindung über sich hinaus zu wachsen. Zugleich predigt er den Gedanken der „ewigen Wiederkehr“, der steten Wiederholung aller Vorgänge: Während die Zeit unendlich ist, bleibt die Menge der existierenden Energie immer gleich. Sie manifestiert sich in ständiger Bewegung, in ständigen Ereignissen des Lebens. Die durch Bewegung hervorgerufenen tatsächlichen Verhältnisse sind jeweils qualitativ unterschiedliche Daseinsformen der quantitativ immer gleichbleibenden Energie. Da die Menge der Konstellationen, in denen sich die Kraft manifestiert, zwar ungeheuer groß, aber doch endlich ist, wiederholen sich früher oder später alle denkbaren Konstellationen und deshalb sind „alle möglichen Materie- und Energiekonstellationen, also alle möglichen Ereignisse des Lebendigen und des Leblosen, schon einmal geschehen, und sie werden sich unendlich wiederholen“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, Biographie seines Denkens, Carl Hanser Verlag München, Wien 2000, zugleich Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2002, S. 234)

Waserfall - Katrin von Mengden Breucker

Euphorisch über diesen Gedanken, der aller Existenz und nicht zuletzt dem eigenen Dasein einen „Funken Ewigkeit“ verleiht, schrieb Friedrich Nietzsche an seinen Freund Heinrich Köselitz alias Peter Gast am 14. August 1881 nach Venedig: „Die Augustsonne ist über uns, das Jahr läuft davon, es wird stiller und friedlicher auf Bergen und in den Wäldern. An meinem Horizonte sind Gedanken aufgestiegen, der gleichen ich noch nicht gesehen habe – davon will ich nichts verlauten lassen, und will mich selber in einer unerschütterlichen Ruhe erhalten.“ Bedeutungsschwer fährt Nietzsche fort: „Ich werde wohl einige Jahre noch leben müssen. Ach, Freund, mitunter läuft mir die Ahnung durch den Kopf, daß ich eigentlich ein höchst gefährliches Leben lebe, denn ich gehöre zu den Maschinen, welche zerspringen könnten!“ (Nietzsche Briefwechsel, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe, Friedrich Nietzsche, Briefe Januar 1880 – Dezember 1884, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 1981, S. 112).

Also sprach Zarathustra – ein Buch für alle und keinen “ wurde Anfang des 20. Jahrhunderts und wird bis heute, wohl auch aufgrund seiner vielen offenen und interpretationsfähigen Passagen, von Lesern als „heilige Schrift“ eines neuen, von gängigen Wertvorstellungen befreiten Lebens und Menschenbildes gelesen. Daneben ist es ein teilweise kryptisches, eigenwilliges Werk der Weltliteratur, dessen sprachliche Schönheit sich nicht jedem und oft nur widerstrebend und mühsam erschließt. Sprache und Gedanke müssen weitgehend erst herausgearbeitet und freigelegt werden, die Lektüre setzt Konzentration und Ausdauer und Freude an schürfender, dem Bergbau nicht unähnlicher Tätigkeit voraus. Nietzsches Zarathustra gewinnt seine höheren Einsichten, die er später in predigtähnlichen Monologen verkündet, bezeichnenderweise in der Einsamkeit der Berge: „Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde.“ (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Colli, Giorgio/Montinari, Mazzino (Hrsg.): Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, Band 4, Zarathustras Vorrede, Seite 11).

Nietzsches handschriftliche Ankündigung des „Zarathustra“

Nietzsches handschriftliche Ankündigung des „Zarathustra“ – Friedrich Nietzsche [Public domain], via Wikimedia Commons

Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger

Das Bild des Wanderns und Bergsteigens bleibt und prägt Zarathustra bis zuletzt und bis zum Äußersten:

Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht, und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.

Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme – ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber.

Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften; und was könnte jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen wäre!

Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim – mein eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.

Und noch eins weiß ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem, was mir am längsten aufgespart war. Ach, meinen härtesten Weg muß ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!“

(Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, in: Schlechta, Karl (Hrsg.), Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, Band 2, Carl Hanser Verlag, München 1954, Seite 403).

Mit dem „Zarathustra“ wurde Nietzsche und wurde Sils Maria als dessen Geburtsstätte weltberühmt. In der Folge zog der kleine Ort Intellektuelle und Künstler an. Viele wandelten auf Nietzsches Spuren, unter anderem auf der Halbinsel Chasté zwischen Sils Maria und Sils Baselgia am Rande des Silser Sees. Die Musiker und Nietzsche-Adoranten Carl Fuchs (1838 – 1922) und Walther Lampe (1872 – 1964) stifteten an der Südspitze der Chasté, einem von Nietzsches Lieblingsplätzen, eine in Fels eingelassene Steintafel mit Nietzsches berühmten Mitternachtslied aus Zarathustra:

Das trunkene Lied

O Mensch! Gieb acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
» Ich schlief, ich schlief –,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit! «

Das trunkene Lied - Katrin von Mengden Breucker

Nietzsche selbst arbeitete fleißig daran, den Mythos des Zarathustra zu befördern und seine Entstehung in großartiger Umgebung auf eine genialische Inspiration Anfang August 1881 – also gleichsam am Mittag des Jahres – zurückzuführen. Schon lange zuvor hatte sich Nietzsche mit dem Phänomen der ewigen Wiederkehr, dem ewigen „Mittag“ beschäftigt. Safranski weist darauf hin, dass Nietzsche den Gedanken schon bei Schopenhauer angelegt fand, denn dieser „behauptete die Unvergänglichkeit des Willenskerns, der in der Erscheinungswelt sich vielfach und verschieden verkörpert und insofern wiederkehrt“ ((Rüdiger Safranski, Nietzsche, Biographie seines Denkens, Carl Hanser Verlag München, Wien 2000, zugleich Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2002, S. 234).

Im Frühjahr 1881 hatte Nietzsche die „Beiträge zur Dynamik des Himmels“ des Heilbronner Arztes und Physikers Julius Robert Mayer (1814 – 1878) studiert. Mayer vertrat die These einer gleichbleibenden universellen Kraft, die nur in ihrem qualitativen Zustand veränderlich sei, im Kern aber immer dieselbe bleibe. So mag Nietzsche im Sommer 1881 – gedanklich vorbereitet und körperlich endlich einmal dazu in der Lage – den legendären Geistesblitz erlebt haben. Er selbst beschreibt den Moment mit zeitlichem Abstand dichterisch:

Sils Maria

Hier saß ich, wartend, wartend, — doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

 

Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei —

Und Zaratustra ging an mir vorbei …

See und Berge 02 - Katrin von Mengden Breucker.

Emil Zopfi weist in seinen Gedanken zum „Bergsteiger Zarathustra“ darauf hin, dass Nietzsche in seiner Silser Zeit unter Umständen dem legendären Bergführer Christian Klucker (1853 – 1928) begegnet sei und ihn dieser zusätzlich zur Figur des Zarathustra inspiriert habe, wenn er auch – entgegen anderslautender Legenden – wohl nicht als dessen „Vorbild“ gedient habe (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Zürich 2009, S. 43, 48). Gleichwohl befasste sich Nietzsche dichterisch mit dem Bergsteigen, das er aufgrund seiner körperlichen Konstitution nicht selbst ausüben konnte:

Der Wandrer

Kein Pfad mehr!
Abgrund rings und Todtenstille!“ –
So wolltest du’s! Vom Pfade wich dein Wille!
Nun Wanderer, gilt’s! Nun blicke kalt und klar!
Verloren bist du, glaubst du – an Gefahr.

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.), Kritische Studienausgabe, Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag / Deutscher Taschenbuchverlag, 1988, Band 3, Seite 359).

Schneeberg - Katrin von Mengden Breucker

Im Jahr 1879 hatte Nietzsche das Oberengadin kennengelernt. Die Sommer der Jahre 1881 und 1883 bis 1888 verbrachte er in Sils Maria. Seine geistige Erkrankung, die im Januar 1889 in Turin zutage trat, verhinderte eine Wiederkehr im Sommer 1889. Stattdessen wurde Nietzsche zunächst in Nervenheilanstalten behandelt und seit 1890 von seiner Mutter, später von seiner Schwester in Naumburg gepflegt. 1897 zog er in die Villa Silberblick nach Weimar, wo er nach mehreren Schlaganfällen am 25. August 1900 im Alter von 55 Jahren verstarb.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

„In dem dunkeln Bergwald eine Lichte“ – Johannes Trojans wandernde Betrachtungen

Die Liebe zur Natur führte Johannes Trojan (1837 – 1915) auf ausgedehnte Fußwanderungen unter anderem durch die Schweiz, Oberitalien und den Harz. Im Ton des umherstreifenden Wanderers hielt Trojan seine Eindrücke dichterisch fest. Er bewegt sich in der literarischen Tradition des 19. Jahrhunderts, des Biedermeier und des Realismus, und lehnte den aufkommenden Naturalismus ebenso ab wie die harmlosen und verharmlosenden zeitgenössischen Werke, die er als „Butzenscheibenliteratur“ karikierte. Bekannt wurde Trojan als Chefredakteur der bissig-humoristischen Berliner Satire-Zeitschrift „Kladderadatsch“. Seine Dichtungen illustrieren den Blick des Wanderers auf Berge und Natur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die erste Ausgabe des Kladderadatsch (Mai 1848)
Von David Kalisch verfasste die erste Ausgabe vollständig – Kladderadatsch No. 1 vom 7. Mai. 1848, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9812539

Ein ruhiger, der Betrachtung geweihter Ton prägt Trojans Gedicht „Die Lärche“. Nicht ganz zufällig angesichts Trojans großer Sympathie für die Botanik, steht ein Baum im Mittelpunkt. Auf Maß und Mitte gerichtet steht er zwischen Tal und hohem Bergwald in der Mittagssonne, von ästhetischem Wuchs und im Einklang mit der Umgebung. Das Streben nach Harmonie, nach Harmonie und „heiler Welt“ war charakteristisch für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts, dem der Kaufmannssohn Trojan entstammte.

Selbstbewusst und anmutig erfreut die Lärche ihre Umgebung, zeigt sich zugleich aber auch verletzlich, wenn sie ungeschützt dem Winter ausgesetzt ist. Der finstere Tannenwald in der ersten Strophe wie der dunkle Bergwald in der letzten Strophe, die über der Lärche thronen und drohen, deuten auf die von Trojan früh erlebten und – noch unbestimmt – vorausgeahnten Gefährdungen hin, die sich im 20. Jahrhundert erstmals im Ersten Weltkrieg verwirklichen sollten, dessen Ausbruch Trojan kurz vor seinem Tode noch erlebte. In erster Linie malt Trojan mit der „Lärche“ aber ein stimmungsvolles Natur- und Landschaftsbild, das die Mittagsstunde lebendig werden lässt, in welcher der rastende oder innhaltende Wanderer der schönen Lärche begegnet und in der er seinen Blick nach unten ins Tal und nach oben zum Berg und seine Gedanken durch die Jahreszeiten schweifen lässt.

Die Lärche

Wohl sich fühlend in des Mittags Strahle
Steht sie da auf der besonnten Halde,
Blickt hinab zum hellen Wiesentale,
Blickt hinauf zum finstern Tannenwalde.

Johannes Trojan - Die Lärche Bergwald - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Frei anmutig strebt ihr Wuchs nach oben,
Was gefällt und hübsch läßt, ist ihr eigen.
Spitzenwerk, aus klarem Grün gewoben,
Hängt herab von ihren schlanken Zweigen.

Lieblich steht das zarte Kleid der Zarten,
Wenn im Wind leicht ihre Zweige schwanken,
Ihr zu Füßen blüht ein kleiner Garten,
Überspannen von der Erdbeer‘ Ranken.

Mélèze en Automne.JPG
Von Antony.sorrento in der Wikipedia auf Französisch – photo by Antony.sorrento, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=948798

Ach, im Winter steht sie kahl und frierend,
Nicht geschützt von wärmendem Gewande,
Bis der
Frühling kommt, sie also zierend,
Daß sie gleich der Schönsten ist im Lande.

Johannes Trojan - Die Lärche IMG_3830 - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Andre gibt’s von ernsterem Gesichte,
Die gewalt’ger ihre Häupter heben;
In dem dunkeln Bergwald eine Lichte,
Freut den Blick sie, kündend heit‘res Leben.

Albeck Seebachern Laerchenwald 25102013 869

Johannes Trojan

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Zahlreich sind Trojans Gedichte, in denen er seinen Landschaftserlebnissen Ausdruck verleiht. Auf seinen langen Wanderungen verharrte er immer wieder in Betrachtungen der Natur. Die dabei empfundenen und aufgesogenen Empfindungen verströmen seine Gedichte, die den Leser gleich dem Wanderer innehalten lassen. Im stillen, beschreibenden Ton des Realismus zeichnet Trojan ein lyrisches winterliches Stillleben in verschneiter Berglandschaft:

Winterstille

Nun hat der Berg sein Schneekleid angetan,
Und
Schnee liegt lastend auf den Tannenbäumen
Und deckt die
Felder zu, ein weißer Plan,
Darunter still die jungen Saaten träumen.

Johannes Trojan - Winterstille Winterlandschaft_Berge - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Fried‘ in der Weite! Nicht ein Laut erklingt –
Ein Zweig nur bebt und stäubt Kristalle nieder,
Gestreift vom Vogel, der empor sich schwingt –
Und still ist alles rings und reglos wieder.

Johannes Trojan - Winterstille Schnee_Zweig - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

In Winters Banden liegt der See und ruht,
Die Wellen schlafen, die einst lockend riefen.
Nicht spielen mehr die Winde mit der Flut,
Kaum regt sich Leben noch in ihren Tiefen.

Johannes Trojan - Winterstille Winterlandschaft_See - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

O Sonne, wenn durch Wolken du einmal
Hernieder blickst — wo blieb der Erde Prangen?
Schlafende Augen nur erblickt dein Strahl,
Er weckt kein Hoffen auf und kein Verlangen.

Johannes Trojan - Winterstille Winter_Weidenkätzchen_Knospe - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Welch‘ eine Stille! Kaum im Herzen mag
Ein Wunsch sich regen, daß es anders werde.
Und doch, o Herz, du weißt, es kommt der Tag,
Der wieder schmückt mit blühndem Kranz die Erde.

Autor

Johannes Trojans Liebe zur Natur, namentlich zur Pflanzenwelt war so ausgeprägt, dass sein Freund, der Ingenieur und Schriftsteller Heinrich Seidel, einmal sagte: „Wenn Trojan hingerichtet werden sollte, so würden ihn noch die am Wege zum Schafott wachsenden Blumen interessieren“ (Johannes Trojan, Erinnerungen, Verlag der Bücherfreunde, Berlin 1912, S. 187). Ausgedehnte Streifzüge durch die Natur, in denen er seinen Blick schweifen lässt, prägen das lyrische Werk Trojans. Zugleich stand er als Redakteur der politischen Satire-Zeitschrift „Kladderadatsch“ mitten in turbulenten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und gestaltete diese als meinungsbildender Journalist mit. Dabei achtete er streng auf eine Trennung zwischen objektivem Tatsachenbericht und subjektiver Bewertung. Seine harsche Kritik an der kaiserlichen Politik Wilhelms II. brachte ihm im Jahr 1898 als 61-Jähriger eine zweimonatige Festungshaft in Weichselmünde wegen Majestätsbeleidung ein. Wie viele seiner Erlebnisse verarbeitete er auch diese Erfahrung schriftstellerisch in seinem satirischen Bericht „Zwei Monat Festung“.

In der Doppelrolle des naturliebenden, betrachtenden Wanderers und des aktiven politischen Journalisten spiegeln sich in Johannes Trojan zwei Strömungen des 19. Jahrhunderts wider: Harmoniebedürftige, zur Idyllisierung neigende Bürgerlichkeit und Rückzug ins Innere nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 einerseits, und Beteiligung an den mit fortschreitender Industrialisierung zunehmenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und geopolitischen Verwerfungen andererseits, die langsam aber sicher auf die Krisen und letztlich auf die katastrophalen Kriege des 20. Jahrhunderts hinsteuern sollten.

Geboren am 14. August 1837 in Danzig wurden Johannes Trojan neben seiner Zwillingsschwester Johanna keine großen Zukunftsaussichten bescheinigt: „Für das junge Herrchen braucht kein Bettstellchen angeschafft zu werden, das wird sein Augchen bald wieder zumachen“, soll die Hebamme nach Geburt des kleinen Johannes gesagt haben. Entgegen dieser Prognose blieb Johannes am Leben und wuchs in Danzig auf, verlor jedoch mit vier Jahren seine Mutter. Seine Erinnerungen an die Mutter und seine Empfindungen an ihrem Grab hielt er in eindrücklichen Zeilen fest, die an Ludwig Uhlands „Schäfers Sonntagslied“ („Das ist der Tag des Herrn …“) erinnern:

Am Grabe meiner Mutter

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Stein - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Des Herzens ungestümes Pochen
Zeigt mir die Stelle, wo sie ruht,
Ihr habt mir oft von ihr gesprochen,
Ich kenn‘ den Platz, ich kenn‘ ihn gut.
Ich leg‘ um dieses Kreuz die Hände,
Ich leg‘ mein Haupt auf diesen Stein,
O könnt‘ ich so bis an mein Ende,
So ihrem Herzen nahe sein.
Ihr Auge ist noch nicht gebrochen,
Ich fühle seiner Blicke Glut, –
Des Herzens ungestümes Pochen,
Zeigt mir die Stelle wo sie ruht.

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Enges_Tal_düstere_Berge - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Im nahen Dorf die Glocken läuten,
Sonst Alles still und Alles schweigt,
Es hat mir mal in alten Zeiten
Ein Traum schon dieses Bild gezeigt,
Das enge Thal vor meinen Blicken,
Von düstern Bergen rings umragt,
Die Blumen auf dem Berge nicken
Vom leisen Morgenwind bewegt.
Mit ist als hätt‘ ich wie vor Zeiten,
Mein Haupt an ihre Brust geneigt –
Im nahen Dorf die Glocken läuten,
Sonst Alles still und Alles schweigt.

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Bergkapelle - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Johannes Trojan (zitiert nach Friedrich Mülder, Johannes Trojan, 1837 – 1915, Ein Spötter und Poet zwischen Kanzler und Kaiser, Frankfurt am Main, Berlin, Bern u. a. 2003, S. 35).

Als Jugendlicher hatten es Trojan die Schlesischen Berge angetan, die er auf einer „Sommerfrische“ erleben und durchwandern durfte. Nach Abitur am Städtischen (ehemals „Akademischen“) Danziger Gymnasium studierte Trojan zunächst fünf Semester Medizin in Göttingen, dann – seiner Neigung nachgehend – deutsche Sprache und Literatur in Bonn und Berlin. Nach dem Tode des Vaters 1862 musste er das Studium aus finanziellen Gründen abbrechen, wurde Redakteur der „Berliner Morgenzeitung“ und 1866 Chefredakteur der später berühmten Zeitschrift „Kladderadatsch“. In dieser Rolle hatte er bis 1906 nicht nur turbulente innen- und außenpolitische Entwicklung journalistisch zu verarbeiten, sondern auch stets mit der kaiserlichen Pressezensur zu kämpfen.

Neben diesen, dem Broterwerb dienenden tagespolitischen journalistischen Aktivitäten war Johannes Trojan als freier Schriftsteller tätig, worin er seine Berufung sah. Sein großes botanisches Interesse fand in zahlreichen naturwissenschaftlichen Abhandlungen seinen Ausdruck, etwa in ausführlichen Beschreibungen des Baumbestandes und des Lebensrhythmus der Wälder. Daneben verfasste er zwanzig Bände mit Gedichten und Erzählungen und zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Am 21. November 1915 starb Johannes Trojan in Rostock, deren Universität ihm in den Jahren zuvor ehrenhalber zunächst 1907 den Professorentitel und schließlich 1912 die Ehrendoktorwürde verliehen hatte.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker