Heilig und hoch – Jon Krakauer über die Grenzerfahrung Mount Everest

Man muss nicht gleich in Superlativa verfallen, um dem Mount Everest besondere Bedeutung beizumessen. In ihm spiegelt sich und kulminiert wie in einem Brennglas das Verhältnis des Menschen zum Berg: Seit Jahrtausenden und bis heute als heilig verehrt, führten Forscherdrang und neue Messtechniken im 19. Jahrhundert zu seiner „Entdeckung“ als höchster Punkt der Erde. Schon bald erkundete man seine Umgebung, seit den 1920er Jahren versuchte man, hinaufzugelangen. Symbolisch steht der Everest – ähnlich den Polen oder auch dem Mond – für den menschlichen Wunsch, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Mag dieser Drang vielen Gipfelunternehmungen zugrunde liegen, so hat der Mensch ihn in Gestalt des Everest auf die Spitze getrieben – und ist zugleich Getriebener in seinem Bestreben, auf das Dach der Welt zu gelangen. Trotz aller technischen Möglichkeiten bleibt das eine Grenzerfahrung, ein Unternehmen zwischen Leben und Tod. Dass der Mensch die gerade in dieser Extreme liegende Anziehungskraft zunehmend für kommerzielle Zwecke nutzt, markiert wiederum ein (allzu) menschliches Charakteristikum. Kaum einer beschreibt diese Auswüchse, aber auch die Faszination des Berges und die Auseinandersetzung des Menschen mit der Urgewalt „Everest“ in allen Höhen und Tiefen so anschaulich und eindringlich wie Jon Krakauer.

1. Über die Entdeckung des „Mount Everest“

»Die genauen Details des Ereignisses liegen im dunkeln, von Mythen umrankt Aber es war im Jahr 1852 und stattgefunden hat es in den Büros der Great Trigonometrical Survey of India, des britischen Landesvermessungsamtes, im indischen Dhera Dun, einem im nördlichen Bergland gelegenen Erholungsort für Europäer. Nach der glaubwürdigsten Version der Ereignisse stürmte ein Schreiber in die Räume von Sir Andrew Waugh, Indiens oberstem Landesvermesser und rief aus, dass ein bengalischer Kalkulator namens Radhanath Sikhdar, der der Außenstelle des Amtes in Kalkutta angehörte, den „höchsten Berg der Erde entdeckt“ hatte. […]

Bis zu dem Zeitpunkt als Sikhdar die Vermessungsdaten zusammengetragen und seine mathematischen Kalkulationen vorgenommen hatte, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass an Gipfel XV irgendetwas Bemerkenswertes sei. Die sechs Vermessungspunkte, von denen aus der Gipfel trigonometrisch erfasst wurde, lagen in Nordindien, mehr als 100 Meilen von dem Berg entfernt. Für die Vermesser war von Gipfel XV nur die oberste Spitze zu sehen. Der Berg selbst war von verschiedenen hohen Gebirgsgruppen, Gebirgsmassiven im Vordergrund verdeckt, von denen einige viel größer und mächtiger zu sein schienen. Aber nach Sikhdars penibel durchgeführten trigonometrischen Schätzungen, welche Faktoren wie Krümmung der Erdoberfläche, atmosphärische Refraktionskräfte und Richtscheitabweichungen miteinbezog [sic], erhob sich Gipfel XV 8840 Meter über dem Meeresspiegel und war damit der höchste Punkt des Planeten Erde.

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Von Der ursprünglich hochladende Benutzer war Hephaestos in der Wikipedia auf Englisch – Übertragen aus en.wikipedia nach Commons., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=916044

1965, neun Jahre nachdem Sikhdars Berechnungen bestätigt worden waren, verlieh Waugh Gipfel XV den Namen Mount Everest, zu Ehren von Sir George Everest, seinem Vorgänger im Amt des obersten Landvermessers. Nun hatten aber die Tibeter, die im Norden des großen Berges lebten, bereits einen viel klangvolleren Namen für ihn – Jomolungma, was soviel heißt wie „Göttin, Mutter der Erde“ -, während die Nepalesen, die im Süden angesiedelt waren, den Berg Sagarmatha nannten, „Göttin des Himmels“.«

Jon Krakauer, In eisige Höhen (Original: „Into thin air“), 11. Auflage, München 1998, S. 34 ff.

2. Auf dem Gipfel des Mount Everest

»Ich stand auf dem höchsten Punkt der Erde, den einen Fuß in Tibet, den anderen in Nepal, und befreite meine Sauerstoffmaske von Eis. Eine Schulter gegen den Wind gestemmt, blickte ich abwesend in die unermessliche Weite Tibets hinab. Ganz entfernt dämmerte mir, dass die Landschaftsflucht zu meinen Füßen ein überwältigender Anblick war. Von diesem Moment hatte ich monatelang geträumt, von dem Rausch der Gefühle, der ihn begleiten würde. Aber jetzt, endlich hier, tatsächlich auf dem Gipfel des Mount Everest angelangt, fehlte mir ganz einfach die Kraft, überhaupt etwas zu empfinden.

Karte Mount Everest - Route Hillary und Norgay.png
Von Lencer – own work, used:
Karte Mount Everest.png by Lencer
Routeninformation aus Märkische Allgemeine Zeitung, gedruckte Ausgabe vom 12.01.2008, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3507253

Es war am frühen Nachmittag des 10. Mai 1996. Ich hatte seit 57 Stunden nicht mehr geschlafen. Die einzige Nahrung, die ich in den letzten Tagen hinuntergewürgt hatte, war eine japanische Ramen-Suppe und eine Handvoll Schoko-Erdnüsse. Wochenlange Hustenanfälle hatten mir zwei beschädigte Rippenknochen beschert, die jeden Atemzug zur qualvollen Folter machten. Auf 8848 Meter hoch oben in der Troposphäre gelangte so wenig Sauerstoff in mein Gehirn, dass meine geistigen Fähigkeiten sich auf die eines kleinen Kindes beschränkten. Unter den Umständen fühlte ich so gut wie gar nichts mehr, außer Kälte und Erschöpfung.«

Jon Krakauer, In eisige Höhen (Original: „Into thin air“), 11. Auflage, München 1998, S. 26 f.

3. Abstieg vom Mount Everest (Gipfeltag)

»Um 18 Uhr 30, als das letzte Tageslicht aus dem Himmel sickerte, kam ich bis auf knapp 70 Höhenmeter an Camp Vier heran. Zwischen mir und der Sicherheit befand sich jetzt nur noch ein Hindernis: ein bauchiger Hang aus hartem, blankem Eis, über den ich ohne Seilsicherung absteigen musste. Graupelgeschosse, von 130-Stundenkilometer-Böen getrieben, zerstachen mein Gesicht, jede ungeschützte Stelle war augenblicklich gefroren. Die Zelte, die nicht weiter als 200 Meter entfernt standen, waren in dem Schneegestöber stets nur kurze Augenblicke zu erkennen. Es gab keinen Spielraum für Fehler. Aus Angst vor einem folgenschweren Fehler setzte ich mich hin, um vor dem weiteren Abstieg meine Energie zu sammeln.

Everest North Face toward Base Camp Tibet Luca Galuzzi 2006.jpg
Von I, Luca Galuzzi, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1810976

Einmal von den Beinen, überkam mich lähmende Trägheit. Es war ja so viel leichter, dazusitzen und sich auszuruhen, als sich endlich diesem gefährlichen Eishang zu stellen. Während er Sturm mir also um die Ohren pfiff, hockte ich einfach nur da, ließ meine Gedanken schweifen und blieb so vielleicht eine dreiviertel Stunde lang sitzen.«

Jon Krakauer, In eisige Höhen (Original: „Into thin air“), 11. Auflage, München 1998, S. 251

Autor

Durch seinen Vater früh an das Bergsteigen herangeführt, faszinierte den jungen Jon Krakauer der Bericht des mit seinem Vater befreundeten Willi Unsoeld: Er hatte 1963 gemeinsam mit Tom Hornbein den Mount Everest durch eine bis dato nicht begangene Felsrinne bestiegen, die später „Hornbein-Couloir“ genannt wurde.

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Von Luca Galuzzi – www.galuzzi.it Original uploader was User:Kassander der Minoer at de.wikipedia – Derived from Image:Everest North Face toward Base Camp Tibet Luca Galuzzi 2006.jpg; routes and labels added by Kassander der Minoer., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5289115

Krakauer wurde 1954 in Brooklyn in Massachusetts geboren und ist Bergsteiger und Autor zahlreicher Berichte und Reportagen über Expeditionen, namentlich für das US-amerikanische Magazin „Outside“. Bekanntheit erlangte vor allem sein Buch „In eisige Höhen“ mit dem englischen Originaltitel „Into thin air“. Darin schildert er seine Teilnahme an einer folgenschweren Expedition zum Mount Everest im Mai 1996 unter Führung des neuseeländischen Bergführers Rob Hall. Im Jahr 2007 erschien sein Buch „Into the Wild“ (deutscher Titel: „In die Wildnis“). Darin schildert Krakauer den Weg des jungen Christopher McCandless, der in der Wildnis ein freies Leben im Einklang mit der Natur sucht und dabei ums Leben kommt. Die Geschichte wurde später verfilmt.

Hintergrund

Jon Krakauer sollte im Jahr 1996 für die Zeitschrift „Outside“ einen Bericht schreiben und dabei auch die Kommerzialisierung der Everest-Expeditionen beleuchten. Hierfür nahm er mit sieben weiteren „Kunden“ an der vom erfahrenen neuseeländischen Bergsteiger Rob Hall geleiteten „Adventure Consultants Expedition“ teil. Zahlreiche Mitglieder dieser Expedition sowie der parallel auf der gleichen Route aufsteigenden „Mountain Madness Expedition“ unter der Leitung des US-amerikanischen Bergführers Scott Fischer verunglückten in einem überraschenden Sturm tödlich oder trugen schwerwiegende Folgen davon. Auch die Expeditionsleiter Hall und Fischer blieben am Berg. Krakauers umstrittenes Buch wirft ein Schlaglicht auf die Auswüchse des kommerzialisierten Alpinismus, beschreibt zugleich die Faszination des Extrembergsteigens und schildert die Leistungen und Tragödien an einem der größten Unglückstage am höchsten Berg der Erde.

Der russische Bergführer Anatoli Bukrejew (auch: „Boukreev“), seinerseits als Bergführer Mitglied der damaligen Mountain Madness Expedition Scott Fischers, widersprach zahlreichen Darstellungen Krakauers von den Geschehnissen am 10. und 11. Mai 1996 und schilderte seine Sicht der Dinge in seinem 1998 erschienenen Buch „Der Gipfel. Tragödie am Mount Everest“. Bukrejew wurde im Dezember 1997 gemeinsam mit dem Kameramann Dimitrij Sobolew während des Aufstiegs in der Annapurna-Südwand von einer Lawine verschüttet.

Berg

Der Gipfel des „Qomolangma“, auch „Jomolungma“ (tibetischer Name), Sagarmatha (nepalesischer Name) oder Mount Everest ist der höchste des Chomolungma-Massivs im Himalaya, dem auch die Berge Lohtse (8.516 m), Nuptse (7.861 m) und Changtse (7.543 m) angehören. Das Massiv entstand wie das Himalaya-Gebirge insgesamt durch den Zusammenstoß der tektonischen Platten Indiens und Asiens. Dieser vor circa 50 Millionen Jahren begonnene Prozess dauert an und führt dazu, dass das Himalaya-Gebirge einschließlich des Everest Jahr um Jahr unmerklich höher wird. Während der höchste Berg der Erde bei seiner „Entdeckung“ im Jahr 1852 aufgrund von Messungenauigkeiten auf 8.840 m gemessen wurde, taxiert man ihn heute auf 8.848 m. Der Everest liegt in der Grenzregion zwischen Tibet und Nepal. Da sein Gipfel die Grenze beider Länder markiert, hat man dort – wie Krakauer schreibt – „den einen Fuß in Tibet, den anderen in Nepal“.

The Himalayas from 20,000 ft. from Teton Gravity Research on Vimeo.

Zahlreich waren die – zunächst oft aussichtslosen – Versuche, den Everest zu besteigen. Sinnbildlich für den Wagemut der in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnenen Expeditionen mit geringen technischen Mitteln, aber auch für die schier unglaubliche Ausdauer und bemerkenswerten bergsteigerischen Fähigkeiten stehen George Mallory und Andrew Irvine, die als Teil einer britischen Expedition im Juni 1924 von ihrem zweiten Gipfelbesuch nicht zurückkehrten. Ob sie den Gipfel erreicht haben oder nicht, ist bis heute ungewiss, wird von den Forschern aber überwiegend verneint. Während Mallorys Leiche 1999 ohne konkrete Hinweise auf die erreichte Höhe gefunden wurde, blieb Irvine bis heute verschollen. Die belegte Erstbesteigung gelang Tenzing Norgay und Edmund Hillary am 19. Mai 1953. Ein weiterer Markstein war die Erstbesteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff am 8. Mai 1978 durch Reinhold Messner und Peter Habeler.

Am Everest scheiden sich die Geister. Für die Nepalesen hat der Berg mythische Bedeutung – er ist „Sagarmatha“, was sinngemäß „Stirn des Himmels“ bedeutet, wobei eine Übersetzung nur bedingt möglich ist. Auch für die Sherpas ist und bleibt der Qomolangma ein heiliger Berg und Sitz von Dämonen und Geistern, die es zu besänftigen und zu versöhnen gilt. Buddhisten verehren im Himalaya die „fünf Schwestern des langen Lebens“. Die dritte der Schwestern, Chomo Miyo Langsangma, ist für das Wohlergehen der Menschen, namentlich die Nahrungsaufnahme zuständig. Sie thront auf dem nach ihr benannten höchsten Berg, der geographisch den dritten von fünf Gipfeln bildet, was sich in der Bezeichnung „Qomo“ („Göttin“) und ,,Langma“ (,,Dritte“) widerspiegelt. Chomo Miyo Langsangma gilt als Schutzpatronin der Ackerbauern und der für die Menschen in der Bergregion lebenswichtigen Yaks. Die Sherpas stehen auch als Sinnbild für den Spagat zwischen Tradition und Moderne: Sie verehren den Berg und nehmen an kommerziell organisierten Expeditionen teil, die mit allen Mitteln moderner Technik versuchen, möglichst viele, auch weniger begabte Bergsteiger auf den höchsten Punkt der Erde – und bestenfalls wieder zurück – zu bringen. Mythischer Glaube einerseits und eine vom Markt bestimmte „Nutzung“ des Berges andererseits treffen nicht nur geistig aufeinander, sondern gehen in den Expeditionen buchstäblich Seite an Seite.

Vor jeder Besteigung führen die Sherpas traditionell ihre Puja-Zeremonie mit Gebeten und Opfern durch. Daran müssen auch die ausländischen Bergsteiger teilnehmen, um – so der Glaube der Sherpas – die Dämonen des Berges der anstehenden Expedition wohlgesonnen zu stimmen. Dass dies nicht immer gelingt, zeigt der Bericht Jon Krakauers von den Geschehnissen im Mai 1996.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker