„Schreiben und Steigen“ – Bergsteigen und Literatur bei Emil Zopfi

Der in seiner Schreibstube sinnierende Literat, versinnbildlicht in Carl Spitzwegs „armen Poeten“ ist das Gegenbild des Bergsteigers, jedenfalls wenn man sich diesen – gleichfalls klischeehaft – als draufgängerischen, die Herausforderung zwischen Leben und Tod suchenden Tatmenschen vorstellt. So das gängige Bild.

Der arme Poet (Carl Spitzweg)
Von Carl Spitzweg – 1. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.
2. Wichmann, Siegfried: Carl Spitzweg, München 1990, S. 57 ISBN 3-7654-2306-8
3. Cybershot800i, Eigenes Werk, aufgenommen 17. Juni 2011, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=159093

Indes gibt es auf den zweiten Blick zwischen Schriftsteller und Bergsteiger Berührungspunkte, die nicht nur dem Umstand geschuldet sind, dass sich Literatur bisweilen mit den Bergen befasst und mancher Schriftsteller gerne klettert. Nein, es gibt eine tiefergehende Verbindung, die wiederum rasch einleuchtet, wenn man unter „Bergsteigen“ nicht die bloße physische (Fort-) Bewegung eines Menschen auf einen Gipfel (und – bestenfalls – wieder zurück) versteht.

Katrin von Mengden-Breucker Bergsteigen ist auch Kopfsache

Katrin von Mengden-Breucker Bergsteigen ist auch Kopfsache

Wer schon einmal auf einen Berg gestiegen ist, weiß es: Bergsteigen ist anstrengend, aber keineswegs rein körperlicher Natur. Bergsteigen führt den Menschen in die Höhe, in Wind und Wetter, bisweilen in extreme Verhältnisse und meist in die Einsamkeit. Wer auf einen Berg steigt, ist auf sich selbst angewiesen, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Der Bergsteiger wird sich seiner selbst bewusst, wird – wie es so schön heißt – mit seinem Innern konfrontiert oder vielleicht besser gesagt: näher bekannt gemacht. So ist Bergsteigen zwar ein physischer, zugleich aber ein geistiger Vorgang – und gleicht darin durchaus der Schriftstellerei.

Der Zauber der Berge – Alpine Selbstreflexion

Der Schweizer Emil Zopfi ist Literat und Bergsteiger in einer Person. Vielleicht gestattet ihm dies, die Gemeinsamkeiten des Schreibens und Steigens so einfühlsam und anschaulich zu beschreiben wie kaum ein zweiter in der gegenwärtigen Literatur:

»Das gehört zum Zauber der Berge: In ihrem Anblick lesen wir uns selbst. Auf Schritt und Tritt begegnen wir unserer eigenen Geschichte in den Formen, Farben, Geräuschen und Gerüchen, die Erinnerungen wecken, Gefühle auslösen, unsere Seele bewegen. Eine Wurzel am Weg, ein Griff in der Wand, ein Sonnenuntergang, fallende Steine oder Nebelschleier lesen wir als Zeichen, als Botschaften. Die Sprache der Natur erzählt uns von unserer eigenen Natur.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 16)

Wanderweg_01 - Katrin von Mengden-Breucker - Bergzitat.de

Wie sich dem Bergsteiger mit zunehmender Höhe neue Ausblicke eröffnen, so öffnen sich ihm – gleichsam spiegelbildlich – Einblicke in sein Inneres. Bergsteigen ist kontemplativ, kann es zumindest sein, wenn sich der Steigende auf sein Inneres ebenso einlässt wie auf den vor ihm liegenden Berg und die umgebende Natur. Und wer einmal mit einem Text gerungen hat, seinen Gedanken und Empfindungen Wort für Wort einen Weg gebahnt hat, ein Stück weit gegangen ist, wieder umkehren und den nächsten Anlauf unternehmen musste, der weiß um die körperlichen Anstrengungen des Schreibens. Gemeinsam ist die Binnenrichtung des Blickes, das Schürfen im Innen bei gleichzeitiger Erweiterung des äußeren Horizontes. Sie sind sich also in vielem nahe: Der um die richtige Route ringende Bergsteiger und der um die richtigen Worte ringende Schriftsteller.

Dass Bergsteigen mehr ist als bloße körperliche Ertüchtigung oder Überwindung eines unfreundlichen Hindernisses, dass sich mit Entfernung vom Tal und Alltag der Menschen tatsächlich und geistig neue Perspektiven eröffnen, beschreibt der – auch von Emil Zopfi portraitierte – schweizerische Schriftsteller Meinrad Inglin (1893 bis 1971) eindrucksvoll:

»Jeder Bergsteiger kennt es. Die bewohnte Welt, in der er täglich durch ein Netz von Verpflichtungen stolpert und soviel Trübes sieht, Übles riecht, Lärmiges hört, liegt tief unten, er steht darüber in der reinen, frischen Luft, in lautloser Stille, von andern Bergen still umgeben und vom Himmel gewaltiger überwölbt als in Tälern und Ebenen; er ist über seine Sorgen emporgestiegen und hat sie überwunden wie die Beschwerden des Aufstiegs. Er ist für diesmal befreit davon, und so fühlt er sich in der Tat auch frei und ist höher gestimmt als je im Alltag. Dieses Höhengefühl, ein Hochgefühl eigener Art, teilt das Schicksal aller Hochgefühle, es geht vorüber, der Emporgestiegene steigt wieder ab und muss, gestärkt zwar, mit dem heimlichen Schimmer im Auge, geduldig warten, bis er wieder aufsteigen kann.«
(Meinrad Inglin, Werner Amberg, in: von Matt-Albrecht, Beatrice (Hrsg.), Meinrad Inglin, Werkausgabe in 8 Bänden, Atlantis Verlag Zürich 1981, Band 5, Seite 127).

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Die geistige Entdeckung der Alpen – Bergsteigen als Kultur

Blickt man in die Geschichte zurück, so waren Berge zunächst schlicht „natürliche Größen“; der Mensch musste mit ihnen umgehen, musste mit ihrer Mächtigkeit und Unberechenbarkeit leben. Berge waren Gegenstand mythischer Betrachtungen und Kulte. Erst nach und nach kam der Mensch auf den Gedanken, freiwillig auf einen Berg zu steigen. Mit der geistigen Reflektion dieses Vorgangs wurde das Bergsteigen Teil menschlicher Kultur. Als Ausgangspunkt hierfür gilt vielen Francesco Petrarcars Bericht über die Besteigung des Mont Ventoux im Jahr 1336.

Erst in der Renaissance und mit dem sich langsam entwickelten neuen Selbstbewusstsein, erkannte der Mensch die Besonderheit und Schönheit der Natur als solcher. Und erst am Ausgang der Barockzeit übertrug der Mensch das neu gewonnene Naturbewusstsein auf die unzugänglichen Berge. Literarisch brachte dies als erster Albrecht von Haller in seinem monumentalen Gedicht „Die Alpen im Jahr 1729 (erstmals veröffentlicht 1732) zum Ausdruck. Jean Jacques Rousseau griff diese Betrachtung auf und vertiefte sie 1761 in „Briefe zweier Liebender am Fuße der Alpen“, die später unter dem Titel „Neue Héloise“ erschienen und in denen er unter anderem die Schönheit der Bergnatur beschreibt.

Gipfel_Hochgefühl_02 - Katrin von Mengden-Breucker - Bergzitat.de

Als Teil der von Rousseaus propagierten Bewegung „Zurück zur Natur“ begannen Menschen, die Berge neu zu betrachten und zu erkunden: „Es begann das Zeitalter der Schweiz-Reisen. In erster Linie waren es wohlhabende Engländer, die nun herbeieilten, um die »Erhabenheit« und »wilde Schönheit« der Berge zu bestaunen. Nicht länger galt die Formlosigkeit der Berge als hässlich, weil »unkultiviert«. Das Gegenteil trat ein. Man betrachtete das Chaos der Formen als »schön«, weil es als natürlich galt und nicht von Menschenhand domestiziert“ (Angelika Wellmann (Hrsg.), Was der Berg ruft, Das Buch der Gipfel und Abgründe, Reclam Verlag, Stuttgart 2000, S. 271).

Nicht „Lesen statt Klettern“ [so der Titel eines Buches des Schweizer Schriftstellers Hugo Lötscher, Anm. Katrin von Mengden-Breucker], sondern „Lesen zum Klettern“ müsse es heißen, sagt Emil Zopfi (aaO, S. 14) und beschreibt damit die Prägung des Bergsteigens durch literarische Berichte. Es waren nicht zuletzt Schriftsteller, die dem Bergsteigen seine heutige Bedeutung gaben: Sie vermittelten eine Sichtweise auf Natur und Berge und deren Wirkung auf den Menschen, die den typischen Charakter eines „Bergsteigers“ ausmachen:

»Die Idee, dass eine Bergspitze ein erstrebenswertes Ziel sein könnte, für das sich Mühe und Gefahr lohnen, nimmt erst durch ihre literarische oder künstlerische Darstellung Gestalt an. Der Weg auf den Berg wird nachvollziehbar in Text und Bild, vom historischen Reisebericht des Dichters Francesco Petrarca über seine Besteigung des Mont Ventoux in der Provence im Jahr 1336 bis zu den Routenbeschreibungen, den „Topos“, den Fotos und Videofilmen der Sportkletterer des 21. Jahrhunderts. Bild und Bericht öffnen den Weg für die Nach- und Weitersteigenden. Klettern wird zu einer Art Lesen, wie die hervorragende Waadtländer Bergsteigerin und Autorin Betty Favre schrieb.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 13)

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Von Unbekannt – AS Verlag, Zürich. Dichter am Berg., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21747586

Es waren literarische Schilderungen, die dazu führten, dass sich Menschen in die Berge begaben, um deren Schönheit und Herausforderung nachzuspüren und die Überwindung von körperlichen und geistigen Widerständen auf dem Auf- und Abstieg zu erleben und in ihrem Innern wiederklingen zu lassen. So schufen auch Schriftsteller die Voraussetzungen dafür, dass sich ein Alpinismus im heutigen Sinne – mit allen Auswüchsen und Übertreibungen – entwickelte. Indem sie einen scheinbar banalen Vorgang kulturell überwölben und ihm geistige Bedeutung verleihen, sind Schriftsteller und Bergsteiger also Brüder im Geiste:

»Die geistige Entdeckung und die alpinistische Erschließung der Alpen ist [sic] ohne leitende und begleitende Texte, ohne Berichte und Geschichten nicht denkbar. Bergsteigen als Kultur besitzt urbane Wurzeln wie die Literatur oder die Bildenden Künste.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 15)

Autor

Emil Zopfi ist Bergsteiger und Schriftsteller. Angeregt nicht zuletzt durch Bergsteigerberichte in Büchern und Magazinen erfasste ihn früh die Leidenschaft für das Bergsteigen und Klettern, die ihn auf zahlreiche schwierige Touren und Gipfel führen sollte. Zopfi beschreibt eindrücklich seine erste Begegnung mit Bergsteigerberichten:
„Immer wieder musste ich nach dem Buch greifen, auf die Seite mit dem vergilbten Foto blättern; es übte einen mächtigen Reiz auf mich aus, ich musste es betrachten, mir einen Weg vorstellen. Ich musste diesen Berg sehen und vielleicht würde ich ihn trotz aller Furcht einmal versuchen.“ (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 8).

 

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Von Marcel Bertschi, Zürich – Fotograf Marcel Bertschi, Zürich, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9582438

 

1962 gelang ihm gemeinsam mit Hansruedi Horisberger eine Winterbesteigung der Südwand des Bockmattli im Wägital. Sein erster großer Berg war der Pilz Badile. Zopfi beschreibt das Gipfelerlebnis:

»Drei Jahre später stand ich mit meinem besten Freund auf dem Gipfel meines Zauberbergs; die Nordostwand des Piz Badile lag unter uns, ein Gewittersturm setzte ein, Hagel peitschte uns ins Gesicht. Wir hatten überlebt, und ich fühlte mich, als hätte ich mit dieser 900 Meter hohen Wand die Schwelle in ein neues Leben überwunden. Ich war erwachsen geworden.« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 11).

Piz Badile mit Nordkante und Nordostwand
Von Mg-kM. Klüber Fotografie, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37869

Emil Zopfi wurde 1943 in Wald im Kanton Zürich geboren und arbeitete zunächst als Entwicklungsingenieur und Computerfachmann in der Industrie. Nach seinem Debütroman „Jede Minute kostet 33 Franken“ 1977 verfasste er weitere Romane, Hörspiele, Kinder- und Jugendbücher, die sich mit den schweizerischen Bergen, aber auch mit anderen Themen, etwa den Einflüssen moderner (Computer-) Technik auf den Menschen auseinandersetzen. Zopfi schreibt aus eigener Erfahrung als Bergsteiger und Sportkletterer, aber doch mit dem kritisch-distanzierten Blick des Schriftstellers. In „Dichter am Berg“ – welch schöner, doppeldeutiger Titel! – sucht Zopfi in zwanzig Portraits, wie er selbst schreibt, „Lesend und kletternd“ Antworten auf die Frage: „Warum schreibt ihr über Berge?“ Zopfi erhielt zahlreiche renommierte Literaturpreise, darunter den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und den Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung. Näheres zu Zopfis Werken und seinen lesenswerten Blog finden Sie unter www.bergliteratur.ch.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

„In dem dunkeln Bergwald eine Lichte“ – Johannes Trojans wandernde Betrachtungen

Die Liebe zur Natur führte Johannes Trojan (1837 – 1915) auf ausgedehnte Fußwanderungen unter anderem durch die Schweiz, Oberitalien und den Harz. Im Ton des umherstreifenden Wanderers hielt Trojan seine Eindrücke dichterisch fest. Er bewegt sich in der literarischen Tradition des 19. Jahrhunderts, des Biedermeier und des Realismus, und lehnte den aufkommenden Naturalismus ebenso ab wie die harmlosen und verharmlosenden zeitgenössischen Werke, die er als „Butzenscheibenliteratur“ karikierte. Bekannt wurde Trojan als Chefredakteur der bissig-humoristischen Berliner Satire-Zeitschrift „Kladderadatsch“. Seine Dichtungen illustrieren den Blick des Wanderers auf Berge und Natur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die erste Ausgabe des Kladderadatsch (Mai 1848)
Von David Kalisch verfasste die erste Ausgabe vollständig – Kladderadatsch No. 1 vom 7. Mai. 1848, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9812539

Ein ruhiger, der Betrachtung geweihter Ton prägt Trojans Gedicht „Die Lärche“. Nicht ganz zufällig angesichts Trojans großer Sympathie für die Botanik, steht ein Baum im Mittelpunkt. Auf Maß und Mitte gerichtet steht er zwischen Tal und hohem Bergwald in der Mittagssonne, von ästhetischem Wuchs und im Einklang mit der Umgebung. Das Streben nach Harmonie, nach Harmonie und „heiler Welt“ war charakteristisch für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts, dem der Kaufmannssohn Trojan entstammte.

Selbstbewusst und anmutig erfreut die Lärche ihre Umgebung, zeigt sich zugleich aber auch verletzlich, wenn sie ungeschützt dem Winter ausgesetzt ist. Der finstere Tannenwald in der ersten Strophe wie der dunkle Bergwald in der letzten Strophe, die über der Lärche thronen und drohen, deuten auf die von Trojan früh erlebten und – noch unbestimmt – vorausgeahnten Gefährdungen hin, die sich im 20. Jahrhundert erstmals im Ersten Weltkrieg verwirklichen sollten, dessen Ausbruch Trojan kurz vor seinem Tode noch erlebte. In erster Linie malt Trojan mit der „Lärche“ aber ein stimmungsvolles Natur- und Landschaftsbild, das die Mittagsstunde lebendig werden lässt, in welcher der rastende oder innhaltende Wanderer der schönen Lärche begegnet und in der er seinen Blick nach unten ins Tal und nach oben zum Berg und seine Gedanken durch die Jahreszeiten schweifen lässt.

Die Lärche

Wohl sich fühlend in des Mittags Strahle
Steht sie da auf der besonnten Halde,
Blickt hinab zum hellen Wiesentale,
Blickt hinauf zum finstern Tannenwalde.

Johannes Trojan - Die Lärche Bergwald - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Frei anmutig strebt ihr Wuchs nach oben,
Was gefällt und hübsch läßt, ist ihr eigen.
Spitzenwerk, aus klarem Grün gewoben,
Hängt herab von ihren schlanken Zweigen.

Lieblich steht das zarte Kleid der Zarten,
Wenn im Wind leicht ihre Zweige schwanken,
Ihr zu Füßen blüht ein kleiner Garten,
Überspannen von der Erdbeer‘ Ranken.

Mélèze en Automne.JPG
Von Antony.sorrento in der Wikipedia auf Französisch – photo by Antony.sorrento, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=948798

Ach, im Winter steht sie kahl und frierend,
Nicht geschützt von wärmendem Gewande,
Bis der
Frühling kommt, sie also zierend,
Daß sie gleich der Schönsten ist im Lande.

Johannes Trojan - Die Lärche IMG_3830 - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Andre gibt’s von ernsterem Gesichte,
Die gewalt’ger ihre Häupter heben;
In dem dunkeln Bergwald eine Lichte,
Freut den Blick sie, kündend heit‘res Leben.

Albeck Seebachern Laerchenwald 25102013 869

Johannes Trojan

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Zahlreich sind Trojans Gedichte, in denen er seinen Landschaftserlebnissen Ausdruck verleiht. Auf seinen langen Wanderungen verharrte er immer wieder in Betrachtungen der Natur. Die dabei empfundenen und aufgesogenen Empfindungen verströmen seine Gedichte, die den Leser gleich dem Wanderer innehalten lassen. Im stillen, beschreibenden Ton des Realismus zeichnet Trojan ein lyrisches winterliches Stillleben in verschneiter Berglandschaft:

Winterstille

Nun hat der Berg sein Schneekleid angetan,
Und
Schnee liegt lastend auf den Tannenbäumen
Und deckt die
Felder zu, ein weißer Plan,
Darunter still die jungen Saaten träumen.

Johannes Trojan - Winterstille Winterlandschaft_Berge - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Fried‘ in der Weite! Nicht ein Laut erklingt –
Ein Zweig nur bebt und stäubt Kristalle nieder,
Gestreift vom Vogel, der empor sich schwingt –
Und still ist alles rings und reglos wieder.

Johannes Trojan - Winterstille Schnee_Zweig - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

In Winters Banden liegt der See und ruht,
Die Wellen schlafen, die einst lockend riefen.
Nicht spielen mehr die Winde mit der Flut,
Kaum regt sich Leben noch in ihren Tiefen.

Johannes Trojan - Winterstille Winterlandschaft_See - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

O Sonne, wenn durch Wolken du einmal
Hernieder blickst — wo blieb der Erde Prangen?
Schlafende Augen nur erblickt dein Strahl,
Er weckt kein Hoffen auf und kein Verlangen.

Johannes Trojan - Winterstille Winter_Weidenkätzchen_Knospe - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Welch‘ eine Stille! Kaum im Herzen mag
Ein Wunsch sich regen, daß es anders werde.
Und doch, o Herz, du weißt, es kommt der Tag,
Der wieder schmückt mit blühndem Kranz die Erde.

Autor

Johannes Trojans Liebe zur Natur, namentlich zur Pflanzenwelt war so ausgeprägt, dass sein Freund, der Ingenieur und Schriftsteller Heinrich Seidel, einmal sagte: „Wenn Trojan hingerichtet werden sollte, so würden ihn noch die am Wege zum Schafott wachsenden Blumen interessieren“ (Johannes Trojan, Erinnerungen, Verlag der Bücherfreunde, Berlin 1912, S. 187). Ausgedehnte Streifzüge durch die Natur, in denen er seinen Blick schweifen lässt, prägen das lyrische Werk Trojans. Zugleich stand er als Redakteur der politischen Satire-Zeitschrift „Kladderadatsch“ mitten in turbulenten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und gestaltete diese als meinungsbildender Journalist mit. Dabei achtete er streng auf eine Trennung zwischen objektivem Tatsachenbericht und subjektiver Bewertung. Seine harsche Kritik an der kaiserlichen Politik Wilhelms II. brachte ihm im Jahr 1898 als 61-Jähriger eine zweimonatige Festungshaft in Weichselmünde wegen Majestätsbeleidung ein. Wie viele seiner Erlebnisse verarbeitete er auch diese Erfahrung schriftstellerisch in seinem satirischen Bericht „Zwei Monat Festung“.

In der Doppelrolle des naturliebenden, betrachtenden Wanderers und des aktiven politischen Journalisten spiegeln sich in Johannes Trojan zwei Strömungen des 19. Jahrhunderts wider: Harmoniebedürftige, zur Idyllisierung neigende Bürgerlichkeit und Rückzug ins Innere nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 einerseits, und Beteiligung an den mit fortschreitender Industrialisierung zunehmenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und geopolitischen Verwerfungen andererseits, die langsam aber sicher auf die Krisen und letztlich auf die katastrophalen Kriege des 20. Jahrhunderts hinsteuern sollten.

Geboren am 14. August 1837 in Danzig wurden Johannes Trojan neben seiner Zwillingsschwester Johanna keine großen Zukunftsaussichten bescheinigt: „Für das junge Herrchen braucht kein Bettstellchen angeschafft zu werden, das wird sein Augchen bald wieder zumachen“, soll die Hebamme nach Geburt des kleinen Johannes gesagt haben. Entgegen dieser Prognose blieb Johannes am Leben und wuchs in Danzig auf, verlor jedoch mit vier Jahren seine Mutter. Seine Erinnerungen an die Mutter und seine Empfindungen an ihrem Grab hielt er in eindrücklichen Zeilen fest, die an Ludwig Uhlands „Schäfers Sonntagslied“ („Das ist der Tag des Herrn …“) erinnern:

Am Grabe meiner Mutter

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Stein - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Des Herzens ungestümes Pochen
Zeigt mir die Stelle, wo sie ruht,
Ihr habt mir oft von ihr gesprochen,
Ich kenn‘ den Platz, ich kenn‘ ihn gut.
Ich leg‘ um dieses Kreuz die Hände,
Ich leg‘ mein Haupt auf diesen Stein,
O könnt‘ ich so bis an mein Ende,
So ihrem Herzen nahe sein.
Ihr Auge ist noch nicht gebrochen,
Ich fühle seiner Blicke Glut, –
Des Herzens ungestümes Pochen,
Zeigt mir die Stelle wo sie ruht.

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Enges_Tal_düstere_Berge - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Im nahen Dorf die Glocken läuten,
Sonst Alles still und Alles schweigt,
Es hat mir mal in alten Zeiten
Ein Traum schon dieses Bild gezeigt,
Das enge Thal vor meinen Blicken,
Von düstern Bergen rings umragt,
Die Blumen auf dem Berge nicken
Vom leisen Morgenwind bewegt.
Mit ist als hätt‘ ich wie vor Zeiten,
Mein Haupt an ihre Brust geneigt –
Im nahen Dorf die Glocken läuten,
Sonst Alles still und Alles schweigt.

Johannes Trojan - Am Grabe meiner Mutter Bergkapelle - Katrin von Mengden Breucker Bergzitat

Johannes Trojan (zitiert nach Friedrich Mülder, Johannes Trojan, 1837 – 1915, Ein Spötter und Poet zwischen Kanzler und Kaiser, Frankfurt am Main, Berlin, Bern u. a. 2003, S. 35).

Als Jugendlicher hatten es Trojan die Schlesischen Berge angetan, die er auf einer „Sommerfrische“ erleben und durchwandern durfte. Nach Abitur am Städtischen (ehemals „Akademischen“) Danziger Gymnasium studierte Trojan zunächst fünf Semester Medizin in Göttingen, dann – seiner Neigung nachgehend – deutsche Sprache und Literatur in Bonn und Berlin. Nach dem Tode des Vaters 1862 musste er das Studium aus finanziellen Gründen abbrechen, wurde Redakteur der „Berliner Morgenzeitung“ und 1866 Chefredakteur der später berühmten Zeitschrift „Kladderadatsch“. In dieser Rolle hatte er bis 1906 nicht nur turbulente innen- und außenpolitische Entwicklung journalistisch zu verarbeiten, sondern auch stets mit der kaiserlichen Pressezensur zu kämpfen.

Neben diesen, dem Broterwerb dienenden tagespolitischen journalistischen Aktivitäten war Johannes Trojan als freier Schriftsteller tätig, worin er seine Berufung sah. Sein großes botanisches Interesse fand in zahlreichen naturwissenschaftlichen Abhandlungen seinen Ausdruck, etwa in ausführlichen Beschreibungen des Baumbestandes und des Lebensrhythmus der Wälder. Daneben verfasste er zwanzig Bände mit Gedichten und Erzählungen und zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Am 21. November 1915 starb Johannes Trojan in Rostock, deren Universität ihm in den Jahren zuvor ehrenhalber zunächst 1907 den Professorentitel und schließlich 1912 die Ehrendoktorwürde verliehen hatte.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker